Von Anke Dürr
Walker Evans, dem Levitt, selbstbewusst und direkt wie sie ist, ihre Arbeiten zeigt, nachdem Cartier-Bresson 1936 New York verlassen hatte und sie wieder jemanden braucht, dessen Meinung sie ernst nehmen kann, hatte ihr geraten: "Versuch nicht, politische Botschaften in deine Bilder zu packen." Sie hält sich dran.
Aber hat sich nicht Walker Evans selbst widersprochen, als er für die Farm Security Administration arbeitete, um das Elend der Landbevölkerung zu dokumentieren? "Das war ein Job", sagt Levitt mit etwas Verachtung in der Stimme. Und außerdem: "Egal, was Walker tat, er hat einfach immer wunderbare Bilder gemacht, er konnte gar nicht anders." Sie guckt herausfordernd und scheucht ihren Kater fort, der es sich neben ihr bequem machen will.
Aber auch Levitt kann von der Straßenfotografie nicht leben, obwohl sie bereits 1943 eine erste Einzelausstellung im MoMA hat. Ein Freund vermittelt sie zum Film; sie landet bei Luis Buñuel, der während des Kriegs Filme für den südamerikanischen Markt bearbeitet. Sie wird Cutterin, beginnt aber bald, selbst Filme zu drehen. Ihr Motiv: die Menschen auf der Straße. Der 16-Minuten-Film "In the Street" gilt als Meilenstein in der Geschichte des Experimentalfilms, den sogar Charlie Chaplin lobte; "The Quiet One" (1948), über ein Heim für schwererziehbare Jugendliche, wird für den "Oscar" nominiert.
1959 hat Levitt genug davon, im Team zu arbeiten, und kehrt mit ihrer Kamera zurück auf die Straße; sie fotografiert jetzt in Farbe. Musste sie das nicht erst lernen, die Farbfotografie? "Nein, wieso? Man nimmt einen Farbfilm, legt ihn in die Kamera ein und drückt ab", sagt sie. "Die meisten meiner Schwarzweißfotos wären in Farbe genauso gut gewesen."
Levitts Bilder aus den sechziger und siebziger Jahren sind statischer als die frühen Schwarzweißfotos, die Menschen wirken abgerissener, auch vereinzelter, häufig stehen sie etwas verloren auf dem Gehsteig herum; Kinder kommen nur noch selten vor; kaputte Autos umso häufiger. Intuitiv hat Levitt die Verelendung der Viertel erfasst.
Da gibt es das alte Paar vor dem Liquor-Store, sie sitzt gebeugt auf einem roten Stuhl, er hat ihr den Rücken zugedreht; da ist die Frau im geblümten Kittel mit der blauen Badehaube; oder die Alte auf dem Treppenabsatz mit dem verbundenen Knie, deren Frisur ähnlich struppig ist wie das Fell ihres Hundes. Aber häufig scheint wie auf Levitts frühen Bildern auch ihr Sinn fürs Groteske durch - die Stadt-Hühner vor den geblümten Stühlen, die dicke Frau, die sich mit ihren Kindern in die Telefonzelle quetscht.
Gibt es für Levitt eine Grenze, bei der sie sagt: Diese Situation ist zu intim, die fotografiere ich nicht? "Nein", sagt sie, "ich habe keine Regeln." Wieso lässt sie sich schon lange nicht mehr fotografieren, obwohl sie doch selbst auch alte Menschen aufgenommen hat? "Ja, habe ich getan, aber von mir will ich keine Fotos." Hat sie sich für das Schicksal der Leute interessiert? "Ich habe mich nicht für ihr ihr Leben interessiert, sondern für meine Fotos. Ich bin keine Soziologin." Ist sie nie mit den Leuten ins Gespräch gekommen? "Nein, ich habe mit niemandem geredet. Ich bin immer gleich weitergegangen."
Levitts Bilder sind so wie diese Sätze: Straight, direkt, unsentimental. Wie New York. Die harte Haltung Levitts hat die Menschen auf den Fotos auch geschützt - vor dem Kitsch und dem Klischee.
Kunstexperten beschreiben die Szenen auf Levitts Fotos gern mit Theater- oder Tanzmetaphern. Die Fotografin selbst weigert sich bis heute, Worte für ihre Bilder zu finden. Auch in ihrem neuen Fotobuch, das anlässlich des Spectrum-Preises und der Ausstellung in Hannover erscheint, gibt es keine Bildunterschriften, nicht einmal Hinweise, wann und wo die einzelnen Bilder entstanden sind.
Natürlich gibt es zahlreiche Versuche, Levitts Werk mit Seminaren und Doktorarbeiten nahezukommen. Levitt findet das so unnötig wie die Idee, auf ihren Spuren durch die Lower East Side zu laufen, um zu sehen, wie sich alles verändert hat seit der Zeit, als sie dort ihre Schwarzweißbilder gemacht hat.
"Wozu denn?", fragt sie, "es hat sich doch nichts geändert." Da greift ihr Assistent ein: "Doch, Helen", sagt er, "alles hat sich geändert."
Sie schweigt, aber in ihrem Gesicht steht geschrieben: Ihr werdet schon sehen. Meine Bilder sind stärker.
Helen Levitt. Spectrum - Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen 2008. Sprengel Museum Hannover, 10.2.-25.5., Tel. 0511/16 84 38 75. Zur Ausstellung erscheint ein Bildband im Hatje Cantz Verlag.
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