Nun, da Die Linke gesamtdeutsch wird, stehen uns gewiss bald noch mehr Debatten darüber ins Haus, ob und inwiefern Essen und Soziales zusammen gehören. Ich will hier zur Sicherheit daran erinnern, dass der heutige Klassenkämpfer Oskar Lafontaine zu seinen Zeiten als saarländischer Ministerpräsident wegen kulinarischer Eskapaden politische Krisen auszustehen hatte. Er hielt sich damals, auf Kosten der Steuerzahler, einen vorzüglichen Leibkoch – und man hätte ihn dafür loben sollen statt ihn zu verteufeln; vielleicht wäre alles ganz anders gekommen und der gute Mann noch immer in der SPD.
Aber Klassenkampf – er ist derzeit schwer in Mode, gern auch von oben nach unten, und dabei kommt er nicht selten kulinarisch maskiert daher. Der schnittige Bremer Professor Paul Nolte, der die meisten Patente auf gepflegtes Unterschichten-Bashing hält, hat schon vor Jahren damit angefangen, "Dick & Doof" als neue soziologische Kriterien zu etablieren. Nun sickert diese Art gut-bürgerlicher Grundlagenforschung in die Gesellschaft ein und folglich früher oder später auch in die "Süddeutsche Zeitung".
Sie jedenfalls widmete dieser Tage ihren Seite-eins-Aufmacher jubilierend der neuen großen "Verzehrstudie" aus dem Hause von Bundesverbraucherminister Horst Seehofer und titelte: "Bildung macht schlank". Es mag an mir liegen, dass ich gleich die böse Assoziation hatte: "Arbeit macht frei", aber geschenkt, der erste Satz des Fließtextes lautete auch noch: "Menschen mit geringer Bildung sind im Durchschnitt deutlich dicker als Menschen mit höherem Bildungsgrad." Und da horche ich dann doch kurz auf, zumal ich mir die ebenso gebildeten wie schlanken Münchner Redakteure lebhaft vorstellen kann, wie sie sich auf den Fluren ihren Stolz über die schicke Schlagzeile und ihre am Viktualienmarkt geschulte Überlegenheit zurufen. Kein sehr schönes Bild.
Mein Punkt ist der: Die Ergebnisse der ominösen "Verzehrstudie", die die Essens- und Lebensgewohnheiten von immerhin 20.000 Deutschen spiegeln, sind bei Licht betrachtet ein ziemlich alter Hut. Das einschlägige Standardwerk zum Thema, "Die feinen Unterschiede" des Franzosen Pierre Bourdieu, erschien im Original schon im Jahr 1979, und es enthielt bereits so gut wie alles, was die deutschen Forscher und Statistiker nun vorlegen.
Dick, krank und unglücklich
Nichts hat sich, im Grundlegenden, in den vergangenen 30 Jahren geändert. Arbeiter und Bauern schätzten damals fettes Schweinefleisch und dicke Bohnen, während Angestellte und Professoren (und Zeitungsredakteure) schon häufiger zu Huhn, Reis und Gemüse griffen. Nun mag das Schweinefleisch von damals heute Fast Food heißen, und der Professor greift mehr zum Sushi als zum Huhn, aber trotzdem ist an Bourdieus Befunden nicht weiter viel zu rütteln. Geändert hat sich allerdings, und das nun aber ganz wesentlich, die Tonart, in der über derlei soziale Phänomene nachgedacht und geschrieben wird.
Wo Bourdieu sich noch durchgängig leise angewidert davon zeigte, wie die sozial Schwachen von den sozial Starken Millimeter für Millimeter abgehängt und am Ende eben auch ästhetisch-körperlich zu einer quasi-aussätzigen Kaste gestempelt werden, gilt heute von Paul Nolte bis "Süddeutsche" der triumphierend-missbilligende Blick von oben auf die da unten. Es wird nicht länger nüchtern gezeigt, wie sich Milieus ökonomisch ausbilden und dann kulturell voneinander abgrenzen. Es wird vielmehr nur noch "gezeigt", wie die arbeitslosen Deppen selber daran schuld sind, wenn sie dick werden, krank und unglücklich.
Aber das geht nun gar nicht. Obwohl ich hier selber Woche für Woche für die These antrete, dass Essen mit gelingendem Leben zu tun hat und dass Essen ein hohes, nicht einfach so käufliches Kulturgut ist, obwohl ich daran glaube, dass Essen glücklich macht und vermutlich auch gesund erhält - noch nie bin ich auf die Idee gekommen, dass bessere Esser auch bessere Menschen sein könnten, und niemals könnte ich mich den gerade modischen Denkschulen anschließen, die aus ein paar einsilbigen Eckdaten wie Schulabschluss, Essbudget und Body-Mass-Index gleich ein ganzes Menschen-, wo nicht Gesellschaftsbild zusammen rühren.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!
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