Von Marc Pitzke, New York
New York - Wie gefährlich Kriegsreporter leben, hat Tim Hetherington am eigenen Leibe erfahren. Der britische Fotograf befand sich im Oktober zum dritten Mal in Afghanistan, im Korengal-Tal, dem "Tal des Todes", wie es die US-Truppen nennen.
Hetherington begleitete die Soldaten des 2nd Platoons, einer Fallschirmjägereinheit des 503rd Infantry Regiments. Eines Nachts gerieten sie in ein Feuergefecht mit Aufständischen. Im Gewirr stürzte Hetherington schwer, brach sich das Wadenbein und musste notevakuiert werden.
"Es hätte schlimmer kommen können", sagt Hetherington, 37, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ich lebe noch." Doch der komplizierte Bruch fesselte den Londoner monatelang an Krücken. Bis heute ist er in Nachbehandlung in New York, an der Uniklinik der Columbia University. Langsam lernt er wieder laufen. Spätestens im April will er zurück nach Afghanistan.
Hetherington will zurück zu den Soldaten des 2nd Platoons, weil die Geschichte, die er über sie erzählen will, "noch lange nicht fertig ist", wie er sagt. Ein Teil dieser Geschichte ist inzwischen jedenfalls weltbekannt: Das Foto eines erschöpften Soldaten, das Hetherington bei einer vorherigen Tour mit dem 2nd Platoon gemacht hatte, wurde jetzt als Foto des Jahres 2007 ausgezeichnet. Es repräsentiere "die Erschöpfung einer Nation", schrieb die Jury.
Wie es jedoch zu diesem Foto kam, die genauen Umstände, die Stunde, der Moment, an dem es entstand an jenem 16. September 2007: All das ist packender, als es jedes Jury-Lob erfassen kann. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schildert Hetherington die Hintergründe - und damit auch das Trauma eines vergessenen Krieges, zumindest in den USA.
"Hautnah an die Soldaten ran"
Was er dabei nicht enthüllt, ist der Name des fraglichen Soldaten. Denn der ist weiter an der Front, ein anonymer Kämpfer für eine Sache, die daheim kaum mehr einen interessiert. Wer weiß also, ob ihm die Rolle des unfreiwilligen Antikriegssymbols überhaupt passt. "Ich hab's ihn wissen lassen", sagt Hetherington. "Er hat sich noch nicht zurückgemeldet."
Es war Hetheringtons zweite Reise nach Afghanistan, nachdem er bereits 2001 einmal dort gewesen war. Das US-Monatsblatt "Vanity Fair", bekannt für seine opulenten Reportagen, hatte ihn beauftragt, das 2nd Platoon zu begleiten, gemeinsam mit dem Star-Autor Sebastian Junger, den manche schon den neuen Hemingway nennen. Anfangs sah Hetherington den Auftrag nur "als eine Hilfe, die Miete zu zahlen". Bald wurde es mehr.
Sie wurden "embedded", eingebettet, also zu zivilen Mitgliedern der Einheit - ohne weiteres Militärtraining. "Ich kenn' mich da schon aus", sagt Hetherington nonchalant, obwohl er sich selbst ausdrücklich nicht als professioneller Kriegsfotograf sehen will. "Es ist mein Job."
Das "embedding" - von manchen Reportern als zu distanzlos kritisiert - war genau das, was Hetherington in Afghanistan suchte. "Ich wollte hautnah an die Soldaten ran", sagt er. "Ich brauchte intime Aufnahmen, um dem Westen ihre Lage verständlich zu machen." So hatte er auch schon frühere Fotoserien geschaffen: die Folgen des Tsunamis 2004, der Bürgerkrieg in Liberia, New York nach dem 11. September.
"Wie eine Maschine"
Die damals 20 Mann des 2nd Platoons gelten als Speerspitze der US-Streitkräfte im "Valley of Death", dem gefährlichsten Tal in Nordostafghanistan. Ihre Mission: Die Zone der US-Kontrolle stetig auszuweiten und den Taliban-Kämpfern, Aufständischen und Al-Qaida-Zellen dabei die Verbindung nach Kabul abzuschneiden. Über die lebensgefährliche Mission der US-Truppen im Korengal-Tal hatte ein SPIEGEL ONLINE-Reporter schon im Jahr 2006 berichtet, der ebenfalls Soldaten in die Berge begleitete.
Die Männer hatten einen Vorposten gebaut, der einen Teil des Tals überblickte und immer wieder unter Beschuss kam. Eine Erdfestung auf einem Hügel, "vielleicht 20 mal 40 Meter", sagt Hetherington, die sie mit bloßen Händen aufgeschüttet und "Restrepo" genannt hatten, nach dem 20-jährigen Sanitäter Juan Restrepo, der im Juni in einem Hinterhalt gefallen war.
Der 16. September 2007 war ein Sonntag. "Ein Tag mit ziemlich schweren Kämpfen", erinnert sich Hetherington. Per Funk hatten sie erfahren, dass die Taliban 20 Handgranaten und drei Selbstmordwesten ins Tal gebracht hatten. Schon jetzt wurden sie dauernd beschossen. Einer der Soldaten brach sich das Bein und musste mit Morphium ruhiggestellt werden. Der Feind rückte näher. "Wir fühlten uns wie Zielscheiben", sagt Hetherington. "Die Stimmung im Camp war ziemlich düster."
Hetherington schaltete, wie immer in solchen brenzligen Lagen, "auf Autopilot", wie er es nennt. "Ich konzentriere mich dann völlig auf meinen Job. Fast wie eine Maschine. So wie die Soldaten auch." So was verdrängt die Angst, den Schmerz, die Hilflosigkeit. Kurz zumindest.
An jenem Abend taten sie kaum ein Auge zu. Alle drückten sich an die Erdwand, die dem Angriffspunkt des Feindes abgewandt war. Es war in dieser dunkelsten Stunde, als Hetherington jenes Foto schoss, das nun die ganze Welt bewegt: Ein blutjunger Soldat lehnt an dem Erdhügel, Helm in der Hand, Arme dreckverschmiert. Er wischt sich den Schweiß vom Gesicht und guckt dabei direkt in die Kamera, mit vergangenem Blick, sein Mund geöffnet, halb entsetzt, halb übermüdet. An der linken Hand trägt er einen Siegelring.
Es ist ein dunkles, unscharfes, kontrastarmes Foto. "Manche kritisieren das jetzt", sagt Hetherington. Aber es entspreche dem Gefühl der Stunde - und des ganzen Krieges. "Es zeigt hautnah, was in dem Moment geschah, und es hat zugleich zeitlose, symbolische Bedeutung."
"Sie setzen für uns ihr Leben aufs Spiel"
Hetherington hat in Afghanistan noch viele Bilder gemacht. Einige wurden im Januar in "Vanity Fair" veröffentlicht, andere sind auf seiner Website zu sehen. Darunter eine Reihe fast idyllisch wirkender Porträts der kindlichen Krieger.
Lieutenant Matt Piosa, 24, der Führer des Platoons, sieht darauf aus wie ein aufmüpfiger Schuljunge. Sergeant Kevin Rice, 27, guckt zweifelnd in die Kamera. Rice wurde kurz darauf schwer verletzt - eine Szene, die Hetherington mit einer Videokamera für ABC News festhielt. Auf dem Video bricht einer der anderen Soldaten heulend zusammen.
"Irgendwann holen einen die Gefühle ein", sagt Hetherington. "Und dann brechen sie sich willkürlich Bahn." Manchmal auch heute noch.
Auf einen Preis hatte es Hetherington nie abgesehen. Er wollte mit seinen Bildern nur die Geschichte der Soldaten des 2nd Platoon erzählen - "eine furchtbare Geschichte, eine starke Geschichte, denn sie setzen für uns ihr Leben aufs Spiel". Und so ist der World Press Photo Award, mit einem Preisgeld von 10.000 Euro, für ihn auch "eine große Ehre". Nicht zuletzt, "weil er die Aufmerksamkeit erhöht" für diesen Krieg, von dem keiner mehr spricht.
Die Jury wählte Hetheringtons Bild aus 80.536 Einsendungen aus. Die Preisverleihung ist Ende April in Amsterdam, anschließend wandert die Ausstellung aller 59 Preisträger um die Welt. Da hofft Hetherington, so genesen, längst wieder gemeinsam mit Junger auf dem Weg nach Afghanistan zu sein, zum 2nd Platoon. Er kann nicht anders: "Ich muss einfach zurück."
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