Von Christian Buß
Kann man mit einem Körper, der vermutlich auf mehrere Millionen Dollar versichert ist, eigentlich noch Spaß haben? Heidi Klum schon. Bei einem Werbedreh für den Schlüpfer-Fabrikanten Victoria's Secret spielte sie überdreht an ihren Brüsten herum, die durch ihre damalige dritte Schwangerschaft beachtlich an Größe gewonnen hatten. Klum wog sie mit gespieltem Erstaunen wie zwei obskure fremde Gegenstände in ihren Händen, pries sie dann wie eine Marktfrau ihr Gemüse und richtete sie schließlich nach Art eines Maschinengewehrs in die Kamera. Sehr lustig.
Es ist ja nicht so, dass all die gefrorenen Lächeln auf den Laufstegen dieser Welt von großer Lebensfreude künden. Heidi Klum ist offensichtlich anders, sie setzt all den Hungerhaken, Kalorienzählern und Leichenbitterminen des Modelbetriebs geballte Lebensfreude entgegen. Sie ist der Star einer Gute-Laune-Show, bei der sie selber Regie führt.
So präsentierte sie sich jedenfalls gestern bei Reinhold Beckmann. Sichtlich erfreut ließ sie den Moderator das erwähnte Busenfilmchen abspielen, vorher hatte das Million-Dollar-Babe Klum mal wieder von den fettreichen Leckereien bei "Hähnchen Ewald" geschwärmt und vom Faulenzen am Pool.
Glücklicherweise zeigte Beckmann aber auch einen ziemlich brutalen Zusammenschnitt von ziemlich brutalen Auftritten Klums bei ihrer Casting-Show "Germany's Next Topmodel". Hatte man doch schon glatt vergessen, dass die 34-Jährige eben auch die Modelschleiferin ist, die deutsche Anwärterinnen auf eine internationale Laufstegkarriere zurück in ihr provinzielles Aschenputteldasein schickt.
Das große Geheimnis-Los
Wer also ist Heidi Klum? Eine Frage, die Reinhold Beckmann jetzt schon zum wiederholten Male in einer extra für sie ausgerichteten Sendung stellte – und auch diesmal nicht wirklich beantworten konnte. Denn so offenherzig und aufgeknöpft sich der Weltstar aus Bergisch Gladbach bei Homecoming-Veranstaltungen im Allgemeinen und den von Beckmann moderierten im Speziellen präsentiert, so wenig gibt er von dem Geheimnis seines Erfolges preis. Vielleicht gibt es ja auch gar kein Geheimnis.
Bezeichnend zum Beispiel die Antwort Klums darauf, ob sie Image-Umfragen machen ließe. Nein, sie mache alles nur aus ihrem Herzen heraus. Aha. Ziemlich unergiebig auch die Frage, was absolute Priorität in Leben genieße. Klum sagte klar: "Die Familie ist die Nummer eins." Um dann ebenso klar nachzuschieben: "Aber auch der Job ist sehr wichtig."
Viele der Fragen, die Beckmann mit einem Nachdruck stellte, als gelte es ein Politikum zu diskutieren, ließ Klum ebenfalls recht ungerührt an sich vorbeiziehen: "Heidi, wieso sehen deine Models alle so dünn aus?" Oder: "Heidi, warum gibt es keine Lobby für weibliche Models in Paris?" Oder auch: "Heidi, gab es wirklich keine richtige Begegnung mit dem großen Karl?" Nö, so des Models trockene Antwort, den Lagerfeld habe sie nur einmal ganz kurz getroffen.
Pfundskerl, diese Frau
Vielleicht liegt das Geheimnis ihres Erfolges ja tatsächlich darin, dass Klum, die für den Pariser Laufsteg ja tatsächlich ein oder zwei Pfunde zu viel wiegt, sich nicht um die üblichen Allianzen des Glamour-Geschäfts scherte – oder aus purer Not heraus sich einfach ganz eigene aufbaute. Wer hätte denn je gedacht, dass ein Laufsteg-Casting für einen Privatsender zum nationalen Aufreger taugt?
Doch ab 28. Februar läuft nun eben die dritte Staffel der vieldiskutierten Reihe "Germany's Next Topmodel". Und zwar mit dem Zusatz "by Heidi Klum". Ein Coup, für den jeder Marketingstratege vor ihr auf die Knie geht. Die Lebensfrohe ist ja längst ein Multimillionen-Dollar-Unternehmen geworden. Und um dafür die Werbetrommel zu rühren, setzt sie sich dann gerne auch mal wieder in eine dieser lustig-lästigen Talkshows.
Im Schlepptau hatte sie gestern übrigens die Gewinnerinnen der letzten beiden "Topmodel"-Staffeln, die trotz all des Schönaussehens das Abi und das Studium kaum vernachlässigten und mithin genau die bodenständige Chuzpe an den Tag legen, auf die Klum bei sich selber so stolz ist. So ließ es sich Montagabend glaubhaft und locker über ihr Dasein zwischen Sparfuchs-Kleinbürgertum und Glamour-Industrie plaudern. Motto: "Mein Mann, mein Haus, mein Make-up-Artist."
Klar, über Seal, der nachts Songideen in sein Aufnahmegerät haucht, wurde natürlich ebenfalls gesprochen. Auch über das Heiligtum Familie, das Glaube, Kraft und Sicherheit versprechen würde – und das sogar so stark ist, dass es einen Eindringling wie Britney Spears überstände. Die derangierte Sängerin lud Klum jedenfalls zu sich nach Hause ein, um sie dort wieder aufzupäppeln.
Hähnchen pour femme
Übermutter der Glamourwelt, Matriarchin des eigenen Familienkonzerns, kluges Kind aus deutscher Provinz: Das sind die Rollen, die Klum allesamt perfekt verkörpert, ohne dabei durcheinander zu kommen. Mag sein, dass die Lässigkeit, die sie bei dieser Aufgabenballung an den Tag legt, nur gespielt ist. Aber immerhin ist sie selbstbestimmt.
Und Klum hat hart trainiert: Der Schmutz und die Zumutungen des Medienbetriebs, sie scheinen einfach abzuperlen an dem Brathähnchen-Babe aus Bergisch Gladbach.
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH