Frage: Alle Bilder der Rockstarserie sind auf Spiegel montiert. Ein Medium oder eine Metapher, die sich in vielen Ihrer Arbeiten wiederfinden lässt.
Gordon: Meine erste Spiegelarbeit benutzt den Spiegel eher als Referenz und weniger als tatsächliches Material. Es handelt sich um die Videoarbeit "Through the Looking Glass" von 1998/99, benannt nach Lewis Carrolls Buch "Alice hinter den Spiegeln". Die Idee bestand darin, mit der berühmten Szene aus "Taxi Driver", in der De Niro mit sich selbst im Spiegel spricht, herumzuspielen. Der Spiegel besteht grundsätzlich aus zwei verschiedenen Oberflächen. Die eine ist Silber, die andere Glas. Ich interessiere mich für den Raum zwischen den beiden, den Moment, bevor das Bild entsteht. An diesem Ort hat man keinen realen Körper mehr, man ist aber auch noch nicht als Bild reflektiert. Im Zwischenraum des Spiegels existiert man nur halb. Es geht also nicht um "hinter den Spiegeln" als vielmehr um "im Spiegel steckend".
Frage: Der Spiegel ist auch das Symbol für eine gespaltene Persönlichkeit. Stars haben von Natur aus eine doppelte Identität. Eine virtuelle Existenz in Bildern und in unserer Fantasie und eine im realen Leben. Oftmals überlagern sich die beiden Ebenen.
Gordon: Die Idee der doppelten Persönlichkeit ist allgegenwärtig in der schottischen Kultur. Man denke nur an "Dr. Jekyll and Mr. Hyde" und James Hoggs "The Private Memoirs and Confessions of a Justified Sinner". Als Kind bin ich in Schottland mit der Mythologie aufgewachsen, dass sich die Dinge ändern, sobald die Sonne untergeht. Als ich noch jünger war, war es einfacher, mit der Idee mehrerer nebeneinander existierender Persönlichkeiten in einem Körper zu leben. Von 9 bis 12 Uhr konnte ich ein ganz anderer sein als zwischen 12 und 18 Uhr und dann, ab 18 Uhr, wieder jemand anderes. Heute fällt mir das schwerer. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich jetzt Vater bin. Versucht man, als multiple Persönlichkeit zu leben, kann man seinem Kind nicht die Stabilität bieten, die es braucht. Daher spüre ich den Druck, mich einer gewissen Kontinuität anzupassen.
Frage: Ist es ein Zufall, dass die meisten Ihrer Stars bereits tot sind?
Gordon: Ich interessiere mich mehr für Leute, die tot sind, als für Leute, die noch am Leben sind. Vielleicht hat das mit meinen Erinnerungen daran zu tun, wie es war, als Kind Stars anzuschauen. Wegen meiner religiösen Herkunft hatte ich schon immer eine merkwürdige Beziehung zu Bildern und Stars. Meine Mutter ist Zeugin Jehovas. Ich bin also in einer protestantischen Kultur aufgewachsen, wo Bilder, im Gegensatz zum Katholizismus, keinen hohen Stellenwert haben. Als Kind habe ich mich dadurch isoliert gefühlt. Später hat sich dann herausgestellt, dass zum Beispiel Patti Smith, Kim Gordon und Kendall Geers auch alle von Zeugen Jehovas erzogen wurden. Merkwürdig – mir wird gerade etwas zum ersten Mal bewusst: Die Reformatoren haben im 16. Jahrhundert ganze Kirchen in Brand gesetzt und Tausende von Bildern zerstört. Darüber hab’ ich noch nie richtig nachgedacht, aber man könnte meine Arbeiten als zeitgenössischen Bildersturm bezeichnen.
Frage: Stars sind gottgleiche Gestalten. Das erste der Zehn Gebote besagt: "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben."
Gordon: Ja, genau, als Kind durfte ich zum Beispiel keine Starposter in meinem Zimmer aufhängen. Man könnte sagen, dass die Film- und Rockstarinstallationen ein heimlicher Wunsch sind, mir das Jugendzimmer nachzubauen, das ich niemals hatte.
Frage: Zusammen mit Philippe Pareno haben Sie einen 90-minütigen Film über einen einzigen Star, Zinedine Zidane, gedreht. Der letzte Satz darin lautet: "Sometimes magic is close to nothing at all." Gilt das auch für die Rockstarbilder?
Gordon: Ich weiß nicht, ob Ihnen das aufgefallen ist, aber die Materialangabe für die Serie lautet "Rauch und Spiegel". Eine Anspielung auf die alte karnevalistische Idee von Täuschung und Illusion. Das Gleichgewicht zwischen etwas Existierendem und etwas Nichtexistentem ist äußerst prekär. Manche der Rockstarbilder sind so gut wie verbrannt. Würde man sie nur zwei Sekunden länger brennen lassen, würden sie sich in nichts auflösen. Ich versuche, die Balance zwischen den beiden Extremen aufrechtzuerhalten. So wie die Bilder gerahmt und präsentiert werden, sind sie alle zugleich verbrannt und vor dem Verbrennen gerettet.
Frage: Was haben Sie für die nahe Zukunft geplant?
Gordon: Eines meiner nächsten Projekte besteht darin, die Bibel neu zu schreiben. Ich ziehe demnächst nach Berlin und beginne mit Exodus. Der Ort scheint mir passend zu sein.
Frage: Im Ernst?
Gordon: Ja, absolut. Das hab' ich schon seit langem einem Verlag vorgeschlagen. Bevor mir klar wurde, dass die Fertigstellung ewig dauern würde. Also beschloss ich, ein Buch nach dem anderen zu schreiben. "Exodus" in Berlin, "Genesis" in Paris. Ich habe eine wunderschöne Schreibmaschine, auf der ich den Bibeltext tippe, den mir jemand diktiert. Jeder Fehler, den ich mache, landet im Druck. Allerdings dürfen sie nicht forciert werden, es müssen ehrliche Fehler sein. Daher heißt die Arbeit dann auch die "Ehrliche Bibel".
Das Interview führte Jenny Schlenzka
© Juno Kunstverlag, 2008
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