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Premiere im Thalia-Theater Sehnsucht auf dünnem Eis

"Endstation Sehnsucht", das perfekte Schauspieler-Stück: Regie-Routinier Stefan Kimmig ließ in seiner neuen Hamburger Inszenierung nichts anbrennen. Aber bei der weiblichen Hauptrolle riskierte er eine charmante Fehlbesetzung - und gewann dennoch.

Feindliches Feuchtgebiet! Natürlich regnet es im schwülen New Orleans, als die geschasste Lehrerin Blanche Dubois ohne Geld und Hoffnung bei ihrer Schwester Stella unterkriechen will, gepeitscht von einem Leben, das ihr nichts mehr geben kann. Die wohlbekannte "Endstation"-Situation, ein Bühnen-Gemeinplatz der wirksamsten Sorte. Doch keine traulich-sozialvoyeuristische Theater-Idylle gibt's in dieser Neuversion von Tennessee Williams' Evergreen "Endstation Sehnsucht", die Zeichen stehen von Beginn an auf Vernichtung und Schrecken.

Regisseur Stefan Kimmig, der am Hamburger Thalia-Theater seit geraumer Zeit für die verlässlichen Erfolge zuständig ist (zuletzt "Beißfrequenz der Kettenhunde" und "Maria Stuart"), schubst seine Darsteller förmlich auf eine hässliche Bühne, die von grauschwarzen Planen umwandet wird, geschlitzte Eingänge, ohne Möbel, eine verbeulte, unsichere Ebene. Bühnenbildnerin Katja Haß hat so etwas wie einen überdimensionalen Leichensack für das Bühnenpersonal geschaffen, keine Heimat, nicht mal eine Zuflucht. Nur einen abstrakten Ort für ein Drama, das sich zwischen Charakteren, weniger zwischen Ideen und sozialen Realitäten abspielen soll. Zu den Szenenwechseln erlischt das Licht, als wollte es die Menschen verschlingen - das Verhängnis schnappt nach den Verzweifelten.

Verteidigung der Wohnküche

Ein komplexer Mensch wie Blanche Dubois muss diese Figuren bis ins Mark verunsichern, allen voran Stellas Mann Stanley Kowalski, der zwar ein praller Prolet, aber kein Dummkopf ist. Mit dem detektivischen Spürsinn eines Jagdhundes nimmt er die Fährte der gefallenen Lehrerin, späteren Gelegenheitsprostituierten Blanche auf und enttarnt ihr Lügengespinst mit sadistischer Lust. Doch eigentlich enttarnt er ebenso sich selbst, seine Komplexe, Ängste und seinen Hass. Es ist diese Ambivalenz, die in Kimmigs Inszenierung für Spannung sorgt, weniger das Zerbrechen einer ohnehin schon gebeutelten Frau, die sich ihre Eitelkeit als letzten Schutzpanzer bewahrt hat. Klassisch konträr dazu die als White-Trash-Ikone herausgeputzte Schwester (mit abgeschnittenen Jeansshorts und rotweiß gepunktetem Top), die verbissen ihr Wohnküchenglück verteidigt.

Das Duell zwischen Stanley Kowalski und der abgehalfterten Südstaaten-Schönheit Blanche, hängt in dieser tödlich kahlen Ödnis fast völlig am Spiel der beiden Darsteller. Und Regisseur Kimmig mischt die Karten der Partie mal ganz neu: Diese Blanche, die von Maren Eggert (inzwischen auch ein TV-/"Tatort"-Star) mit raffinierter Grandezza gespielt wird, entpuppt sich in seiner Inszenierung als reinste Kraftquelle, keinesfalls zerbrechlich, höchst vital und beinahe aggressiv in ihrer ruhigen, dichten Bühnenpräsenz. Maren Eggert ist körperlich ebenso groß wie ihr druckvoller Partner Alexander Simon (als Stanley), elegant und agil umschwirrt sie ihn, der Proll ist mächtig gefordert, um am Ende, als heulendes Elend, einen dem Williams-Text geschuldetetn Pyrrhus-Sieg davonzutragen. Eigentlich ein Fehlbesetzung, diese Blanche - wäre ihr Charakter in dieser Kimmig-Version nicht um die Grade erweitert, die genau eine Neuinszenierung rechtfertigen.

Vergewaltigung als Rettung

Eggerts Blanche Dubois ist ein greller Spiegel für alle Beteiligten, für ihre Verwandtschaft ebenso wie für Stanleys Kumpel Mitch (eindrucksvoll: Andreas Döhler), der sie anfangs verehrt. Enttäuscht von ihrer Vergangenheit, kann er sich nur noch in eine sperrige Vergewaltigung von Blanche retten. Zu den Klängen von Ray Charles' "Drown in My Own Tears" bejammert er sein Schicksal, ein Haufen Selbstmitleid. Schwester Stella (intensiv und anrührend: Katrin Wichmann) kämpft wortreich, naiv und liebevoll, doch ohne Sieg. Sie lebt wie alle auf dünnem Eis - sie weiß es nur nicht.

Stanley gelingt später nicht einmal mehr die im Stücktext verlangte gewaltsame sexuelle Vereinnahmung von Blanche, nur eine müde Handarbeit geschlechtlicher Befriedigung muss es tun. Paradox und verblüffend überzeugend: eine strahlende, barbusige Schönheit, an der die Gewalt von Kowalski zerschellt. Dies packende, harte Bild stempelt Kowalski zum Opfer von Blanche, Geschlechterkampf entschieden, Macho am Boden. Da erscheinen dann auch die Sprach-Manierismen von Alexander Simon logisch, die Marlon Brandos Duktus aus der bekannten "Sehnsucht"-Verfilmung sowie seine verbalen "Pate"-Posen fast parodistisch nachahmen.

Zum Schluss wird das (durch die Saaltür, von außen gekommene) Pflegepersonal wieder weggeschickt, das Blanche eigentlich in die Psychiatrie abführen sollte. Warum auch soll diese Blanche, die eben bloß einen Haufen Mist gebaut hat, in Pflege gegeben werden? Nein, eigentlich gehört der ganze Rest auf der Bühne in die Anstalt. Blanche liegt an der Rampe, raucht und lächelt. Ein Gewinn - wie die ganze Inszenierung. Lang anhaltender Beifall für Schauspieler und Regieteam.

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