Von Claudia Voigt
Die Frauen in Deutschland leben gerade in mehreren Jahrzehnten gleichzeitig. So will es die deutsche Politik. Man einigt sich auf ein Betreuungsgeld, das dazu anregt, die Kinder statt in der Krippe zu Hause zu erziehen, ein Konzept wie aus den fünfziger Jahren. Ein Schulsystem bestimmt den Alltag der meisten Kinder und Mütter, das in den siebziger Jahren reformiert wurde und seitdem geblieben ist, was es war: Pünktlich zur Mittagszeit endet der Schultag, und wer da nicht am Schultor steht, gilt schnell als Rabenmutter. Ein Unterhaltsrecht wird eingeführt, das aus einer emanzipierten Zukunft kommt - indem es die Frauen nach einer Scheidung zwingt, für ihren Unterhalt sehr früh, sehr schnell selbst einzustehen, anstatt sich darauf zu verlassen, dass der Mann jahrelang weiterzahlt.
Es herrscht ein politisches Durcheinander. Ein Durcheinander, das gern als Wahlfreiheit verkauft wird. Tatsächlich aber haben Frauen und Mütter in Deutschland zurzeit nur die Wahl zwischen halbfertigen Konzepten und überholten Illusionen.
Bis Ursula von der Leyen Bundesministerin wurde, war die Familienpolitik in ihrer Rückständigkeit überschaubar und letztlich immer gleich. Nichts gegen Renate Schmidt, die Familienministerin der rot-grünen Koalition, sie hatte sicher zukunftsweisende Konzepte in der Schublade, aber herausziehen durfte sie diese nicht. Noch zur Jahrtausendwende dümpelte dieses Land bei den entscheidenden Fragen zur Familienpolitik vor sich hin, als ob sich seit den Sechzigern nichts verändert hätte. Als ob sich die Zahl der Scheidungen seitdem nicht mehr als verdoppelt und die der Geburten nicht nahezu halbiert hätte. Als ob die Zahl der traditionellen Familien in den letzten zehn Jahren nicht um über eine Million zurückgegangen wäre.
Die Wirtschaft braucht die Frauen
Die Mütter der Mittelschicht blieben nach der Geburt ihrer Kinder meist drei Jahre zu Hause, für die gesamte Dauer des gesetzlich zugestandenen Erziehungsurlaubs. Viele wurden spätestens mit dem zweiten Kind Hausfrauen und die Kinder kamen gern erst mit vier Jahren in den Kindergarten, denn bei Mama hatten sie es ja gut, fand die Mama. Zudem profitierte die Familie vom Ehegattensplitting. Wer sich die Freiheit nahm, als Frau bis zum Jahr 2005 dieses Leben zu wählen, konnte sich des gesellschaftlichen Rückhalts sicher sein.
So wurde und wird argumentiert: Deutschland braucht die Frauen. Zu keinem Zeitpunkt bezog die Diskussion ihre Verve aus dem Wollen der Frauen, sondern stets aus dem apostrophierten Mangel an Kindern und Arbeitskräften, auf den dieses Land zusteuert. Zufällig deckten sich die individuellen Lebenswünsche gar nicht weniger Frauen mit den Forderungen der Bevölkerungsexperten und Wirtschaftswissenschaftler, doch das Nachdenken über eine moderne Rolle der Frauen kam dabei bisher zu kurz.
Es war auch keine Zeit dafür, denn die Diskussion war praktisch über Nacht da. Ihre Wortführerin heißt Ursula von der Leyen. Kaum war die Familienministerin im Amt, machte sie sich ehrgeizig ans Werk. Aber ihre Politik erscheint wie Flickschusterei: Erziehungsgeld und Ausbau der Krippenplätze einerseits, Erhöhung des Kindergelds und eine Betreuungsprämie für Mütter andererseits. Vierzig Jahre lang hat die deutsche Politik die Augen davor verschlossen, dass sich die Welt für Frauen und Familien verändert. Noch schlimmer: Ursula von der Leyen gehört einer Partei an, deren größter Teil das bis heute tut. Und so ist die Frauen- und Familienpolitik der großen Koalition ein Schlingern zwischen der Suche nach einem zeitgemäßen Kurs und der Sehnsucht nach biedermeierlichen Idealen.
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