• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Frauendilemma Anschlag auf die Heimchen

2. Teil: Überforderung und dünne Nerven überall

Die Konsequenzen tragen die Frauen und die Familien. Wenn manche Bereiche des Lebens mit Kindern verändert und modernisiert werden, in anderen Teilen aber alles beim Alten bleibt, dann gerät der Alltag zur familienpolitischen Chaosverwaltung.

Familienministerin von der Leyen: Ihre Politik erscheint wie Flickschusterei
AP

Familienministerin von der Leyen: Ihre Politik erscheint wie Flickschusterei

Beispiele aus diesem Alltag: Was soll jene alleinerziehende, berufstätige Mutter tun, die ihr Kind um ein Uhr von der Schule abholen soll und keinen der raren Hortplätze bekommt? Oder jene junge Familie, beide noch Studenten, die ihr Baby in einer Krippe unterbringen konnten, anschließend aber keinen Kindergartenplatz finden? Und die Eltern von achtjährigen Zwillingen, beide berufstätig, weil sie sich die hohen Mieten, die hohen Preise in der Großstadt sonst nicht leisten könnten, die abends völlig erschöpft und entnervt mit ihren Kindern für die nächste Klassenarbeit pauken, weil Mütter, Eltern oder teure Nachhilfelehrer mittlerweile ein fester Bestandteil des deutschen Schulsystems sind.

Überforderung und dünne Nerven überall. Von Wahlfreiheit keine Spur. Jene viel beschworene vermeintliche Wahlfreiheit der Frauen in Deutschland - ob diese als Hausfrauen ihre Kinder großziehen wollen oder als Mütter berufstätig sein möchten - galt in der Realität bis vor kurzem nur noch für eine immer kleiner werdende Minderheit: für die Ehefrauen von sehr gut verdienenden Männern.

Der große Rest der Frauen in Deutschland muss längst zum Monatseinkommen der Familie beitragen, weil ein Gehalt oft nicht mehr für drei und erst recht nicht für vier oder fünf Familienmitglieder reicht; andere Frauen sind alleinerziehend und ohnehin auf sich selbst gestellt.

Von der Zahnarztgattin zum Sozialfall

Nun wird auch auf die privilegierte Gruppe der Hausfrauen, die es sich leisten können, daheim den Haushalt zu schmeißen, die die Kinder am Nachmittag zum Musikunterricht fahren und die Schulaufgaben kontrollieren, während der Mann Karriere macht, ein regelrechter Anschlag verübt. Mit dem neuen Unterhaltsrecht gerät ihre Welt ins Wanken.

Denn bei einer Scheidung steht in Zukunft die finanzielle Versorgung der Kinder an erster Stelle, vor dem Unterhalt für die Ex-Frau. Das klingt nicht sehr spektakulär - und bedeutet doch einen gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel.

Wenn zum Beispiel ein alleinverdienender Familienvater seine Frau und seine Kinder verlässt, um eine neue Familie zu gründen, dann werden nach der Scheidung in Zukunft erst alle Kinder, alte und neue, finanziell bedacht. Nur wenn dann noch Geld zu verteilen ist, ohne dass der Mann und seine neue Frau unter eine zumutbare Einkommensgrenze rutschen, bekommt die Ex-Frau einen Unterhalt. Von ihr wird stattdessen verlangt, dass sie, spätestens wenn ihre Kinder acht Jahre alt sind, selber für ihr Einkommen sorgt. Auf einem Arbeitsmark, der auf Fünfzigjährige nicht gerade wartet.

Das Gesetz ist in manchen Punkten sehr luftig formuliert, die Dauer einer Ehe soll beispielsweise berücksichtigt werden, wie das genau aussehen wird, muss die Praxis der Gerichte in den kommenden Monaten und Jahren zeigen. Aber es bleibt eine umstürzlerische Tatsache dieses Gesetzes, dass eine Ehe nun keine lebenslange Versorgung mehr bedeutet. Wer als Zahnarztgattin begann, kann als Sozialfall enden: Emanzipation durch die Hintertür.

Für junge Frauen ist das neue Unterhaltsrecht eine große Chance, deshalb ist es langfristig völlig richtig gedacht. Keine halbwegs vernünftige junge Frau wird mehr ihre Ausbildung vernachlässigen zugunsten der Karriere ihres Mannes, wird ihren Beruf für die Kindererziehung völlig aufgeben. Denn unter Umständen muss sie irgendwann alleine für sich sorgen können.

Ideologische Zerrissenheit quer durch die Koalition

Das Gesetz stärkt die Eigenverantwortung der Frauen. Und es kann für mehr Gleichberechtigung in Partnerschaften sorgen. Also müsste nur noch eine verlässliche und qualitativ ernstzunehmende Betreuung für die Kinder her. Hier klafft die Lücke für die Jungen.

Und die älteren Frauen, die noch mit den Leitbildern der sechziger Jahre groß wurden, die sich für das Hausfrauendasein entschieden haben, wie es ihnen und ihren Familien durch das Ehegattensplitting und durch jahrelangen Erziehungsurlaub von der Politik schmackhaft gemacht wurde, die werden nun im Regen stehen gelassen, sobald ihre Ehen zerbrechen. Jene privilegierte Minderheit, die als letzte noch von einer wirklichen Wahlfreiheit Gebrauch machen konnte.

Wahlfreiheit? Es gibt sie nicht. Stattdessen wird die ideologische Zerrissenheit, die quer durch die CDU und durch die große Koalition geht, an die Frauen und die Familien weiter geleitet. Ursula von der Leyen kriegt das Erziehungsgeld, dafür darf die CSU laut das Betreuungsgeld fordern; die Ganztagsschule wird verteufelt, dafür stimmt man dann Zypries' Unterhaltsrecht zu. Eine politische Linie sieht anders aus.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 124 Beiträge
*Saskia 28.02.2008
Der Artikel ärgert mich, tut so als sei es völlig normal, sein Kind in Krippen fremdbetreuen zu lassen! Als ginge das Bonding zu ihren Kindern von den Müttern aus, als bräuchten die Kinder es nicht. Stellt Mütter als [...]
Der Artikel ärgert mich, tut so als sei es völlig normal, sein Kind in Krippen fremdbetreuen zu lassen! Als ginge das Bonding zu ihren Kindern von den Müttern aus, als bräuchten die Kinder es nicht. Stellt Mütter als anachronistisch hin, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern, statt sie wegzugeben. Die Linken sind nicht an der Macht und dennoch mutet die Politik an, als würden wir wieder in DDR-Verhältnisse absacken.
mathildaX 28.02.2008
..leider mäandert auch die Presse, namentlich der Spiegel unerträglich vor sich hin. Seit Monaten und Jahren die ewig gleiche Leier, wie man als berufstätige FRAU seine Kinder wohl unterbringen könnte... stellt sich dieses Problem [...]
..leider mäandert auch die Presse, namentlich der Spiegel unerträglich vor sich hin. Seit Monaten und Jahren die ewig gleiche Leier, wie man als berufstätige FRAU seine Kinder wohl unterbringen könnte... stellt sich dieses Problem für VÄTER nicht? Auch sie müssen ihre Kinder irgendwo lassen - nur, weil sie ihre Kinder immer noch erstaunlich oft bei den Müttern lassen, bedeutet nicht, daß das Betreuungsproblem ein für Frauen abonniertes ist. Wirklich erstaunlich - es müssen KINDER untergebracht werden, wenn Menschen arbeiten wollen - wieso Spiegel, sollte das ein weibliches Bier sein??
Senfkorn 28.02.2008
Liebe Saskia, lesen Sie die Threads im Politik Forum, Fremdbetreuung ist das A und O. Anstatt jungen Eltern ein wenig Zeit mit ihren Kindern zu gönnen, sollen sie bald möglichst wieder Vollzeit der Arbeitswelt zur Verfügung [...]
Zitat von *SaskiaDer Artikel ärgert mich, tut so als sei es völlig normal, sein Kind in Krippen fremdbetreuen zu lassen! Als ginge das Bonding zu ihren Kindern von den Müttern aus, als bräuchten die Kinder es nicht. Stellt Mütter als anachronistisch hin, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern, statt sie wegzugeben.
Liebe Saskia, lesen Sie die Threads im Politik Forum, Fremdbetreuung ist das A und O. Anstatt jungen Eltern ein wenig Zeit mit ihren Kindern zu gönnen, sollen sie bald möglichst wieder Vollzeit der Arbeitswelt zur Verfügung stehen, inklusive Überstunden und Dienstreisen. Bonding oder sowas kommt da nicht vor.
pappel 28.02.2008
Warum kann man nicht Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze zur Verfügung stellen und dann die Eltern selbst entscheiden lassen? Es ist für mich absolut verstörend, wenn sich Frauen unter Druck gesetzt fühlen, nur weil sie [...]
Warum kann man nicht Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze zur Verfügung stellen und dann die Eltern selbst entscheiden lassen? Es ist für mich absolut verstörend, wenn sich Frauen unter Druck gesetzt fühlen, nur weil sie plötzlich die freie Wahl haben. Wenn jemand in den Kindererziehung 20 Jahren lang aufgeht, dann bitte. Wenn man gerne Familie und Beruf der Eltern unter einen Hut bringen möchte, dann sollte der Staat diese Möglichkeiten schaffen. Es liegt dann an jedem einzelnen.....
kathy74 28.02.2008
Typisch deutsche Schwarzmalerei. Seltsamerweise bin ich von Müttern umgeben die sehr wohl eine Ganztagsbetreuung bekommen, wo das Jugendamt die Tagesmutter auch noch abends bezahlt falls mal Nachtschicht anliegt, wo Väter [...]
Typisch deutsche Schwarzmalerei. Seltsamerweise bin ich von Müttern umgeben die sehr wohl eine Ganztagsbetreuung bekommen, wo das Jugendamt die Tagesmutter auch noch abends bezahlt falls mal Nachtschicht anliegt, wo Väter beweglich sind und die Großeltern sich freuen den Enkel zu nehmen, wo der Kindergarten flexiblel ist und die Kinder auch von 10.00-14.00 kommen können wenn Mama vorher und nachher frei hat. Können Nachrichten sich immer nur über Dramatik verkaufen? Wir brauchen vielmehr Beispiele wo Menschen Lösungen und Wege finden anstatt ständig alles schlecht zu reden. Wo hätte Frau von der Leyen anfangen sollen in diesem Männerverein? Bei 100 %? Mit einer Gesamtlösung?
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP