Von Claudia Voigt
Die Konsequenzen tragen die Frauen und die Familien. Wenn manche Bereiche des Lebens mit Kindern verändert und modernisiert werden, in anderen Teilen aber alles beim Alten bleibt, dann gerät der Alltag zur familienpolitischen Chaosverwaltung.

Familienministerin von der Leyen: Ihre Politik erscheint wie Flickschusterei
Beispiele aus diesem Alltag: Was soll jene alleinerziehende, berufstätige Mutter tun, die ihr Kind um ein Uhr von der Schule abholen soll und keinen der raren Hortplätze bekommt? Oder jene junge Familie, beide noch Studenten, die ihr Baby in einer Krippe unterbringen konnten, anschließend aber keinen Kindergartenplatz finden? Und die Eltern von achtjährigen Zwillingen, beide berufstätig, weil sie sich die hohen Mieten, die hohen Preise in der Großstadt sonst nicht leisten könnten, die abends völlig erschöpft und entnervt mit ihren Kindern für die nächste Klassenarbeit pauken, weil Mütter, Eltern oder teure Nachhilfelehrer mittlerweile ein fester Bestandteil des deutschen Schulsystems sind.
Überforderung und dünne Nerven überall. Von Wahlfreiheit keine Spur. Jene viel beschworene vermeintliche Wahlfreiheit der Frauen in Deutschland - ob diese als Hausfrauen ihre Kinder großziehen wollen oder als Mütter berufstätig sein möchten - galt in der Realität bis vor kurzem nur noch für eine immer kleiner werdende Minderheit: für die Ehefrauen von sehr gut verdienenden Männern.
Der große Rest der Frauen in Deutschland muss längst zum Monatseinkommen der Familie beitragen, weil ein Gehalt oft nicht mehr für drei und erst recht nicht für vier oder fünf Familienmitglieder reicht; andere Frauen sind alleinerziehend und ohnehin auf sich selbst gestellt.
Von der Zahnarztgattin zum Sozialfall
Nun wird auch auf die privilegierte Gruppe der Hausfrauen, die es sich leisten können, daheim den Haushalt zu schmeißen, die die Kinder am Nachmittag zum Musikunterricht fahren und die Schulaufgaben kontrollieren, während der Mann Karriere macht, ein regelrechter Anschlag verübt. Mit dem neuen Unterhaltsrecht gerät ihre Welt ins Wanken.
Denn bei einer Scheidung steht in Zukunft die finanzielle Versorgung der Kinder an erster Stelle, vor dem Unterhalt für die Ex-Frau. Das klingt nicht sehr spektakulär - und bedeutet doch einen gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel.
Wenn zum Beispiel ein alleinverdienender Familienvater seine Frau und seine Kinder verlässt, um eine neue Familie zu gründen, dann werden nach der Scheidung in Zukunft erst alle Kinder, alte und neue, finanziell bedacht. Nur wenn dann noch Geld zu verteilen ist, ohne dass der Mann und seine neue Frau unter eine zumutbare Einkommensgrenze rutschen, bekommt die Ex-Frau einen Unterhalt. Von ihr wird stattdessen verlangt, dass sie, spätestens wenn ihre Kinder acht Jahre alt sind, selber für ihr Einkommen sorgt. Auf einem Arbeitsmark, der auf Fünfzigjährige nicht gerade wartet.
Das Gesetz ist in manchen Punkten sehr luftig formuliert, die Dauer einer Ehe soll beispielsweise berücksichtigt werden, wie das genau aussehen wird, muss die Praxis der Gerichte in den kommenden Monaten und Jahren zeigen. Aber es bleibt eine umstürzlerische Tatsache dieses Gesetzes, dass eine Ehe nun keine lebenslange Versorgung mehr bedeutet. Wer als Zahnarztgattin begann, kann als Sozialfall enden: Emanzipation durch die Hintertür.
Für junge Frauen ist das neue Unterhaltsrecht eine große Chance, deshalb ist es langfristig völlig richtig gedacht. Keine halbwegs vernünftige junge Frau wird mehr ihre Ausbildung vernachlässigen zugunsten der Karriere ihres Mannes, wird ihren Beruf für die Kindererziehung völlig aufgeben. Denn unter Umständen muss sie irgendwann alleine für sich sorgen können.
Ideologische Zerrissenheit quer durch die Koalition
Das Gesetz stärkt die Eigenverantwortung der Frauen. Und es kann für mehr Gleichberechtigung in Partnerschaften sorgen. Also müsste nur noch eine verlässliche und qualitativ ernstzunehmende Betreuung für die Kinder her. Hier klafft die Lücke für die Jungen.
Und die älteren Frauen, die noch mit den Leitbildern der sechziger Jahre groß wurden, die sich für das Hausfrauendasein entschieden haben, wie es ihnen und ihren Familien durch das Ehegattensplitting und durch jahrelangen Erziehungsurlaub von der Politik schmackhaft gemacht wurde, die werden nun im Regen stehen gelassen, sobald ihre Ehen zerbrechen. Jene privilegierte Minderheit, die als letzte noch von einer wirklichen Wahlfreiheit Gebrauch machen konnte.
Wahlfreiheit? Es gibt sie nicht. Stattdessen wird die ideologische Zerrissenheit, die quer durch die CDU und durch die große Koalition geht, an die Frauen und die Familien weiter geleitet. Ursula von der Leyen kriegt das Erziehungsgeld, dafür darf die CSU laut das Betreuungsgeld fordern; die Ganztagsschule wird verteufelt, dafür stimmt man dann Zypries' Unterhaltsrecht zu. Eine politische Linie sieht anders aus.
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