Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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29.02.2008
 

"Germany's Next Topmodel "

"Eine heftige Portion Frau"

Von Daniel Haas

Heidi Klums Modelshow stöckelt auch in der dritten Staffel wieder durch die Untiefen des Beauty-Betriebs. Was die Auftaktsendung erträglich machte? Eine solariumbraune Hessin, die als Bushido der Mannequins hoffentlich für Furore sorgen wird.

Hungerhaken im Size-Zero-Outfit sind politisch inkorrekt, und das höchst offiziell. In Italien wurde letztes Jahr auf Betreiben der Jugend- und Sportministerin Giovanna Melandri eine Verfügung abgesegnet, der zufolge Models mit einem Body-Mass-Index von unter 18,5 nicht mehr auf den Laufsteg dürfen.

Hierzulande wollen Hersteller, Modelagenturen und Designer bis zur kommenden Igedo Fashion Fair, einer der größten deutschen Modemessen am 27. Juli, einen ähnlichen Kodex formulieren. Stark untergewichtige Mannequins können sich dann den Auftritt abschminken.


Der Hungerhaken macht sich dünne

Der Body-Mass-Index bemisst sich nach Körpergewicht, geteilt durch das Quadrat der Körperlänge. Klingt kompliziert, aber wer die spitzknochige Lea, 19, bei der gestrigen "Topmodel"-Show über die Bühne staksen sah, musste gar nicht mehr groß rechnen. Heidi Klum musterte die schöne Dürre denn auch sofort aus. Sie sollte ein bisschen zunehmen, so der nüchterne Kommentar.

Dabei hat Lea die Idealfigur für Couture-Präsentationen. Gerade erst erklärte Agenturchefin Louisa von Minckwitz im Interview, bei Modeschauen seien wieder "androgyne, sehr dünne Madchen gefragt". Die würden beim TV-Publikum aber "nicht so gut ankommen".

Das weiß man auch bei "Germany's Top Model", wo alles Mögliche, nur keine Top Models kreiert werden. Die Gewinnerin der ersten Staffel, Lena Gercke, strandete auf dem Cover von "TV Spielfilm". Barbara Meier, die Finalistin aus 2007, macht mittlerweile Werbung für C&A. Glamourös waren diese Frauen nie; sie passten viel zu gut zur Werbezielgruppe der 14- bis 49-jährigen deutschen Zuschauer, bei der die Sendung zuletzt auf einen Marktanteil von über 25 Prozent kam.

Schlimm ist das nicht, die Zeit der Supermodels mit ihren Skandalen und Monstergagen ist eh vorbei. Geblieben aus der Ära der Laufstegikonen ist letztlich nur Kate Moss. Sie bewegt sich in einem Paralleluniversum, in dem selbst gefährliche Liebschaften mit Kokain und Pete Doherty das Image nicht ramponieren können.

Gercke und Meier sind die Gegenmodelle zum hedonistischen, zwischen Jetset und Rehab pendelnden Model-Freak. Und vielleicht versetzt Gina-Lisa, 21, dem Klischee des exzentrischen Haut- und Knochen-Zombies nun endgültig den Todesstoß.

Die platinblonde, solariumbraune "Top Model"-Debütantin kombinierte in der Auftaktsendung hessischen Zungenschlag mit Baywatch-Oberweite, ließ sich von Jury-Mitglied Peyman Amin als Donatella-Versace-Double verhöhnen und kam dennoch in die zweite Runde. Wie sagte der für Bruce Darnell eingewechselte Casting Director Rolf Scheider doch so treffend: "Eine heftige Portion Frau!"

Dass Gina-Lisa ins Zentrum der ersten "Topmodel"-Folge rückte, beweist das mittlerweile beachtliche Gespür von Klum für dramaturgische Akzente. Schwierige Mädels mit nur spärlich verhüllten Neurosen waren gestern: Deutschland liebt Bohlen und Bushido, da passt eine dralle Frohnatur perfekt ins Bild. Wenn schon kompliziert, dann wie die zartbesaitete Sarah, 21. Die war, wie eingeblendete Bilder zeigten, als Kind das hässliche Entlein mit Kassenbrille und sieht jetzt aus wie eine Uma Thurman für die DSDS-Generation.

Sieh an, Feminismus!

Ganz klar, Heidi Klum züchtet keine Glamour-Frauen, ihr Catwalk ist nicht der Highway in die Hölle des Couture-Betriebs, sondern eine Lindenstraße der Mannequinleiden und -freuden. Und auch dieses Mal werden alle profitieren: der Sender, der seinen Werbepartnern vom Reklamespot bis zum Online-Spiel eine breite Medienplattform bieten kann. Die Agenturszene, die, gegängelt von launischen Designern, Fotografen und Werbekunden, schon mal den auf Herz und Frieren getesteten Nachschub vorgeführt bekommt.

Und die männlichen Zuschauer kommen natürlich auch auf ihre Kosten. Sie spähen durchs Schlüsselloch dieser lukrativen Umkleidekabine und müssen noch nicht mal ein schlechtes Gewissen haben: Wenn Frauen derart ambitioniert die eigene Zurschaustellung betreiben, dann wird ein wenig Lüsternheit, ja Häme wohl noch erlaubt sein.

Doch aufgepasst: Das Beauty-Camp ist am Ende vielleicht feministischer als angenommen. "Macht es dir nichts aus, dass deine Freundin monatelang weg sein könnte?", fragte Klum das männliche Anhängsel einer Schönen. "Nein, ist doch prima für die Karriere", antwortete der. Klums Rat an die Modelaspirantin: "Der ist gut, den behalten wir."

So vermengen sich also auch in dieser "Topmodel"-Staffel wieder die gegensätzlichsten Tendenzen: Zwischen Bloßstellung und Selbstermächtigung, Voyeurismus und Erziehung spannt sich das Szenario aus. Überwacht und angeleitet von Heidi Klum, deren Body-Mass-Index nie Grund zur Sorge war.

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