Montag, 23. November 2009

Kultur



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12.03.2008
 

Maischberger-Talkrunde

Geiz ist geil - beim Mindestlohn

Von Anne Seith

Wer arbeitet, ist der Dumme? Sandra Maischberger ließ in einer Debatte über Löhne, Moral und Chancen einen Sozialschmarotzer und einen Selfmade-Millionär aufeinander los - und eine Putzfrau, die Angst vor dem Öffnen des Briefkastens hat, vor dem Aufdrehen der Heizung im Winter.

Susanne Neuman will Berufsstolz demonstrieren - auf keinen Fall "mit runtergezogenem Kopp" herumlaufen, wie sie es formuliert. "Ich putze Deutschland" steht auf ihrem Gewerkschafter-T-Shirt. Die Frau mit dem rotgefärbten Kurzhaarschnitt blickt trotzig in die Kamera: "Man guckt in den Spiegel und sagt: Ich habe mein Geld verdient." 8 Euro bekommt sie als Reinigungskraft in der Stunde, rund 740 Euro netto im Monat.

Talk-Moderatorin Maischberger: Ratlos in der Lohndebatte
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DPA

Talk-Moderatorin Maischberger: Ratlos in der Lohndebatte

Der Mann mit den fettigen langen Haaren neben ihr auf dem Sofa hat sich ebenfalls ein Motto auf die Brust geschrieben: "Arbeit ist scheiße". Christo Großmann hatte seit fast 20 Jahren keinen richtigen Job mehr. Stattdessen ist er Vorsitzender der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD), deren Philosophie der T-Shirt-Slogan recht umfassend beschreibt. Der 37-Jährige kommt mit Hartz IV und Wohngeld auf knapp 600 Euro im Monat. Er halte einfach den Druck nicht aus, pünktlich sein zu müssen, erklärt er lethargisch lächelnd: "Da kriege ich Magenkrämpfe." So habe er sich eben nach der Betriebsschlosserlehre nicht weiter bemüht.

Susanne Neumans Mundwinkel zucken, sie wendet den Blick ab.

Die Gegensätze scheinen krass genug für ein Wortgefecht, das auch dienstags gegen Mitternacht die müden Zuschauer vor dem Bildschirm hält. "Wer arbeitet, ist der Dumme!", lautet der Titel der Sendung. Es soll um Löhne gehen, die kaum zum Leben reichen. Um die Frage, ob sich Arbeit überhaupt noch lohnt. Um die Lücke zwischen Arm und Reich, die Statistiken zufolge in Deutschland immer größer wird. Und darum, ob es vielleicht nicht doch jeder selbst zum Spitzenverdiener bringen kann, wenn er nur wirklich will.

Da darf einer, der das geschafft hat, natürlich nicht fehlen. Die deutsche Variante der Tellerwäscher-Millionärsgeschichte präsentiert AWD-Gründer Carsten Maschmeyer. Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen – und hat sein selbst aufgebautes Versicherungsunternehmen gerade für 230 Millionen Euro verkauft.

Der Mann mit dem schmal gestutzten Schnauzer ist nicht gerade Sympathieträger, aber er hat Geschichten auf Lager. Von seiner alleinerziehenden "Mama", die ihn als "Aushilfssekretärin" durchbrachte und vor allem eins lehrte: "Sei pünktlich und sei fleißig", den Rest könne man lernen. Über die Haltung von Arbeitsverweigerern wie Pogo-Aktivist Großmann empört sich Maschmeyer: Er hätte als Kind wahrscheinlich "eine gedonnert" bekommen für die Frage, ob sich Arbeit überhaupt lohne.

Stummes Kopfschütteln

Angesichts des miesen Einkommens von Putzfrau Neuman, die außerdem Betriebsrätin und Hausmeisterin ist, gerät allerdings auch Maschmeyer ins Stocken. "Die Komponente Fleiß spielen Sie ja aus", bescheinigt er ihr etwas ratlos und lässt es dabei bewenden. Ob seine Kinder wohl die gleichen Chancen haben wie die Neumans, fragt Maischberger: Der Unternehmer lässt das lieber offen, die übrigen Gäste schütteln stumm die Köpfe.

Dabei sind sie allesamt für knallige Statements und eindeutige Meinungen bekannt: Da sitzt der Soziologe Michael Hartmann, der seit dem Beginn der Liechtensteiner Steueraffäre den Reichen dieser Welt unermüdlich Maßlosigkeit, mangelndes Unrechtsbewusstsein und die Gefährdung der Demokratie vorwirft. Neben ihm ist der polternde Mindestlohngegner und Ex-Grüne Oswald Metzger platziert. Der hatte einst argumentiert, so mancher Sozialhilfempfänger stopfe in erster Linie "Kohlehydrate oder Alkohol in sich hinein" und lebe das noch dazu seinen Kindern vor. Als SPD-Vertreter sitzt der 81-Jährige Parteivordenker Erhard Eppler dabei.

Doch gerade die wortgewandten und streitlustigen Protagonisten machen es der erkältungsbedingt heiseren Maischberger fast unmöglich, die Diskussion in eine Richtung zu lenken. Stattdessen wird gezankt: um den Sinn von Mindestlöhnen, den Sozialstaat, die ausufernde Bürokratie, die Höhe von Hartz IV, das Wohl und Weh der Globalisierung. Zahlen und Statistiken werden hin- und hergefeuert.

"Wenn Geiz geil ist, gilt das natürlich auch für die Löhne"

Kaum ein Argument der nicht ganz neuen Debatte, das nicht kurz angeschnitten wird. Soziologe Hartmann sorgt sich vor allem um die deutsche Mittelschicht: "Die Leute, mit denen ich Fußball spiele - da ist die Angst groß, dass sie nach einem Jahr das Häuschen nicht mehr halten können." In keinem anderen europäischen Land gehe die Schere zwischen Arm und Reich derart schnell auseinander, erklärt er stoisch und mit Hilfe umfangreichen Zahlenmaterials. Politiker Metzger plädiert für eine neue "Leistungskultur" und geht auf Ursachenforschung. Man könne nicht in Billigländern produzierte Fernseher kaufen und gleichzeitig Mindestlöhne verlangen, wettert er. "Wenn Geiz geil ist, dann gilt das natürlich auch für die Löhne", springt ihm Eppler bei. Löhne seien eine Frage von Angebot und Nachfrage, schaltet sich Maschmeyer ein.

Am Ende bleibt Ratlosigkeit – wie es bei dem Thema wohl nicht zu vermeiden ist. Vielleicht hätte sich Maischberger schlicht auf die Reinigungskraft Neuman konzentrieren sollen, die ohne jedes Pathos von ihrem Alltag berichtet. Wenn sie von der Angst vor dem Öffnen des Briefkastens erzählt, wegen der Rechnungen, kommt eine Ahnung auf, wie karg das Leben als Niedriglohnempfänger ist. Viele der Kolleginnen hätten schon Hemmungen, die Heizung im Winter aufzudrehen. Aus Furcht vor Nachzahlungen, sagt sie.

Wie wenig sie verdient, dürfte Neuman auch an diesem Tag noch einmal schmerzlich bewusst geworden sein. Bei Maischberger gibt's für jeden Gast eine "Aufwandsentschädigung" von 500 Euro, wie Politiker Metzger sich nicht nehmen lässt zu verkünden.

Das ist für Neuman fast ein ganzer Monatslohn.

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