Von Carmen Eller, Moskau
Aus seinem Rücken wachsen Engelsflügel, und die Sonne hat er sich lässig unter den Arm geklemmt. Ein paar Meter weiter stemmt er die Weltkugel - vor den Augen eines kleinen Mädchens. "Unser Land in hoffnungsvollen Händen", steht über der Szene. Kumpelhaft, kräftig, kinderlieb: So sehen russische Kinder ihren künftigen Präsidenten. Die rund 80 Bilder, die derzeit im Fotozentrum der russischen Journalistenunion in Moskau hängen, zeigen Dmitri Medwedew, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.
"Zeichne den künftigen Präsidenten" - unter diesem Titel richtete die russische Boulevardzeitung "Express Gaseta" einen Wettbewerb aus. Über tausend Kinder aus allen Regionen Russlands machten sich ans Werk und malten - Dmitri Medwedew. Heroisch wie Herkules. Stark wie Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt. In russischen Kinderaugen gerät der designierte Präsident zur mythischen Figur, zur heilbringenden Lichtgestalt.
In der Wirklichkeit kann Medwedew von einer solchen Überhöhung nur träumen. Den Wahlsieg Anfang März verdankt er Wladimir Putin. Der populäre Präsident kürte ihn zu seinem Kandidaten. Medwedews Bild in den Medien ist international bislang wenig schmeichelhaft. Mal porträtiert man ihn als Putins Puppe, mal zeigt ihn eine Karikatur als Kuschelbär, steckt doch in seinem Nachnamen das russische Wort für Bär. Manche Journalisten gehen noch weiter. "Von einer Maus zu einem Zaren", hieß eine Medwedew gewidmete Titelgeschichte im US-amerikanischen Nachrichtenmagazin "Newsweek".
Ein Präsident zum Liebhaben
Den kleinen Künstlern muss er jedoch nichts mehr beweisen. Für die Kinder ist er schon jetzt ein bärenstarker Präsident, der aber auch Gefühle zeigt. Um für Naturschutz zu werben, streichelt er Lämmer, an der Kremlmauer schmückt er den präsidialen Weihnachtsbaum, und im Geburtshaus wiegt er neue Erdenbürger im Arm.
Die achtjährige Anna aus Jakutsk malt ein Selbstporträt mit dem künftigen Staatsoberhaupt. "Ich bin mit Medwedew in Sibirien", hat sie in wackeliger Handschrift darunter notiert. Auf dem Bild der 13-jährigen Veronika erscheint er als Tiefseetaucher mit Schnorchel und schillernden Fischen. Ein Präsident zum Liebhaben.
Zumindest im Malwettbewerb schafft Medwedew auch mühelos den Spagat zwischen öffentlichem Amt und häuslichem Glück. Im Bild der zwölfjährigen Lena sitzt er zu Silvester mit seiner Gattin Swetlana am festlich gedeckten Tisch. Sie trägt ein babyblaues Kleid, er lehnt sich an ihre Schulter. Russische Medien bescheinigen der künftigen First Lady einen immensen Einfluss auf die Karriere ihres Mannes. "Bärenmutter" nennt sie der Boulevard. Glaubt man den Kinderbildern, wird Medwedew ein sanfter Kremlherr. Vor einer gigantischen Friedenstaube schüttelt er dem amerikanischen Präsidenten freundschaftlich die Hand.
Was man tatsächlich von Russlands neuem Staatsoberhaupt erwarten kann, darüber wird derzeit noch heftig spekuliert. Unklar ist, ob es Medwedew gelingen wird, sich von seinem politischen Ziehvater Wladimir Putin zu lösen. Im Gegensatz zum amtierenden Präsidenten hat der Jurist Medwedew keine Vergangenheit im Geheimdienst.
In seiner Wahlkampfrede auf dem Wirtschaftsforum in Krasnojarsk betonte er die Bedeutung einer freien Presse und unabhängigen Justiz. Damit nährte er Hoffnungen westlicher Beobachter auf einen Kurswechsel im Kreml. Fest steht jedoch: Putin bleibt auch nach dem Präsidentenamt als Regierungschef eine dominante Figur.
Bäriger Politstar
Auch im aktuellen Malwettbewerb steht Medwedew in Putins langem Schatten: Manche Eigenschaften des amtierenden Präsidenten projizieren die Kinder auf seinen Nachfolger. Zwar hat Medwedew keinen schwarzen Gürtel im Judo erkämpft. Die Kinder sehen ihn dennoch als Sportler. Auf ihren Bildern trainiert er mit Hanteln oder reitet souverän einen Schimmel.
Zum Geburtstag des amtierenden Präsidenten veranstaltete die "Express Gaseta" bereits im Oktober 2006 einen Malwettbewerb. Motto: "Kinder zeichnen Putin". Auf den eingesandten Werken sammelt der Präsident Pilze, setzt Bäume auf dem Mond oder steht mit seiner Labradorhündin Koni gemeinsam auf der Judomatte. Ein Staatschef wie aus dem Bilderbuch. Das Siegerbild malte die zwölfjährige Lisa: Der Präsident kniet mit Blumen vor seiner Frau. Als Hauptpreis gab es einen Welpen aus der Familie von Putins Labrador Koni.
Während Journalisten noch rätseln, ob sich die langjährigen Kollegen nicht doch noch in Konkurrenten verwandeln, schicken die Kinder Medwedew und Putin gemeinsam auf Dienstreise. Hinten steht das Flugzeug, vorne schreiten die Staatsmänner über den roten Teppich. Es herrscht Harmonie. Zu zweit stürzen sie sich auch ins Skivergnügen. Wenn Medwedew sich alleine erholt, angelt er mit schwarzer Sonnenbrille oder reitet auf einem Elefanten in Afrika. Der elfjährige Maxim schickt ihn gar auf den Mond.
Im Mai tritt Medwedew das Amt des Präsidenten an, dann kürt auch die Wettbewerbsjury das beste Bild. Neben Laptop und Handy gibt es wieder ein Tier zu gewinnen. Dieses Mal allerdings keinen Welpen aus Putins Haus, sondern einen Bären - aus Plüsch.
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