Von Ullrich Fichtner
Es verbietet sich, am Karfreitag mit witzigen Bemerkungen hausieren zu gehen, aber ich trage eine Erinnerung mit mir herum, so derb, dass ich nicht anders kann, als sie heute hier auszubreiten. Es muss so um die zehn Jahre her sein, als ich - eben in der Karwoche - in mein damaliges Büro in der Berliner Marienstraße ging, vorbei an einer finsteren Kneipe, deren Namen ich vergessen habe. Dort, vor der Tür, stand eine Tafel, deren Aufschrift ich nie vergessen werde, denn da stand: "Karfreitag - Großes Gulaschessen".
Ich weiß noch, dass ich damals schwankte zwischen Entsetzen und Belustigung. Denn wirklich: Man muss ja kein tief religiöser Mensch sein, um am Tag der Kreuzigung Christi zumindest auf (das große) Gulasch zu verzichten. Warum? Nun, früher hätte man einfach gesagt: Weil es so ist.
Früher, als die Kirchen noch größere kulturelle Macht hatten, war ich ein Kind. In meiner Erinnerung war am Karfreitag immer trübes Wetter, ein Umstand, den ich als kleiner Junge, den Kopf mit bunten Bildern voll, darauf zurückführte, dass sich am unheimlichen, blutigen Feiertag auch die Sonne mit dem Strahlen ein wenig zurückhielt. Folgerichtig fuhren wir zum Friedhof, um unsere Toten zu besuchen, und anschließend immer zur deutsch-deutschen Mauer, wo wir aus dem Fränkischen besinnlich ins Thüringische hinüber schauten.
Dass meine Schwestern keine laute Musik hören durften, dass im Radio seit Gründonnerstag Schlag Mitternacht nur Balladen liefen, dass es außer Stockfisch nichts weiter zu essen gab, darüber machte ich mir nicht viele Gedanken. Es war einfach so. Und die Eltern, im Grunde nicht weiter religiös, achteten doch streng auf die Einhaltung dieser Ge- und Verbote.
Das Kreuz mit den Ritualen
Mir ist davon ein deutlicher Rest geblieben, nicht nur Erinnerungen, es finden sich auch Spuren im eigenen Verhalten. Ich mag kein Fleisch essen am Karfreitag. Ich denke selbst an einen Fastentag, und das kann heißen, dass ich ein religiöser Mensch bin, aber auch, dass ich die Traditionen, die ich selber noch als lebendig erlebte, erhalten möchte. Denn das Kind, das ich war, hat schöne Gefühle mitgenommen damals, eine Idee davon, dass das Leben schillernder sein könnte, faszinierender, als es im Alltag immer daherkommt.
Ich weiß schon: Heutzutage glauben wir uns ganz frei von kirchlichen oder anderen Traditionen, wir lösen uns aus aller Überlieferung, und deshalb protestieren manche gegen Tanzverbote in Diskotheken, gegen Essensgebote, oder sie machen sich gleich lustig über Menschen, die es anders halten. Nun steht es natürlich jedem frei, seinen Karfreitag mit Eiern und Speck zu beginnen, mittags einen schönen Rinderbraten zu tranchieren und den Abend mit einem Wurstbrot zu beschließen. Aber geht es ihm besser damit? Und ist er deshalb schon ein aufgeklärter Mensch?
Ich bin mir nicht sicher. Wir reden immerhin über viele Jahrhunderte Kultur- und Sozialgeschichte, und die lassen sich nicht per Knopfdruck einfach so abschalten. Wer isst, und das tun wir immerhin alle, findet sich unweigerlich mit dem "Totalphänomen" Essen konfrontiert, und das heißt eben auch, dass jeder Teller, den wir leeren, seinen großen, unsichtbaren, sehr oft religiösen "Überbau" hat.
Delikate Wertefragen
Unsere Mahlzeiten finden statt in einem dichten Gewebe aus Werten, Tabus, Pflichten und Verboten, ganz gleich, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Wer deshalb einfach so die Frage stellt: Warum denn bloß kein Fleisch an Karfreitag?, der sollte auch Antworten suchen auf ein paar andere Fragen: Warum nicht Hunde essen? Warum Christstollen backen? Warum einen Oster-Brunch veranstalten? Warum am Aschermittwoch Fisch essen?
Im Essen und seinen vielen ungeschriebenen Regeln ist, wenn man genau hinschaut, der Prozess unserer Zivilisation aufgehoben. Manche Vorschriften sind sehr lebendig geblieben, so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht hinterfragen. Andere verblassen, wollen langsam verblühen. Aber so oder so ist unser Essen ein wesentliches Abbild von Kultur, ein komplexes Sammelsurium. Und so kommt es mir so vor, nicht nur am Karfreitag, als hätten Feiertage zumindest den Mehrwert, uns daran ab und an zu erinnern.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!
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> Aber wieso koennen Christen das nicht auch so machen? Was spricht denn bitte dagegen? Die liebe Gewohnheit, ja, schon klar. Aber sonst? > Tja, vielleicht hast du sogar recht damit. Aber ich denke, es gibt auch sehr [...] mehr...
Meineer Meinung nach liegt genau an diesem Punkt "der Hund begraben". Genau da liegt das Problem. Wieso ist es denn bloss ein gesetzlicher Feiertag? Das ist noch ein Ueberbleibsel aus Zeiten, als noch alle [...] mehr...
Hmm, anscheinend habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Ich möchte NIEMANDEM irgendetwas verbieten, ich möchte doch nur, dass Menschen einander respektieren. Und dazu gehört auch, dass an einem bundeseinheitlichen [...] mehr...
Wie jetzt, Rosa ging's lediglich um nen anderen Sitzplatz im Bus, nicht darum, dass Ihr lebenslange Gängelung durch bigotte Arschkrampen einfach schliesslich über die Hutschnur ging? Das ist ne interessante Theorie. Naja, was [...] mehr...
In Ihrem Beispiel ist es ja nicht um des Verbotebrechens willen, sondern verfolgt einen anderen Zweck, nämlich das Recht der freien Platzwahl durchzusetzen. Da Sie aber das Recht der freien Essenswahl längst haben, zieht der [...] mehr...
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