Von Peter Luley
Viel war im Vorfeld der 175. "Wetten, dass...?"-Ausgabe von der Endlichkeit des Lagerfeuerfernsehens die Rede gewesen, von Abnutzungserscheinungen beim Starmoderator und bröckelnden Quoten. Gottschalk persönlich hatte in Interviews Selbstzweifel offenbart ("Manchmal frage ich mich, ob ich mir das noch antun muss"). Dass die Diskussion über die Zukunftsfähigkeit des alten ZDF-Showdampfers tatsächlich an ihm nagt, machten seine Begrüßungsworte deutlich: Die Leute sollten das Klatschen einstellen, forderte der Entertainer zu Beginn, "das klingt ja schon nach Durchhalteapplaus". Nicht ohne eilig hinterherzuschieben: "Ich höre erst auf, wenn ich solche Umfragewerte habe wie die SPD."
Eine merkwürdige Mischung aus Koketterie und Trotz - die sich in der Folge mit einer fast wehmütigen Nostalgie verband und sich wie ein roter Faden durch die Sendung zog.
Symbolisches Sofafoto
Nachdem Gottschalk den völlig deplaziert wirkenden Comedian Kurt Krömer begrüßt und zum "Anlernen" auf die Couch geschickt hatte ("dann können Sie schon mal sehen, wie das ist, wenn man so der Nation ins Auge blickt"), befragte er die als Außenmoderatorin engagierte Yvonne Catterfeld in seiner unnachahmlichen Manier zu ihrer bevorstehenden Filmrolle als Romy Schneider ("Haste dich mit dem Leben dieser Frau schon mal beschäftigt?") und annoncierte die Stadtwette: Mindestens 50 Erfurter sollten sich mit Wannen und Zubern zum öffentlichen Bad auf dem Domplatz einfinden - gleichsam als Reminiszenz an jene goldenen Zeiten vor mehr als 20 Jahren, als der Samstag noch Badetag war, die Zahl der Programme übersichtlich und Kinder länger aufbleiben durften, um "Wetten, dass...?" zu gucken.
In der Show-Gegenwart gelang es zunächst einem Elftklässler mit eindrucksvoll ausfahrbaren Schulterblättern, in kurzer Zeit mehr als 20 Blechdosen auf seinem Rücken zu zerdrücken; für die Jugend von heute enterten dann die Jung-Darsteller Jimi Blue und Wilson Gonzalez Ochsenknecht ("Die wilden Kerle") die Bühne - wobei selbst sie Stoff für einen Nostalgie-Einspieler boten: Der heute 18-jährige Wilson Gonzalez war mit Papa Uwe 1994 schon mal zu Gast bei "Wetten, dass...?". Weil die von den beiden begleitete Wette (Fünf Besen gleichzeitig auf ihren Borsten zum Stehen bringen) misslang, konnten sie jedoch auch aktuell zum Schauwert beitragen und sich - getreu dem Leitmotiv "baden gehen" - spektakulär in einen Eiswasser-Bottich stürzen.
Überhaupt hatte die Regie in Sachen Zielgruppen-Bedienung an alle gedacht: Überaus herzig und familienaffin die Kinderwette, bei der es ein zwölfjähriger Junge schaffte, an Dartpfeilen, die er zuvor unter Kampfschreien in eine Wand gerammt hatte, fünf Meter hoch zu klettern. In bester Showmaster-Manier schaurig-schön geriet Gottschalks Duett mit dem Tenor Rolando Villazón. Für schluffige Alt-Spontis und das erweiterte Pop-Feuilleton gab's R.E.M. und Udo Lindenberg. Dass Letzterer sich nicht als "Quatschomat" auf die Couch setzen wollte und nur für ein symbolisches Sofafoto zur Verfügung stand - völlig okay. Dass sein Song "Wenn du durchhängst" für die folgende Viertelstunde das Motto vorgab, in der ein Chirurgiemechaniker sich 40 Bierdeckel aus dem Mund auf die Stirn schnalzte - geschenkt.
Barbusige Erfurterinnen im Freiluft-Schaumbad
Unter Boulevard-Gesichtspunkten ein wenig brav und somit enttäuschend verlief lediglich der bis nach 22 Uhr hinausgezögerte Auftritt Paris Hiltons. Ob sie sich eher als Geschäftsfrau oder als Comicfigur sehe, wollte Gottschalk wissen. Ganz klar als Unternehmerin, antwortete die Hotelerbin. Weil die von ihr beschirmte Wette um eine aberwitzige Squash-Versuchsanordnung scheiterte, kam eine Zuschauerin in den Genuss eines Automatenfotos mit der Berufsblondine. Mehr Skandal war nicht, und auch wer auf Interaktion zwischen Hilton und dem letzten Gast, Torwart-Titan Oliver Kahn, gehofft hatte, musste sich bescheiden: Der Torhüter, der zehn Minuten nach Ende der regulären Sendezeit dazustieß, brauchte nur noch mitanzusehen, wie ein verrückter Liechtensteiner Fußbälle unterschiedlicher Marken mit der Zunge erfühlen konnte - und ihn so - zum Nachteil der Show - davor bewahrte, die Nationalhymne anzustimmen.
Für einen Schuss Frivolität mussten am Ende einer soliden Sendung barbusige Erfurterinnen im Freiluft-Schaumbad sorgen. "This is German Television, da schauste, gell", wandte sich Gottschalk stolz an Paris Hilton, konnte sie aber nicht dazu bewegen, "international dagegenzuhalten". Für sein Publikum hatte er gleichwohl noch eine trotzige Besinnungshausaufgabe parat: "Wir machen jetzt mal länger Pause, damit Sie merken, ob wir Ihnen fehlen", gab er den Zuschauern nach 35 Minuten Überziehen mit auf den Weg.
Er selbst, der Sonnenkönig in der Sinnkrise, mag allerdings nicht bis zur nächsten "Wetten, dass...?"-Ausgabe im Oktober auf Bildschirmpräsenz verzichten: Ab 9. April moderiert er drei Liveshows der bereits ausgiebig beworbenen neuen ZDF-Casting-Unternehmung "Musical-Showstar 2008". Ob das der Selbstfindung dienlich ist, steht auf einem anderen Blatt.
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Augen und Ohren zuhalten helfen aber dem Problem nicht. Ausserdem geht es ja um die grosse Mehrheit, die nun einmal Fernsehen gucken, und vielleicht sogar mitgestalten wollen. Aber das ist eben nicht moeglich. Weil diese [...] mehr...
In diesem Punkt widerspreche ich mal, denn ich selbst zahle ja auch schon jahrelang nicht mehr. Natürlich ist die Abmeldung etwas aufwendig ;). Man sollte sich garnicht anmelden, und die Briefe ignorieren. In meiner WG stört [...] mehr...
[QUOTE=dubidu;2125184]Das ist vielleicht Ihre Meinung. Wollen Sie den ganzen Tag nur alberne Politikerköpfe in Phoenix anschauen? Wo ist denn der Unterschied ? Politiker sind Marionetten ihrer Lobbys Und die GEZ-Moderatoren [...] mehr...
Wenn ich so etwas lese, bin ich sehr froh schon seit Jahren keine GEZ mehr zu zahlen. So einen Mist würd ich mit keinem Pfennig unterstützen wollen. mehr...
Sehr gut! Zerstörungswütige Verurteiler haben scheinbar Konjunktur. In diesem Zusammenhang, zum Gottschalk-aufs-Arbeitsamt-Artikel von Chr. Buß (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,543674,00.html). Die abfälligen [...] mehr...
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