Von Jenny Hoch
Sven Plöger vom Wetter sah aus wie ein reinrassiger Beagle, als er sein Gesicht in Falten legte und kummervoll das Thema der folgenden Sendung von Sandra Maischberger ankündigte. Man werde über die Frage diskutieren, - Plöger hielt die Luft an - "sind Frauen weniger wert?" Als habe er das Desaster geahnt.
Dabei ist nun wirklich nichts dabei, in spätabendlicher Runde noch einmal ausgiebig über ein so wichtiges Thema zu diskutieren - im Gegenteil. Schließlich sind die hiesigen Zahlen mehr als bedenklich: In keinem anderen westlichen Industriestaat verdienen Frauen in gleicher Position weniger als Männer, durchschnittlich 23 Prozent. Mehr als 60 Prozent kehren nicht aus der Elternzeit ins Berufsleben zurück, nirgendwo in Europa arbeiten mehr Frauen in Teilzeit als in Deutschland. Und das alles, obwohl längst die Hälfte aller Studenten weiblich ist.
Dazu kommt, dass gerade eine junge Frauengeneration mit Protagonistinnen wie Charlotte Roche oder Thea Dorn das Thema Emanzipation für sich neu definiert und dabei von Alice Schwarzer nichts mehr wissen will. Dass Bücher erscheinen wie "Neue deutsche Mädchen" oder "Wir Alphamädchen - Warum Feminismus das Leben schöner macht", in denen Frauen um die 30 ein neues Selbstbewusstsein definieren. Kurz, die Frage "Sind Frauen weniger wert?" ist ein Traum-Thema für jeden Polit-Talker: brandaktuell, hochkontrovers, generationenübergreifend.
Heiße Themen, heiße Luft
Doch die Runde bei Maischberger mit der hessischen SPD-Vorsitzenden Andrea Ypsilanti, der Fernsehjournalistin Barbara Dickmann, der Grünen-Politikerin Barbara Rütting, der Management-Trainerin Sabine Asgodom und der Lidl-Filialleiterin Ulrike Schramm-de Roberts glich einem prall gefüllten Helium-Ballon, der versehentlich mit einer Nadel angestochen wird: Erst klebte er hoch oben unter der Studiodecke, dann sirrte er viel zu lange orientierungslos im Raum herum. Am Ende hing er nur noch schlaff über den Sesseln.
Sandra Maischberger brachte es tatsächlich fertig, nicht einen einzigen Themenkomplex auch nur annähernd in seine wichtigsten Aspekte aufzufächern. Ob es nicht ein Aprilscherz sei, dass Männer sich noch immer für das starke Geschlecht halten, wollte sie anfangs von der heutigen "Mona Lisa"-Chefin und früheren ersten "Tagesthemen"-Moderatorin, Barbara Dickmann, wissen. Doch ehe die sich differenziert zu männlichen Entscheidern in den Chefetagen und Frauen, die nicht selbst nach vorne wollen, äußern konnte, ließ Maischberger lieber die 80-jährige Barbara Rütting über ihre Jugend unter Hitler erzählen.
Potpourri-artig ging es weiter. Statt Andrea Ypsilanti auf die Frage antworten zu lassen, ob Frauen und Macht ihr Lebensthema sei, driftete das Gespräch allzu schnell in Richtung Wahl-Debakel der Politikerin. Ein vollkommen themenfremdes Einspielfilmchen, dass die nicht eingehaltenen Wahlversprechen Ypsilantis, eine Koalition mit der Linkspartei kategorisch auszuschließen, zusammenfasste, tat ein Übriges: Offenbar hatte die Maischberger-Redaktion der Frauenfrage nicht zugetraut, eine ganze Sendung zu tragen und lieber noch ein paar tagespolitische Themen-Häppchen eingebaut.
Themen von heute? Von wegen!
Immerhin durfte die Lidl-Filialleiterin und fünffache Mutter Ulrike Schramm-de Roberts noch kurz über Frauenbenachteiligung im Discounter reden und die Managementtrainerin Sabine Asgodom die Larmoyanz vieler Frauen beklagen, ehe wieder lang und breit die Vergangenheit beschworen wurde. Wenigstens war damals, so Barbara Dickmann, die über ihre Anfänge als politische Journalistin berichtete, nicht alles besser als heute: Ihre Moderationstexte seien von den männlichen Kollegen nicht einmal durchgelesen, sondern gleich für schlecht befunden worden, allein aus dem Grund, weil sie eine Frau war.
Ob die junge Frauengeneration sich immer noch benachteiligt sieht, ob sie Karriere machen will und wie es heute funktioniert, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen, über alle heute relevanten Fragen also, konnte die Altvorderen-Runde nur spekulieren. Denn keine der Anwesenden war unter 40. Warum, weiß nur der Redaktionsgott.
Als absurde Krönung des Ganzen schneite irgendwann als Alibi-Mann der Schauspieler Claude-Olivier Rudolph herein, fläzte sich testosteronbreit und im Kate-Moss-T-Shirt über der bulligen Brust zwischen die Damen und fing an, sich ungefragt als Retter armer, hilfloser Frauen zu stilisieren.
Nuschelnd und zusammenhanglos warf er mit Prominenten-Namen und wüsten Unterstellungen um sich, und als Mama Maischberger irgendwann erschöpft versuchte, dem bramarbasierenden Racker Einhalt zu gebieten, lachte der nur dreckig.
Wie ärgerlich: Die Eingangsfrage, ob es ein Aprilscherz sei, dass Männer sich noch immer für das starke Geschlecht halten, wurde an diesem Abend eindeutig mit Nein beantwortet.
Auf anderen Social Networks posten:
Wieso denn? Wie sehen die aus? Nein, die Frauen werden bevorzugt. Und wo ist der Kontext zur Gegenwart? [/QUOTE] Na da bin ich ja mal gespannt. mehr...
Aber ja doch, ich habe Mitleid mit der heutigen neuen Männergeneration. Wenn man(n) wissen will, warum die Erwerbsbiografien von Frauen und Männern Unterschiede aufweisen, ist die Kenntnis von gesamtgesellschaftlichen [...] mehr...
bitteschön @ herr bühler! wenn ich ehrlich bin, empfand ich diese sendung schon beinahe als beleidigung für eine normal denkende, handelnde und fühlende frau. keine intelligente frau mit herz und verstand befindet sich auf [...] mehr...
Woltuende Worte einer Frau. Danke. mehr...
Wenn eine Frau so verdienen will, wie ein Mann, soll sie auch arbeiten wie ein Mann. So einfach ist das. mehr...
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