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04.04.2008
 

Polit-Rentner bei Illner

Blubb, blubb, Blüm

Von Reinhard Mohr

Hilfloser war sie nie. Thematisch völlig überfrachtet und mit wütenden Sozialstaats-Dinosauriern wie Norbert Blüm und Co. besetzt, soff Maybrit Illners Talk über den angeblichen Zwei-Klassen-Sozialstaat ab wie weiland die "Titanic".

Es war ein bisschen wie beim Untergang der "Titanic": An Deck waren zu viele Leute, und weil man zu viel auf einmal erreichen wollte, kenterte die Veranstaltung mit lautem Getöse. Ganz oben auf dem Schornstein aber klammerte sich Norbert Blüm fest und krähte, rot wie ein alter hessischer Hahn, auf dem Misthaufen seiner eigenen Geschichte. Der 72-jährige Ex-Sozialminister, unter Bundeskanzler Helmut Kohl viele Jahre lang maßgeblich verantwortlich für die absehbaren Probleme der gesetzlichen Rentenkassen – "Die Rente ist sischä!" –, konnte sich eine Stunde lang als Rächer der Enterbten aufspielen. Dann sank der Dampfer, der gestern Abend bei Maybrit Illner (ZDF) in See gestochen war, mit viel Geblubber.

Polit-Rentner Blüm: Rot wie ein hessischer Hahn, auf dem Misthaufen seiner eigenen Geschichte
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ZDF

Polit-Rentner Blüm: Rot wie ein hessischer Hahn, auf dem Misthaufen seiner eigenen Geschichte

Kaum je hatte man die Moderatorin, sonst eine souveräne Gesprächsleiterin, derart hilflos gesehen. Selbst durchschnittlich intelligente Fernsehzuschauer, zu denen sich der geplagte Rezensent zählt, konnten der rasenden Kakophonie im Berliner Talkshow-Studio Unter den Linden schon bald kaum mehr folgen.

Das lag beileibe nicht nur am Durcheinanderreden und -schreien der sechs hoch motivierten Diskutanten, jeder ein Experte von eigenen Gnaden, auch nicht allein an dramaturgischen Mängeln, sondern vor allem an der völlig unverständlichen thematischen Überfrachtung der Sendung.

Warum, um Himmels Willen, hat die Redaktion zwei gesellschaftspolitische Megathemen (Krankenversicherungs- und Rentensystem), die überhaupt nur von einer winzigen Minderheit, besser: von wenigen Fachleuten, in ihrer ganzen Komplexität halbwegs angemessen erfasst werden, in eine einzige, nur sechzigminütige Sendung gepackt? Warum hat man dazu gleich ein halbes Dutzend Gäste eingeladen, darunter drei besonders eitle Selbstdarsteller, deren wissendes Grinsen und näselndes Säuseln einer penetranten Selbstanzeige gleichkam: Seht her, wir sind die großen Durchblicker, und alle anderen haben keine Ahnung oder sind von den privaten Versicherern gekauft.

Programmiertes Dauergejammer

Schließlich: Glaubt man wirklich, mit dem programmierten Dauergejammer über das arme, angeblich von schweren Klassenkonflikten zerrissene Deutschland, das von einer BBC-Studie gerade zum beliebtesten Industriestaat der Welt gekürt wurde, auch noch den letzten missgelaunten Rentner spätabends vor die Glotze zu locken, um die Quotenvorgaben des Senders zu erfüllen?

"Willkommen im Zwei-Kassen-Land – Bleiben Arme, Alte, Kranke auf der Strecke?" hieß das offizielle Thema. Auf der Strecke aber blieb vor allem der Zuschauer, auf den eine ganze Serie verbaler Dumdum-Geschosse niederging. "Das ist ein System der Klassenspaltung" schimpfte Norbert Blüm, der es einst selbst aus der Taufe gehoben hatte. Sozial ungerecht sei es, dass Kassenpatienten vier Tage länger auf ihren Hörtest warten müssten als privat Versicherte.

Von den besseren Ärzten ganz zu schweigen, die nur den Wohlhabenden zur Verfügung stünden, assistierte da der SPD-Sozialexperte Karl Lauterbach. Das sei "Zwei-Klassen-Medizin" – von der Magenspiegelung bis zur Krebsvorsorge. Deshalb forderte er einen "fairen Wettbewerb" statt "Rosinenpickerei". Die Armen, Alten und Kranken dürften nicht einfach bei den gesetzlichen Krankenkassen gleichsam abgeladen werden, während die gesunden Besserverdiener ihr hoch dotiertes Wellnessprogramm absolvierten. Dass sie dafür gerade im Alter, anders als bei AOK & Co., sehr viel Geld bezahlen müssen, verschwieg er. Albrecht Müller, Ex-Planungschef im Kanzleramt unter Willy Brandt, rief ebenfalls zur großen gesellschaftlichen Solidarität auf und plädierte de facto für die Marginalisierung der Privatversicherungen. Das gesetzliche System müsse jedenfalls ausgebaut werden.

Rentnergespräche in der Badewanne

Nur die beiden jungen Talkteilnehmer, der FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke und die Präsidentin der Vereinigung von Wirtschaftsjunioren, Anja Kapfer, wiesen auf die teure Ineffektivität des gesetzlichen Systems hin, aus dem nicht ohne Grund jene flüchten, die es sich leisten können. Nur sie sprachen von "begrenzten Mitteln" und explodierenden Kosten, von demographischen Entwicklungen und dem Postulat der Selbstvorsorge. Leider wurden sie, besonders die eloquente Anja Kapfer, immer wieder unterbrochen und abgewürgt. Dabei ist es ihre Generation, die das alles zu bezahlen hat, was Norbert Blüm und seine wütende Rentnerriege fordern: "Den Kranken muss geholfen werden!" Basta. Wie, zu welchen Bedingungen? Fehlanzeige. Hauptsache, man hat wieder einmal "Ökonomisierung" und "Profitorientierung" angeprangert, die "unser Sozialsystem in den Ruin treiben".

Merkwürdig nur, dass Blüm beim zweiten Großthema des unerquicklichen Abends, der Rente, den Ruin wiederum gar nicht erkennen kann. Die sei viel besser als ihr Ruf. Also doch kein Ruin? Wieder falsch gedacht: Der kommt ja erst noch. Irgendwann später, wenn Norbert Blüm seine ansehnliche Pension aufgebraucht haben und die Altersarmut der anderen übers Land kommen wird.

Blüms Parteikollege Friedrich Bohl, damals Chef im Kanzleramt, heute in der privaten Vermögenswirtschaft tätig, wehrte sich tapfer gegen all die Vorhaltungen der sozialen Ungerechtigkeit, die in Albrecht Müllers Vorwurf der "Korruption" gipfelten: Die "Riesterrente" sei letztlich ein einziges Umfinanzierungsprogramm zugunsten der Reichen und Vermögenden. "Ein Skandal" sekundierte Blüm, und vergeblich warnte der junge Abgeordnete Fricke vor einer "Illusion der Gleichheit".

Aber so tief wollte man gestern Abend lieber nicht bohren im Wettbewerb um den Wanderpokal der politischen Korrektheit, der sich gegen Ende zum wahren Furor steigerte. Die Welt da draußen, in der das größte Problem nicht die Wiedereinführung der Pendlerpauschale oder der Ausbau der Pflegeversicherung ist, kam sowieso nicht vor. Keine Rede davon, dass trotz aller Mängel das deutsche Gesundheitssystem, gesetzlich wie privat, weltweit seinesgleichen sucht.

"Deutschland – Land der Ideen?" Das sehen nur die anderen so. Wir führen Rentnergespräche in der Badewanne. Zurück zu Dr. Klöbner und seiner Quietschente.

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13.09.2010 von altebanane:

In diesem Forum geht es aber nicht um den Arzt, sondern um den Patienten. Und für den scheint es ja in GB und D ziemlich ähnlich auszusehen, und zwar nicht schlecht. mehr...

13.09.2010 von uwp-berlin:

Für GB mag das gelten. In Deutschland wird diese vernünftige Systematik durch die bereits oben beschriebene Honorierungssystematik in der GKV teilweise konterkariert. Der Arzt ist darauf angewiesen, auch möglichst viele [...] mehr...

13.09.2010 von Linlithgow:

So aehnlich laeuft das auch hier: Wenn es etwas ernsthaftes und dringendes ist, dann ist die Versorgung sehr gut. Fuer die nicht so dringenden Wehwehchen gibts den Hausarzt und ggfs einen Facharzt, wo die Ueberweisung halt ein [...] mehr...

13.09.2010 von uwp-berlin:

Ist schon klar und kann auch durchaus sein. Sie kennen ja aber auch vielleicht den Spruch, "Es gibt keine Gesunden, nur schlecht Untersuchte". Bei "privat"Versicherten ist die Wahrscheinlichkeit daher [...] mehr...

13.09.2010 von altebanane: .

Ich schwöre, das mein Problem nichts mit schlechter Basismedizin zu tun hat. Es war bei der letzten Vorsorgeuntersuchung schlicht noch nicht vorhanden. mehr...

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