Von Christian Buß
Ist das ganze Leben inzwischen eine einzige Castingshow? Diese Frage konnte bei "Hart aber fair" zwar nicht abschließend geklärt werden, dafür wurde wenigstens diese Talkshowrunde für 75 Minuten zum diskursiven Laufsteg umfunktioniert. Besser kriegen sie das bei "Germany's Next Topmodel" auch nicht hin: Perfekt inszenierten sich die Gesprächsteilnehmer in ihren Rollen: als Biest oder Opfer, als reine Seele oder abgebrühter Einzelkämpfer. Drama, Baby!
Das Showsternchen Daniel Küblböck etwa umarmte immer wieder SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder, jauchzte irgendwann besinnungslos: "Ich liebe dich!" - dies Kompliment wollte Broder nicht zurückgeben. Die Soulröhre Joy Fleming stimmte indes aus heiterem Himmel eine Operette an, Psychologe Wolfgang Bergmann sang anrührend den alten Blues der medialen Verrohung.
Am Rand saß das graumelierte Manager-Rollenmodell Thomas M. Stein, einst Juror bei "Deutschland sucht den Superstar", und spritzte wieder mal sein neoliberales Gift in die Runde.
Irgendwie also nur konsequent, dass Moderator Frank Plasberg seine Gäste im Verlauf der Sendung fragte, ob sie damit einverstanden wären, im Internet über ihre Performance abstimmen zu lassen: Deutschland sucht den Superdiskutanten.
"Superstar statt Fleißarbeit – verfällt das Land dem Castingwahn?", war die Frage des Abends. Mit anderen Worten: Sind wir nicht schon alle mitten drin in der sich selbst vermarktenden Leistungsgesellschaft? Und wie wirkt sich das auf unseren Alltag aus?
In zwei Blöcke hatte man den Debattierclub geteilt: Auf der einen Seite saßen Sängerin Fleming, die bei Formaten wie "Deutschland sucht den Superstar" Soul und musikalisches Können vermisst, sowie Wolfgang Bergmann. Der Psychologe sieht junge Menschen dem Unterhaltungsmoloch modernen Zuschnitts schutzlos ausgeliefert: "Auf dem Schulhof kann ich mich wehren", so seine Argumentation. "Im Fernsehen bin ich ohnmächtig."
Auf der anderen Seite des Podiums hatten Casting-Propagandist Stein und Publizist Broder Platz genommen. Beide verteidigten das moderne mediale Aussiebungsverfahren als gute Schule für die Leistungsgesellschaft.
Aber gibt es nicht auch so was wie eine Fürsorgepflicht für Medien-Greenhorns? Ein Gedanke, den Broder polemisch konterte: Weshalb einen 18-Jährigen bevormunden, wenn er doch "in Afghanistan für die Freiheit sterben" dürfe?
Gerade aber diese Bevormundung hätte sich einer gewünscht, der schon als Veteran im jungen deutschen Casting-Geschäft gilt: Daniel Küblböck. Den 22-Jährigen hatte man geschickt in der Mitte plaziert, sodass er launig nach links und rechts Küsschen und Kritik verteilen konnte.
Seinem einstigen"DSDS"-Mentor und Plattenfirmenchef Stein warf er vor, dass er ihn schutzlos ins Haifischbecken geschubst hätte: Niemand habe ihn über Risiken und Nebenwirkungen des Erfolgs aufgeklärt. Des Medienmanagers trockene Replik: "Es gibt Menschen, die sind beratungsresistent."
Gegenmodell Gottschalk
War das nun einfach nur die Wahrheit oder blanker Zynismus? Und überhaupt: Fungiert nicht die Schadenfreude als Motor, der den ganzen Casting-Apparat am Laufen hält? Und ist es nicht die Aussicht auf eine gute "Portion Wohnzimmerhäme", wie Plasberg am Anfang der Sendung formulierte, mit der die Massen vor den Fernseher getrieben werden?
Der Clou: Um zu beweisen, dass mit einem freundlichen Sangeswettstreit einfach keine Quote zu machen sei, verwies der ARD-Mann ausgerechnet auf die öffentlich-rechtliche Konkurrenz. Hatten doch die Vor-Castings zum ZDF-Prestigeformat "Musical-Showstar 2008" arg mäßige Zuschauerzahlen eingefahren. Und pikanterweise hatte Gottschalk nun genau vor der gestrigen "Hart aber fair" mit einer der Live-Aussiebung der letzten zehn Musical-Anwärter begonnen.
Dabei zeigte sich im Zweiten genauso die Härte des Genres. Die jungen Menschen, die da zu "Cats" oder "Dreamgirls" jubilierten und transpirierten, wurde zwar betont höflich von der Jury bewertet – gehen mussten am Ende trotzdem zwei. Ach ja, das Showbiz: Auch das schönste Stahlwattelächeln kann nicht über den Konkurrenzdruck hinwegtäuschen.
Bye, bye, Broder
Aber hat denn nun der Casting-Boom neue generelle Bewertungsmaßstäbe gesetzt – oder ist er nicht lediglich ein mediales Spiegelbild einer rigoros auf Präsenz und Performance setzenden Leistungsgesellschaft?
Dazu konstruierte die "Hart aber fair"-Redaktion in einem Einspielfilm die typische Entwicklung eines modernen Jungmanagers – seinen Umgang mit Rankings, Assessment-Centers, Benchmarking-Strategien. Ein kluger Schachzug, um Parallelen zwischen Unterhaltung und Wirtschaft aufzuzeigen: Was hier wie dort vor allem zählt, ist die Darstellung der eigenen Person.
Umso sonderbarer erschien es da, dass bei Plasbergs Internetvoting ausgerechnet die Casting-Gegner haushoch über die Casting-Befürworter siegten: Während Medienfeind Wolfgang Bergmann mit beachtlichen Abstand gewann, landete Unterhaltungsfreund Broder abgeschlagen auf dem letzten Platz.
Auf diese Weise wurde "Hart aber fair" bei aller sanften Süffisanz dann doch noch zur Lehrstunde in Sachen Medienkunde: So funktioniert sie, die brutale Fernsehdemokratie.
Auf anderen Social Networks posten:
DSDS...? Für die nächste Staffel: Deutschland sucht dementen Soder. (... äh: Broder). mehr...
hallo graucho ... sie werden ja immer besser !!! und vor allen Dingen ... sie nehmen mir ab, viel schreiben zu müssen, weil sie alles schreiben, was ich hier anbringen wollte ... gegen diesen überdrüssigen, überheblichen und [...] mehr...
Doch! Broder hat zwar auch treffend Michel Friedmann wegen seines überflüssigen und peinlichen Interviews kritisiert (hingegen den Vergleich mit Erich Fried finde ich falsch, aber immerhin diskutabel) [...] mehr...
Mein Gott ist das herrlich zu lesen, dass es noch Menschen mit Hirn in diesem Forum gibt !!! Ein großes Bravo diesen pseudointellektuellen, impotenten, alten Kotzbrocken ( Wortschöpfung von H.M.Broder in Zusammenhang mit [...] mehr...
JETZT eben gerade läuft in RTL ein Musik-Liebesfilm mit Kelly Clarkson und Justin Guarini, den beiden Erstplazierten der ersten American Idol-Staffel. TIPP! mehr...
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