: Sie haben mal gesagt: 'Matisse hat 2000 Bilder gemalt, von denen sich 4000 in den USA befinden.' Im aktuellen Streit um die Echtheit von Van-Gogh-Gemälden ist ein Hauptargument, Van Gogh könne in seinen zehn letzten Lebenswochen in Auvers niemals 70 Bilder fertigbekommen haben.
Kujau: Es wird immer mal wieder gezweifelt: Hat Van Gogh überhaupt so viel malen können? Wenn sie aber Fälscher sind, wissen Sie, daß er am Tag gut drei Bilder geschafft hat. Er war ja kein Maler, sondern ein Kämpfer. Wenn er mal drin war, hat er nicht mehr aufgehört. Am Schluß hat er die Farbe mit den bloßen Fingern auf die Leinwand geschmiert. Und nur in dieser Geschwindigkeit, wenn sie sich in dieses Rauschhafte hineinversetzen, können sie den dynamischen, nach außen drängenden Pinselstrich hinbekommen. Er war nicht mehr Van Gogh, er wurde eins mit der Landschaft.
SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat der britische Kunsthistoriker Martin Bailey die Maltechnik und Herkunft der Bilder genau analysiert und spricht nun mehr als vierzig berühmten Gemälden die Echtheit ab.
Kujau: Der bellt doch nur. Wir haben zu viele Überstudierte, die aber nichts wissen. So viele Fälschungen, wie immer getan wird, gibt es gar nicht. Bei Rembrandt wird auch ständig wieder behauptet, der Mann mit dem Goldhelm und andere berühmte Bilder sollen nicht von seiner Hand stammen. Genauso ist es mit Van Gogh. Jedesmal, wenn ein bisher ungekanntes Bild irgendwo auftaucht, wird erzählt, es sei gefälscht.
SPIEGEL ONLINE: Moniert wird zum Beispiel, daß bei den berühmten "Sonnenblumen", die vor zehn Jahren zum damaligen Weltrekordpreis von rund 72 Millionen Mark nach Japan versteigert wurden, der Pinselstrich untypisch ist, ungleichmäßiger und von geringerer Qualität.
Kujau: Da sehen Sie doch, wie verblödet die sind. Die müssen sich mit dem Leben Van Goghs beschäftigen, nicht bloß die Bilder angucken. Van Gogh hatte Tinnitus, diesen fürchterlichen, nervenden Ton im Ohr. Damals hat man die Krankheit ja noch nicht gekannt, da hieß es, solche Leute seien von Dämonen besessen. Gauguin berichtet, Van Gogh habe sich mit der Faust an den Kopf geknallt. Das war wegen dieser unerträglichen Töne. Darum hat er sich schließlich auch das Ohr abgeschnitten.
SPIEGEL ONLINE: Aber deswegen hat er doch nicht vergessen, die Leinwand zu grundieren.
Kujau: Van Gogh hat alles ausprobiert. Bei mehreren Bildern hat er gearbeitet wie Gauguin, mit dem er zusammengelebt hat. Und wenn nichts da war, dann hat er halt ohne Grundierung gemalt. Es gäbe viel mehr Bilder, wenn sein Bruder Theo nicht so knauserig gewesen wäre. Van Gogh hat ja immer gewartet, auf den Geldboten, auf Leinwand und Farbe, die sein Bruder schicken wollte. Was glauben Sie, weshalb er den Briefträger viermal gemalt hat? Nur weil ein Motiv öfter auftaucht, muß es nicht notwendig gefälscht sein.
SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie, wenn sich doch einige der Van Goghs als Fälschungen herausstellen?
Kujau: Bilder sollen gefallen. Ist doch egal, wer sie gemalt hat. Wenn sie uns bis jetzt so erfreut haben, können sie doch nicht plötzlich schlecht sein. Und: wir verdanken sie ja trotzdem Van Gogh.
SPIEGEL ONLINE: Letzte Woche ist das Aquarell "Ernte in der Provence" bei Sotheby's für 25 Millionen Mark versteigert worden, halten Sie das für echt?
Kujau: Es sind bei Sotheby's schon viele Fälschungen versteigert worden, aber dieses halte ich für echt. Van Gogh hat ja wenig Aquarelle gemalt.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie nicht eins dazumalen?
Kujau: Klar, was für ein Motiv hättet Ihr denn gern?
SPIEGEL ONLINE: Eine Hafenansicht von Hamburg würde uns gefallen.
Kujau: Mit Michel und so? Dann können die Forscher ja rätseln, wann Van Gogh mal in Hamburg war. Sie wissen übrigens, daß die Hafenurkunde aus der Zeit Barbarossas gefälscht ist und der falsche Geburtstag gefeiert wird?
Das Gespräch führte Bettina Koch
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