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20.04.2008
 

Luxushotel-Architektur

Wenn das Dornröschen wüsste!

Von Thorsten Dörting

Wie liftet man ein Märchenschloss aus dem 19. Jahrhundert? Um das grandiose Grand Hotel Dolder in eine zeitgemäße Luxus-Ikone zu verwandeln, engagierte man in Zürich den Stararchitekten Norman Foster - und zahlte einen hohen Preis.

Zürich - Wer Böses will, könnte den Niedergang des klassischen Grand Hotels daran ermessen, dass heute allein Leute wie Udo Lindenberg dauerhaft in solchen Edel-Etablissements logieren. Gesellschaftliches Leben findet dort kaum mehr statt, keines zumindest, das an die Belle Epoque, die große Zeit der Grand Hotels, erinnerte. Heute entspannt man in den Emiraten in den neuen "gated leisure communities", jenen Glaspalästen für eine globale Super-Oberschicht, die längst das alte Großbürgertum ersetzt hat. Das jetzt nach einem spektakulären Um- und Anbau durch den britischen Stararchitekten Norman Foster wieder eröffnete Dolder Grand in Zürich ist ein Versuch, diesem Trend zu trotzen und sachte an eine vergangene Ära der Hotellerie anzuknüpfen. Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren Grand Hotels die Sehnsuchtsorte (groß-)bürgerlich kosmopolitischen Lebensstils. Sie waren Kristallisationspunkte kulturellen Schaffens: Hier war die Welt zu Gast in der Stadt. Thomas Mann ließ seinen Hochstapler Felix Krull als Liftboy in einem Pariser Luxushaus reüssieren, Autoren wie Joseph Roth und Klaus Mann verbrachten gleich ihr halbes Leben in Hotelzimmern, wenn auch nicht immer im Luxus.

"Zuckerbäckertürmli" wie in Disneyworld

Mit dem Dolder-Projekt in Zürich wagte sich der heute 72-jährige Foster 2002 an seinen ersten Hotelbau. Im Juni 2004 schloss das 1899 erstmals eröffnete, etwas abgewirtschaftete, damals noch Grand Hotel Dolder genannte Haus. Vier Jahre und geschätzte Baukosten von rund 275 Millionen Euro später, befindet sich das Hotel in der "soft opening phase"; die ersten Suiten (ab 530 Euro) können bezogen werden. Im Frühjahr 2009 sollen der "Golf Wing", ein zweiter Neubauflügel neben dem "Spa Wing", sowie zwei zum Hotel gehörige Appartements fertig sein. Spätestens dann soll das neue alte Dolder Grand wieder Grandezza versprühen - und Fosters Architektur einen gewichtigen Beitrag dazu leisten.

Leicht war Fosters Aufgabe nicht, denn der historische Kern war stilistisch eine schwere Hypothek. Erbaut wurde Grand Hotel im Schweizer Holzstil, einer urigen Bauweise, die üblicherweise tragende Elemente wie Holzbalken als Zierelemente interpretiert und einen - wenn auch bescheidenen - Hang zur Ornamentalik aufweist. Das von Jacques Gros entworfene Dolder ist ein Meisterstück dieses Baustils. Drei Türmchen und mehrere Turm ähnliche Erker verzieren das Haus, die "Neue Zürcher Zeitung" fand dafür den so charmanten wie treffenden Diminutiv "Zuckerbäckertürmli". Das alte Dolder wirkt in der heutigen Zeit ein wenig so, als habe ein Architekt von Disneyworld arg viel freie Hand gehabt. Prosaischer formuliert: Der historische Bau ähnelt einer Mixtur aus Märchenschloss und Chalet, vulgo: Almhütte.

Um dieses Holzschlösschen gruppiert sich nun Fosters Arbeit, die im wesentlichen aus einem Sockel samt neuem Untergeschoss, einem Ballsaal mit Kuppel und vor allem zwei Seitenflügeln besteht, die das alte Dolder schlangenhaft umwinden. Stefan Behling, Fosters Projektleiter, hat für das Ensemble eine klingende Metapher gefunden: "Wie ein Schal, den sich eine alte Dame um die Schulter gelegt hat". Ein schlechter Vergleich ist das nicht, selbst wenn er nichts darüber sagt, ob der Schal zum Stil der Dame passt.

Madame Dolder mit Palästinensertuch

Wer Fosters Bau näher betrachtet, könnte vermuten, Madame Dolder habe in einem Anfall modischen Jugendwahns zum dezenten Hermes-Kostüm eines der just wieder en vogue geratenen Palästinensertücher umgeworfen. Denn der High-Tech-Baumeister Foster, Schüler des genialischen Architektur-Tüftlers Buckminster Fuller, baute etwas lieblos, wie es ihm und seiner Architekturfabrik oft vorgeworfen wird: Einen schmucklosen Komplex aus Glas und in braunstichigem Anthrazit schimmernden Metall, mit einem wuchtigen Sockel aus Kalkstein, der, nähert man sich von der Stadt, wie eine Festungsmauer wirkt und das historische Schlösschen eher verschluckt als umschmeichelt.

Was für den alten Kernbau gilt, trifft ähnlich für die Umgebung zu. Man könnte sagen: Foster hat sich davon nicht irritieren lassen. Man könnte aber auch klagen: Foster hat sich kaum darum geschert. Das Haus liegt auf dem Zürichberg mit prächtigem Blick auf den See, oberhalb einer teuren Wohngegend, die von Stadtvillen aus dem 19. Jahrhundert geprägt ist.

Das Hotel ist in den Hang hineingebaut, darüber steht Wald. Sieht man ab von der Form der Seitenflügel, die sich an den Hang und die gewundene Auffahrtsstraße schmiegen, und den Verkleidungen für die Balkone und Flügelgänge, die mit eingefrästen, stilisierten Ästen und Baumstämmen den Wald motivisch aufnehmen, hat der Brite keinerlei Zugeständnis an den Raum gemacht. Nur von innen zaubern die Muster in den Verkleidungen durch das einfallende Licht Schattenspiele in die Flure, als durchschreite man den Wald oberhalb des Hotels.

Vielleicht hat man sich in Zürich allzu sehr vom weltweit grassierenden Stararchitekten-Kult verführen lassen. Investor Urs Schwarzenbach hatte dem städtischen Bauvorstand zunächst den Entwurf eines anderen Architekten vorgelegt und sich eine Abfuhr eingehandelt. Ob er für so ein wichtiges Projekt nicht einen internationalen Wettbewerb ausschreiben könne? Schwarzenbach zauberte daraufhin Foster hervor, der ihm zuvor das grandiose Apartmenthaus Chesa Futura im mondänen St. Moritz beschert hatte. Der Baubeauftragte beschied dem Investor daraufhin, bei so einem großen Namen brauche es ja keinen Wettbewerb mehr.

Er irrte. So richtig kleidet der Schal nicht.

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