Von Jan Freitag
Es gibt Fernsehformate, die sind eher risikoarme Selbstgänger. Fußballländerspiele zum Beispiel, Soap-Operas mit Berlin im Titel oder alles mit Stefan Raab. Und was letzterer für den Bildschirm, ist Michael Herbig, genannt Bully, fürs Kino: Wann immer der Komödiant, Regisseur, Autor und Produzent etwas auf die Leinwand bringt – es funktioniert. Kein Wunder, dass sich an sein Wirken stets große Renditehoffnungen knüpfen. Und das ist ein ebenso seltsames Phänomen, wie jenes televisionäre Zugpferd, das er seit gestern bei seinem Haussender ProSieben reitet. Der Großmeister des repetitiven Filmwitzes, dem kein Klamauk zu dumpf, kein Kalauer zu flach und kein Objekt zu wehrlos ist, dessen bevorzugte Pointe tuntig klingt oder irgendwas in irgendwen krachen lässt, widmet sich sechs Abende lang dem Fernsehcasting. Lange Zeit Talentwettbewerb genannt, sind diese Primetime-Sausen längst zu kanalübergreifenden Mixturen aus C-Promi-Suche, Selbstbeweihräucherung und Kosten-Nutzen-Rechnungen vor der Kamera geronnen. Eine Art kommodifizierte Variante des konfuzianischen "Der Weg ist das Ziel", die große Synthese aus Suchen, Finden, Verwerten.
Und nun sucht, findet, verwertet auch Bully. Wikinger nämlich, genauer: die starken Männer für sein nächstes Kinoprojekt, sechs Darsteller der Mitstreiter des gewitzten Comic-Kindes Wickie, das vor über 30 Jahren in japanischen Zeichenstuben für den deutschsprachigen Markt kreiert wurde. Noch so eine Beimischung also: Kultcartoon plus Kultcomedian plus Kultformat plus Kultfilm, macht viermal Kult für die Quote und stattliche Besucherzahlen an den Multiplexkassen. Eines "schönen großen Abenteuerfilms", wie Herbig eingangs der Auftaktfolge klarstellt, um gar nicht erst in den Ruch zu geraten, bloß Quatschköpfe für eine Ulkparade zu sammeln. Dennoch fließt selbstredend das volle Repertoire tradierter Castingdramaturgie ins Konzept, grölende Kandidatenmassen und skurrile Selbstdarsteller inklusive, triste Klavierklänge zur Ablehnung oder fröhliche zum "Recall" sowieso.
Man könnte also meinen, das Ganze sei ein weiterer Algenteppich auf der großen Castingwelle durch unsere Fernsehwelt und böte somit reichlich Stoff für herzliche Verrisse in den einschlägigen Feuilletons. Doch Halt! Während die Vorgänger von "Ich Tarzan, Du Jane" (Sat.1) über "Musical-Showstar 2008" (ZDF) bis hin zu den Platzhirschen DSDS und "Germany’s Next Topmodel" Menschen mal unverhohlen, mal durch die Blume mit der vagen Hoffnung auf geldwerte Bekanntheit vorführen, sucht Herbig gezielt Männer, die sich zum Grölen nicht zu schade sind. Die mehr Leib sind als Geist oder mehr Makel als Durchschnitt. Und sei sie nur für Warhols berühmte fünfzehn Minuten. Einen Snorre, der hässlich, einen Faxe, der fett, einen Ulme, der schräg, einen Tjure, der nervig, einen Gorm, der durchgeknallt, einen Urobe, der alt sein muss. So wird Außenseitertum zum Akzeptanzkriterium und Vulgarität zum Wesensmerkmal. Das dürfte es selbst gehässigen Kulturkritikern schwer machen, fundierte Kritik zu üben - es sei denn, man wollte an der Formel 1 auch das hohe Tempo bemängeln.
Hardrocker, Rollenspieler, Hänflinge, Fettsäcke, Sonderlinge jeder Art finden bei Bullys Wickie-Show also einen natürlichen Lebensraum, weil die Komik Hauptgericht, nicht Beilage der Show ist. Verfilmt wird schließlich ein Comic, kein Literaturklassiker. Deshalb fliegt der Lederhosenträger Jens auch mit Würde raus; deshalb wird dem gestandenen, aber durchgefallenen Schauspieler Günther Kaufmann die Chance auf eine ganz andere als die gecastete Rolle gegeben; deshalb erreicht ein steifer Prokuristentyp wie Bartholomäus den Workshop, weil er die Jury ungewollt zum Lachen bringt.
Absurditätenkabinett zeitgenössischer Unterhaltung
Denn die hat anders als bei der Konkurrenz offenbar Spaß an ihrer Arbeit und macht ihn zum Co-Kriterium des Weiterkommens: Das Casting-Schwergewicht Rita Serra-Roll erfüllt optisch die Mindeststandards weiblicher Attraktivität und hat schon Bullys frühere Blockbuster besetzt. Herbig selbst, der die 131 Kandidaten aus 4400 Bewerbern mit erstaunlich sachlicher Heiterkeit siebt. Und Jürgen Vogel. Der Profi schlüpft mehr und mehr ins Rollenprofil ausgewiesener Rampensäue wie Pocher, von Sinnen oder Beckenbauer, die noch über jede Bühne jagen, um ihre Lebenszeit im Rampenlicht zu maximieren. Ob Bolidentests beim Mackersender "DMAX", Kinomelodram oder Zeuge zwielichtiger Zaubertricks bei Uri Geller – Vogel ist dauerpräsent. Jetzt also als Wikingersucher.
Er lacht wie seine Mitjuroren allerdings eher mit als über, geschweige denn aus und erlöst das Prinzip der TV-Aussaat dadurch von seiner Hässlichkeit - zumindest ein bisschen. Denn obwohl Bully betont, sein Modell sei keine Eigenvermarktungsmaschine, sondern professionelles Vorspielen, vereinigt es alles, was Fernsehen populär und massentauglich macht – nur diesmal als Strukturprinzip statt ästhetisches Rüstzeug: Aufdringlichkeit, Lärm und Infantilität, Drama, Freakshow und Wettbewerb, Real-Life, Trennungsschmerz und Euphorie, das ganze Absurditätenkabinett zeitgenössischer Unterhaltung. Dazu ein wenig Making-of und Vorab-PR, fertig sind zwölf fröhliche Stunden dienstagabends im Frühling.
Nur die Zuschauer dürfen diesmal nicht abstimmen. Und auch, wenn Michael Herbig sich das Türchen offen hält, keinen der vielen Kandidaten zu nehmen: Es scheint, der größte Kasper unter den Castern liefert gerade das seriöseste Format.
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omg, bloss nicht. das wären ja nochmal locker 250 Stunden Bully-Casting auf Pro 7. mehr...
Man hätte die Zuschauer doch direkt mitcasten können. mehr...
ehrlich gesagt isses mir ziemlich wurscht wer nen Film gemacht hat, wieso, weshalb und warum. Was mir zur Zeit nur konsequent auf den, ähm, die Nerven geht, ist dieses aggressive, aufdringliche Holzhammermarketing. 50 [...] mehr...
Ich bin auch teilweise dieser Meinung. In der Bullyparade gab es noch einige Gags, die ich so noch nicht gesehen/gehört hatte. Und über diese konnte ich hin und wieder auch lachen. Was mich erschreckt hat war der Erfolg, den [...] mehr...
Gelegentlich treffe ich Menschen welche die "Erfolge" von Herrn Herbig für gelungene Versuche humorvoll zu wirken halten. Ich bin angesichts von (T)Raumschiff Surprise oder dem Schuh des Manitu nur mit Mühe in der Lage, [...] mehr...
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