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18.04.2008
 

Fischli/Weiss in Hamburg

Meuterei der Mode-Würstchen

Von Jenny Hoch

Verkleidete Würstchen, flammenschlagende Kettenreaktionen: Das legendäre Künstlerduo Fischli/Weiss brachte den Humor in die Kunst. Jetzt offenbaren die Kindsköpfe ihre dunklen Seiten - mit Zivilisationsschrott und Höllenskulpturen.

Um die Wurst geht es für die zwei schon lange nicht mehr. Die Züricher Künstler Peter Fischli und David Weiss sind seit mehr als einem Vierteljahrhundert feste Größen der internationalen Kunstszene. Sie werden geliebt und geherzt, die übergroße Zuneigung, mit der das Duo überall empfangen wird, hat beinahe schon etwas Unheimliches. Ihre Werke seien "Geschenke an die Menschheit", heißt es dann, und Kritiker bemühen sich zu erklären, "warum alle Fischli und Weiss lieben". Die beiden sind längst so etwas wie die heiligen Kühe des Kunstbetriebes.

Und wagt es doch mal ein Kritiker, ihr Werk als banal zu bekritteln, pfeift er sich meist gleich selbst wieder zurück: Die Fotografien und Videos, die Objekte und Installationen von Fischli und Weiss sind einfach zu einnehmend, die Nonchalance, mit der es ihnen immer wieder gelingt, die Luft aus der erdenschweren und theorielastigen Kunstblase zu lassen, einfach zu bestechend.

Dieser ungebrochene Symphatie-Effekt ist gerade wieder einmal sehr schön in der Fischli/Weiss-Retrospektive zu bewundern, die nach Stationen in London, Paris und Zürich nun in den Hamburger Deichtorhallen angekommen ist. "Fragen & Blumen" heißt die sehr große, sehr lichte und formal erstaunlich strenge Ausstellung, in der 23 Serien von 1979 bis 2007 gezeigt werden.

Das sind zunächst einmal, und immer wieder wunderbar zu betrachten, die Evergreens der beiden. Ihre erste gemeinsame Arbeit ist die 1979 entstandene "Wurstserie", für die die Künstler aus gemischtem Aufschnitt und der in der Schweiz äußerst beliebten Cervelat-Wurst wahnwitzig komische Szenerien bauten und diese fotografierten. Für "In den Bergen" etwa verteilten sie Wurststückchen auf der zerklüfteten Decken-Landschaft eines ungemachten Bettes, für "Modenschau" steckten sie Wiener-Würstchen in Speck-Röcke und Mortadella-Mäntel.

Im Zentrum steht außerdem der Film "Der Lauf der Dinge", der seit seiner furiosen Premiere auf der Documenta 8 im Jahr 1987 zu einem der populärsten Kunstwerke jüngerer Zeit wurde. Der Film verfolgt ein Perpetuum Mobile, das seine Bahnen unendlich durch das Atelier der beiden zieht und ständig etwas anderes anstößt, umkippt, anzündet oder zum Explodieren bringt, funktioniert noch immer als Sinnbild für die sinnlose und doch unausweichliche Kausalitätskette, die sich Leben nennt. Ergänzt wird der Film erstmals durch ein "Making of", das die unendliche Tüftelei, die hinter der scheinbar mühelosen Abfolge dieser Kleinst-Ereignisse stand, verdeutlicht.

"Plötzlich diese Übersicht", der Titel einer Arbeit bestehend aus rund 250 Miniaturszenen und -objekten aus Ton, ist längst zur feststehenden Redewendung geworden. In kindlicher Knetästhetik stehen da in fröhlicher Eintracht der "Gotthard-Durchstich" neben "Herr und Frau Einstein kurz nach der Zeugung ihres genialen Sohnes Albert", sowie Spock, der "etwas traurig ist, dass er keine Gefühle hat", und Dagobert Ducks Geldspeicher. "Überschwemmung mit enzyklopädischem Charakter" nennen die Künstler ihren Ton gewordenen Bubenstreich.

"Ist Hunger ein Gefühl?"

Fischli und Weiss lieben es, mit ihren Arbeiten Fragen zu stellen, und haben diesen Spleen in der Arbeit "Fragen" einfach zum Inhalt gemacht: "Kommt der Gestank von draußen?" heißt es etwa, und "Ist Hunger ein Gefühl?", aber auch "Was macht meine Seele, wenn ich arbeiten gehe?" und: "Werde ich überwacht?"

Die beiden balancieren sicher auf dem schmalen Grad zwischen Trivialem und Intellektuellen, und geht doch mal ein Schritt daneben, wie zum Beispiel die eher austauschbare Bilderansammlung "Sichtbare Welt", verzeiht man ihnen das gerne. Und schmunzelt über ihre wunderbar skurrilen Arbeiten, die niemals mit großer Geste daherkommen, sondern stets leise und mit hintergründigem Humor.

Doch unversehens wechselt Launiges mit Ernsthaftem, und spätestens, wenn man vor der düsteren, höllenartigen Skulptur "Boite de Nuit (Fieber)", der tristen Fotoserie "Agglomeration" oder dem mit Zivilisationsschrott beladenen "Floss" steht, das von Krokodilen und Flusspferden umkreist wird, ist die lustige Diskostimmung verflogen. Denn Fischli und Weiss haben, das übersieht man leicht anhand der Fülle an witzigen Arbeiten, durchaus eine dunkle Seite.

Die Ausstellungsarchitektur nimmt diese bisher oft vernachlässigte Ernsthaftigkeit von Fischli und Weiss geschickt auf. Sie veranstaltet kein Kasperletheater, sondern ordnet die Werkgruppen in mal hellen, mal dunklen, doch stets formal streng gegliederten Räumen.

Dabei ist es nicht so, dass die Künstler ihre Anliegen nie kundgetan hätten. Der charmante Film "Der geringste Widerstand" von 1981 liest sich rückblickend wie ein Manifest ihrer Kunst. Fischli (im Ratten-Kostüm) und Weiss (im Pandabären-Anzug) definierten hier ihr ästhetisches Konzept: "Kleiner Aufwand, große Wirkung", heißt es da. Und: "Schönheit und Wahrheit, Doppelpunkt, Schönheit ist nicht immer wahr, und Wahrheit ist nicht immer schön, leider, Punkt".


Peter Fischli/David Weiss: "Fragen & Blumen. Eine Retrospektive", Deichtorhallen Hamburg, bis 31. August 2008

Katalog: Hg. von Bice Curinger, Peter Fischli und David Weiss, 352 S., 29 Euro

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