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18.04.2008
 

68-Debatte bei "Maybrit Illner"

Krawallrunde mit Crashtest-Dummies

Von Reinhard Mohr

Fluch oder Segen, Rettung oder Untergang: Darunter geht's nicht in der 68er-Debatte. Bei Maybrit Illner prallten gleich mehrere Krachmacher aufeinander - dabei belegt jede neue Erregungswelle nur, wie sensationell nachhaltig diese historische Rebellion ist.

Da hatte sich die Redaktion von "Maybrit Illner" aber eine ganz infernalische Konstellation ausgedacht, eine geradezu revolutionäre Schlachtordnung der Gefühle, ein Quartett des Grauens. Bewusst verzichtete man darauf, etwa die kenntnisreichsten Zeithistoriker der Revolte von 1968 oder gar prominente Akteure einzuladen, weder Gerd Koenen noch Wolfgang Kraushaar, weder Peter Schneider noch Daniel Cohn-Bendit.

68er-Diskutanten Bettina Röhl, Maybrit Illner: Flotter Einakter mit Wiederholungszwang
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ZDF

68er-Diskutanten Bettina Röhl, Maybrit Illner: Flotter Einakter mit Wiederholungszwang

Stattdessen regierte die vorhersehbare Dramaturgie des inszenierten Krawalls. Crashtest-Dummies statt ernsthaft, gar ruhig reflektierender Diskutanten. Die glorreichen Vier im ZDF-Hauptstadtstudio passten allerdings wunderbar zum gewohnt manichäisch formuliertem Thema: "Die 68er – Befreier oder Zerstörer?"

Fluch oder Segen, Rettung oder Untergang? Drunter macht man's nicht, auch nicht 40 Jahre danach. Und so konnte jeder Fernsehzuschauer selbst seine ganz persönliche Zuordnung vornehmen: Claus Peymann und Jutta Ditfurth als "Befreier", Bettina Röhl und Götz Aly als "Zerstörer"? Oder vielleicht doch umgekehrt? Die Personnage im einzelnen:

  • "Berliner Ensemble"-Intendant Claus Peymann, selbst ernannter "Reißzahn" im Berliner Regierungsviertel, berufsmäßiger Schwadroneur und dramatisch verkannter Bewunderer des revolutionären Kampfes, den stets andere geführt haben.
  • Die Autorin und Ex-Grüne Jutta Ditfurth als melodramatisch verspätete Wiedergängerin von Ulrike Meinhof, eine Jeanne d'Arc ohne echtes Kriegserlebnis, dafür mit großer Erfindungsgabe gesegnet ("Rudi und Ulrike"); die einzige deutsche Linke, die sich niemals geirrt hat.
  • Bettina Röhl ("So macht Kommunismus Spaß"), von den Abgründen ihrer Mutter Ulrike Meinhof zutiefst geprägt, eine überzeugte Anti-68erin ohne die Gnade der späten Geburt.
  • Schließlich Götz Aly, Ex-Revoluzzer und Historiker, der nach 40 Jahren plötzlich entdeckt hat, dass die 68er eigentlich auch Nazis waren, wenigstens ein bisschen.

Als diskursive Puffer saßen noch Volker Kauder, CDU/CSU-Fraktionschef im Bundestag, und der Fernsehjournalist Heiner Bremer dabei. Es war also angerichtet, doch der ganz große Knall blieb aus.

An diesem Punkt hatte Claus Peymann ausnahmsweise einmal recht, als er gegen Ende "für die Revolution und die Unsachlichkeit" plädierte: Im Fernsehstudio 2008 geht es eben um nichts mehr. Allenfalls um abrufbare Reflexe und Gefühle aus zweiter oder dritter Empörungshand. "Wir sind alle irgendwie kastriert", bekundete der Intendant, dessen eigene Erregungsschwelle allerdings nach wie vor im gefühlten Zentimeterbereich liegt.

1968 ist wie der gute alte VW Käfer

Man kennt sich und man mag sich nicht. Man läuft rot an, aber in der nächsten Talkshow sieht man sich schon wieder. Manchmal wird auch gelacht. Letztlich ist das Ganze doch ein flotter Einakter mit Wiederholungszwang. Bis zur nächsten Vorstellung.

Stichworte wie "Generation der Hoffnung", "Totalitarismus", "Vietnam", "Verharmlosung der Nazizeit", "Sieg im Volkskrieg", "Idealismus" und "Gewalt" fliegen durch die klimatisierte Luft, und natürlich lässt man sich gegenseitig ungern ausreden. Aber das geschieht auch anderswo. "Werden Sie nicht ausfällig!", zischt Röhl Peymann mehrmals an. Eine klassische Tradition von 68, wie damals im Hörsaal VI, als noch handgreiflich um das Mikrofon gekämpft wurde.

Die schlichte Wahrheit ist: Gerade durch ihre offenkundige politische Niederlage haben die 68er kulturell und medial auf ewig gesiegt, und jede neue Erregungswelle, die durchs längst befriedete Land schwappt, ist nur ein neuer Beweis für die sensationelle Nachhaltigkeit dieser historischen Rebellion. 1968 ist wie der gute alte VW Käfer: Es läuft und läuft und läuft. Je häufiger die Revolte vor 40 Jahren geschmäht, totgesagt oder für alle Übel der Gegenwart verantwortlich gemacht wird – am besten alles zugleich –, desto lebendiger erstrahlt sie in der nostalgischen Erinnerung auch jener Zeitgenossen, die gar nicht dabei waren. "Das waren noch Zeiten", lautet der Cantus firmus.

Womöglich liegen Magie, Mythos und die identifikationsstiftende Kraft von 68 darin begründet, dass es, entgegen aller verbissenen Interpretationsbemühungen und ihrer meterdicken akademischen Staubablagerungen seither, im Kern eine optimistische Revolte war, die letzte im 20. Jahrhundert. So sehr das notorische "Dagegensein", Protest, Kritik und Widerstand rhetorisch zu dominieren schienen, so stark war ihr vitalistischer und hedonistischer Zug. Hinter jeder Provokation stand auch die Lust aufs Leben und die Sehnsucht nach Freiheit und Glück.

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