Von Christian Buß
So geht es natürlich auch: Man hockt sich auf seine Kartons und harrt darauf solange aus, bis man abgeholt wird. Das alte Ehepaar, das sich da gerade im Seniorenheim "Rosenpark" niedergelassen hat, verfügt jedenfalls über keinerlei Visionen für die verbleibende Lebenszeit: "Wir warten, bis wir dran sind mit dem nächsten Umzug", sagt die Frau. "Auf den Friedhof." Keine schönen Worte in den Ohren des ARD-Mannes Sven Kuntze, der für neun Wochen in das vergleichsweise luxuriöse Kölner Rentner-Reservat gezogen ist, um hier Feldstudien zu betreiben. Der Politjournalist hat selber gerade seine Pensionierung hinter sich, jetzt sortiert er schon mal vor, wie es für ihn weitergehen könnte, wenn es mit der Selbstversorgung im Alter irgendwann nicht mehr klappt.
Zwischen Wassergymnastik und Hausmusik, Bingo und Gedächtnistraining kommt die Kontaktaufnahme allerdings eher schleppend in Gang. Nachdem sich Kuntze für sein TV-Selbstexperiment "Alt sein auf Probe" im Speisesaal an den falschen Tisch gesetzt hat, gibt es sogar Ärger. Eine Greisin im Gehwagen warnt mit schneidender Stimme: "Das ist mein Platz. Da sitze ich seit acht Jahren." Immerhin: Man kommt ins Gespräch.
Ach, wie scheppert das schön!
Weshalb hier so wenige Männer zu sehen seien, will Kuntze wissen. "Ach, die sind viel gebrechlicher", so die Antwort. Wenig später besucht der Rentner-Reporter dann einen Swing-Fan, der sich mit seinen Platten in seinem 30-Quadratmeter-Areal verschanzt hält. Auch er hat kein Interesse am anderen Geschlecht; im Checker-Tonfall raunt der schlohweiße Dandy: "Die Damen hier sind schon sehr betagt." Als Kuntze bei einem weiteren Hausbesuch eine ehemalige Musiklehrerin überreden will, einen Chor zu organisieren, schmettert die sein Ansinnen ab: "Es gibt nichts Schlimmeres als diese alten scheppernden Stimmen."
Man kommt also nicht recht zusammen im "Rosenpark". Zum Glück gibt es da aber jetzt den ARD-Animateur Kuntze, der im Fahrstuhl schnell eine Schar grauer Verehrerinnen um sich scharrt. So chauffiert und charmiert sich der Mittsechziger durch die zehn Stockwerke des Senioren-Silos. Tatsächlich gelingt es ihm, die Heimbewohner zusammenzuführen. Für den einsamen Swing-Fan organisiert er einen Tanztee, wo der Alte unter viel weiblichem Beifall den DJ gibt. Und dann spendiert die ARD sogar noch einen Auftritt von Gotthilf Fischer, der den gerammelt vollen Esssaal zum Beben bringt. Ach, wie scheppert das schön!
Das stimmungsvolle Doku-Experiment mit Kuntze läuft im Rahmen einer ARD-Themenwoche. Sieben Tage lang werden in allen möglichen Formaten die "Chancen einer alternden Gesellschaft" beleuchtet. Dass man im Ersten die steigenden Lebenserwartungen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung empfinden will, darauf weist auch der Titel hin, unter dem am Sonntag bei Anne Will diskutiert wird: "Die Alten retten das Land". Eine klare Replik auf die Warnungen von Alt-Bundespräsident Roman Herzog, der unlängst angesichts der demografischen Entwicklungen vor einer "Rentnerdemokratie" warnte. Später in der Woche werden dann bei Frank Plasberg noch ethisch-finanzielle Aspekte der neuen Rentner-Gesellschaft ausdiskutiert: "Risikofaktor Alter - Wer kann sich Pflege mit Würde leisten?"
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Erhellendes Edutainment
Man zeigt also Leidenschaft – was sich auch auf der opulenten Internetseite niederschlägt. Wer hier rumsurft, stößt auf einen Artikel mit der Überschrift: "Das Ende des Jugendwahns". "Uff!", mag da manch ARD-Verantwortlicher erleichtert seufzen, schließlich lief man ja mit Formaten wie der Styling-Show "Bruce" recht erfolglos juvenilen Privatfernseherfindungen hinterher. Doch Häme ist unangemessen: Ausgerechnet beim Alten-Thema zeigt die olle öffentlich-rechtliche Tante ARD mal eine gewisse gestalterische Raffinesse.
Und das eben besonders bei Kuntzes Doku-Soap "Alt sein auf Probe", mit der es dem Sender nach all den Jugendwahnpleiten endlich einmal gelingt, die Informationspflicht mit dem selbst auferlegten Unterhaltungsgebot zu koppeln. In dem 90-Minüter wird tatsächlich ein schwieriger Stoff wie die Gerontologie als gleichermaßen erheiterndes wie erhellendes Edutainment aufbereitet.
Denn weil das soziale Umfeld im "Rosenpark" eben doch recht unbefriedigend bleibt, unternimmt Neu-Pensionär Kuntze bald Ausflüge, um andere Modelle für das Altwerden unter die Lupe zu nehmen. Dabei legt er bei aller telegenen Abenteuerlust große Ernsthaftigkeit an den Tag. Etwa wenn er einen Landgasthof besucht, in dem vier Generationen unter einem Dach leben. Da hinterfragt der Medienkarrierist kritisch sich selbst: Hätte man in seinem Leben nicht mehr Verbindlichkeiten schaffen sollen – um nun im Alter von diesen Verbindlichkeiten profitieren zu können?
Lifestyle-Beratung für den Lebensabend
Doch man ist nun mal, wer man ist. Und wenn es darum geht, den richtigen Stil fürs Älterwerden zu finden, sollte man sich keinen falschen Illusionen hingeben. Kuntze, der in seiner One-Man-Show seinen Hang zur Egomanie nicht verhehlt, könnte sich zum Beispiel auch vorstellen, in einem dieser Einpersonenhäuser zu leben, die das Fraunhofer-Institut gerade entwickelt hat. In denen soll der pensionierte Proband trotz schwindender Kräfte weiterhin selbstbestimmt agieren können. Technisch hochgerüstete Schuhkartons sind das, in der blecherne Roboterstimmen zur Medikamenteneinnahme ermahnen. Auch darin versucht es sich der Fernsehreporter einen Tag lang gemütlich zu machen.
Aber gibt es zwischen dem Eingebundensein ins pralle Familienleben und der digital gesteuerten Autonomie nicht noch weitere Möglichkeiten? Eine davon findet Kuntze schließlich in einer Mehr-Generationen-Genossenschaft, wo Alt und Jung in Wohneinheiten neben- und miteinander leben und über den Grad der Interaktion selbst bestimmen. Alte, die keine Enkel haben, verfügen auf einmal, wenn sie denn wollen, über ein ganzes Rudel davon. Und Großeltern, die keinen Bock auf die Gören haben, schieben sie einfach zu den Nachbarn ab.
Das ist die Grunderkenntnis des TV-Selbstexperiments: Wer es ernst meint mit dem würdevollen Altern (und über das nötige Kleingeld verfügt), für den können die Lebensoptionen mit der Rente sogar noch zunehmen. Nachdem der Jugendwahn verglüht ist, findet das Erste so zu einem hippen Genre, mit dem es auch umzugehen versteht: Lifestyle-Beratung für den Lebensabend.
In einer ersten Version dieses Artikels hieß es, in Frank Plasbergs Sendung "Hart aber Fair" werde diese Woche das Thema "Sex im Alter – die Wonnen später Liebe" diskutiert. Tatsächlich lautet Plasbergs Thema "Risikofaktor Alter - Wer kann sich Pflege mit Würde leisten?". Wir entschuldigen uns bei unseren Lesern für eine Verwechslung mit einer NDR-Dokumentation, die diese Woche unter dem erstgenannten Titel läuft.
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