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20.04.2008
 

Gekaufte Meinung

Pentagon beschäftigt PR-Armee für US-TV

Mit einer gigantischen PR-Truppe hat die Bush-Regierung die Öffentlichkeit in den USA seit Jahren hinters Licht geführt. Ein Enthüllungsbericht der "New York Times" zeigt jetzt, wie gezielt und perfide das System der Desinformation funktioniert.

Wenn US-Zuschauer die Nachrichten aus dem Irak auf TV-Kanälen wie CNN, Fox News, NBC oder ABC schauen, sollten sie ihren Ohren lieber nicht trauen. Wie ein Bericht der "New York Times" enthüllt, unterhält das US-Verteidigungsministerium bis zum heutigen Tag eine Truppe von TV-Militärexperten, um seine Sicht der Dinge auf den Irak und den Krieg gegen den Terror zu verbreiten.

Präsident Bush: Mehr als 75 Ex-Militärs standen als TV-Experten in seinen Diensten
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AFP

Präsident Bush: Mehr als 75 Ex-Militärs standen als TV-Experten in seinen Diensten

Die "New York Times" verklagte das Pentagon auf Zugang zu mehr als 8000 Seiten mit E-Mails, Gesprächsabschriften und sonstiger Akten und konnte das Material jetzt auswerten. In mehreren, sorgfältig dokumentierten Artikeln enthüllt die Zeitung nun ein subtiles System der Desinformation, das vor allem auf einem symbiotischen Verhältnis zwischen Regierungsarbeit und Pseudo-Journalismus basiert.

Installiert wurde das System nach den Recherchen der "New York Times" bereits im Jahre 2002, als detaillierte Planungen im Pentagon für eine Invasion des Iraks begannen. Torie Clarke, eine ehemalige PR-Beraterin, dirigierte die Propaganda-Truppe im Ministerium - und sorgte dafür, dass die Analysten zu einem Kernelement in ihrer Strategie wurden, den Krieg gegen den Irak bis zum heutigen Tage zu rechtfertigen.

Schon zu Beginn ihres Engagements trafen die TV-Experten, mehr als 75 ehemalige Offiziere des US-Militärs, den damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld; mindestens 18 Mal begegnete die muntere Expertentruppe Rumsfeld persönlich. Später wurde sie sogar dazu instrumentalisiert, den Minister öffentlich zu verteidigen, als führende Militärs seinen Rücktritt forderten, nachdem sich im Irak ein Debakel abzeichnete.

Gefiltert im Sinne der Bush-Regierung

Einige gaben dem Pentagon Tipps, wie man die Sender ausmanövrieren könnte, andere warnten die Regierung, welche Berichterstattung Sender und Zeitungen noch planten oder leiteten sogar ihre Korrespondenz mit den Journalisten an das Pentagon weiter. Wie wichtig die Aktion der Regierung Bush ist, zeigt, dass das Pentagon eigens eine Firma beauftragte, um den Ertrag der PR-Offensive auszuwerten, schrieb die "New York Times" weiter: Omnitec Solutions hatte den Job, Medien-Datenbanken zu durchforsten, um jeden noch so kleinen Auftritt der Pentagon-PR-Militärs zu registrieren und zu analysieren.

Besonders praktisch: Die Regierung musste ihre PR-Experten nicht einmal selbst bezahlen, denn das übernahmen die Sender und Zeitungen, die sie engagierten. Je mehr exklusive Informationen die Experten aus dem Pentagon präsentieren konnten, desto öfter konnten sie mit einem Auftritt auf der Mattscheibe rechnen. Und je mehr "Hits" - also Auftritte - sie bekamen, desto mehr verdienten sie. Was sie allerdings den TV-Stationen als "exklusiv" zutrugen oder in ihre Analysen einfließen ließen, war sorgsam gefiltert im Sinne der Bush-Regierung. Woher sie die Informationen erhalten hatten, sollten die Experten natürlich nicht offenlegen - so die Ansage des Pentagons.

Aufträge für Auftritte

Für die meisten der scheinbar unabhängigen Analysten dürften die 500 bis 1000 Dollar pro Auftritt allerdings eher ein nettes Zubrot gewesen sein. Viele von ihnen sind zugleich als Berater für die Militärindustrie tätig und verschafften sich über ihren Job als TV-Experten besonderen Zugang zu den Auftragstöpfen der Regierung; sofern sie denn brav ihren Desinformationspflichten nachkamen.

Beispiele nennt die "New York Times" zuhauf. John C. Garrett, ein Oberst a.D., arbeitet als Lobbyist für das Beratungsunternehmen Patton Boggs, das Firmen hilft, an Pentagon-Verträge heranzukommen. Garrett gibt unumwunden zu, dass es eine klare Interessenskollision zwischen seinem Job als Lobbyist und dem als TV-Experte gibt - und, dass er seinen Job als Teil des PR-Teams des Pentagons dazu genutzt habe, um an Aufträge für seine Klienten zu kommen.

Dafür war Garrett dann dem Pentagon in Sachen Irak eifrig zu Diensten. In einer E-Mail vom Januar 2007 schrieb er dem Pentagon über seine Experten-Rolle: "Bitte lassen Sie mich wissen, wenn es irgendwelche Punkte gibt, die Sie behandelt oder heruntergespielt haben möchten." Wer sich andererseits nicht der Ansicht des Pentagons anschließen wollte, flog. Ein Pentagon-Bauchredner sollte sich im August 2005 bei Fox News zur Lage im Irak äußern - an einem Tag, an dem 14 Marines dort gestorben waren. Dienstbeflissen warnte der Experte das Pentagon zwar, dass seine Einschätzung wohl eher negativ ausfallen werde. Seine Vorwarnung nutzte allerdings nichts: Nach seinem Auftritt habe ihn das Pentagon "gefeuert".

Ein Pentagon-Sprecher verteidigte in der "New York Times" die gewaltige PR-Aktion und verbrämte sie sogar; sie sei ein "ernsthafter Versuch, das amerikanische Volk zu informieren". Die TV-Stationen zeigten sich dagegen wenig erbaut über die Enthüllungen der "New York Times" und verweigerten größtenteils eine Stellungnahme. Kein Wunder, denn die meisten wussten nichts von etwaigen Verbindungen ihrer Experten - und, so legen die Recherchen der Zeitung nahe, interessierten sich auch nicht weiter dafür. Im Gegensatz zur "New York Times" - auch sie beschäftigte lange Zeit einige Pentagon-PR-Experten als Kolumnisten.

tdo

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