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26.04.2008
 

Fichtners Tellergericht

Gewissen im Gemüsehobel

Wie verlogen! Sich in Sachen China und Menschenrechte in die Brust werfen, aber klammheimlich von der Billigarbeit dort profitieren - die Chinesen schnippeln immerhin unser Tiefkühlgemüse. SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner kommt das nicht mehr in die Tüte.

Der Fernsehsender M6 hat in Frankreich keinen sonderlich guten Leumund. Das Programm erschöpft sich normalerweise in Sex, Crime und Tuttifrutti, aber neulich, beim Durchschalten, bin ich dort auf eine Ausgabe des Magazins "Capital" gestoßen, das ist sozusagen ein kleines, gehaltvolles Fettauge auf einem wässrigen Kessel Buntes – und ich bekam eine hervorragende Dokumentation über das Universum des Dreckfressens geboten, auf Französisch: la malbouffe.

Ein chinesischer Bauer bei der Ernte: Globales Ratatouille
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REUTERS

Ein chinesischer Bauer bei der Ernte: Globales Ratatouille

Die Autoren durchstreiften die Welt des Billig-Sushis, nahmen den Zuschauer auf weite Reisen bis ins Mekong-Delta mit, zu abenteuerlichen Fischzuchten, hinein in kalte Aroma-Versuchsküchen, und endlich zerlegten sie den Inhalt der tausendundeins Pfannengemüse-Tiefkühlsäcke in seine global produzierten Bestandteile. Wirklich, die Sendung hätte einen Preis verdient, und ich rufe die deutschen Senderfürsten auf, diese Filme sofort zu kaufen und auszustrahlen – niemand geht mehr hinterher "einfach so" in seinen Supermarkt.

Die Frage, die sich die Journalisten stellten, war ganz einfach: Wie kann ein Kilogramm Tiefkühlgemüse, gesät, gepflegt, geerntet, gekocht, gewürzt, verpackt, so billig sein? Wie kann es deutlich billiger sein als alles, was wir selber mit von Hand eingekauften und zubereiteten Lebensmitteln zustande bringen könnten? Die Antwort führte nach China.

Echte Butter? - "Preislich nicht darstellbar"

Sie führte, genau gesagt, in die Nähe von Shanghai, wo in Turbo-Treibhäusern das Gemüse reift, das bald in Tüten verschwindet auf denen dann "provençalisch", "italienisch", "französisch" steht, "Bauernschmaus" oder "nach Försterart". Sie führte in riesige Hallen, in denen Menschen Brokkoli schnitten, Karotten stiftelten, Petersilie zupften, freundliche Chinesen allesamt, die bereitwillig Auskunft darüber gaben, dass sie 50 Euro im Monat verdienen – für zehn Stunden Arbeit am Tag, an sieben Tagen pro Woche.

Ein smarter Manager stand dabei und erklärte, dass "keine Maschine" bislang imstande sei, saubere Brokkoliröschen zu schneiden. Die Handarbeit, sagte er, 9000 Kilometer von seinem europäischen Markt entfernt, sei das große Plus seiner Ware. Aber damit nicht genug: Die global-geniale Logistik, die perfekte Tiefkühlkette macht es heutzutage möglich, dass an so einer Gemüse-Wundertüte, die wir achtlos in den Einkaufswagen werfen, um an der Kasse drei Euro fuffzich dafür zu bezahlen, die halbe Welt mitgemischt hat.

In so einem Beutel Pfannengemüse kann der Brokkoli aus China, die Kartoffeln aus Ungarn, die Tomaten aus Spanien, die Karotten aus Tschechien, die Zwiebeln aus Israel und die Paprika aus Thailand stammen. Die Gewürze und Fette, die dieses globale Ratatouille irgendwie zusammenhalten, stammen in der Regel längst aus der Chemie-Fabrik. Denn echte Butter, so ließ sich ein Aromakundler im M6-Magazin zitieren, sei "preislich nicht darstellbar". Und ein Koch stand daneben und schüttelte verzweifelt den Kopf.

Klima-Katastrophe und gefrostete Karotten

Ich blieb zurück mit der Frage, was man von all dem nun halten soll. Denn es ist ja einerseits so, dass die Industrie Erstaunliches leistet, um uns rundum – und spottbillig – zu versorgen. Und weil wir im Januar Spargel essen wollen, karrt sie ihn eben aus Peru her. Und weil wir auch im Dezember Lust auf die sommerliche Rührpfanne haben, holt sie die Zutaten dafür eben aus Weltgegenden zusammen, wo gerade Sommer ist. Keine Mühe ist ihr zu groß. Fast müsste man Beifall spenden.

Am Ende aber kann ich es doch nur als Irrsinn empfinden, wenn wir, einerseits, die Klima-Katastrophe fürchten und – seit wie lange eigentlich schon? – Fünf-vor-Zwölf-Debatten führen, andererseits aber gefrostete Karotten und selbst schnöde Kartoffeln um den ganzen Erdball verschiffen, nur damit unsere Gemüsepfanne schön billig bleibt.

Und, übrigens: Verlogen ist es doch wohl auch, sich einerseits dauernd in Sachen China und Menschenrechte in die Brust zu werfen, um andererseits klammheimlich von der Billigarbeit der Küchensklaven dort zu profitieren. Sie schneiden immerhin unseren Brokkoli. Für unsere Gemüsepfanne. Man könnte sagen: Sie sind unsere Sklaven! Kommt mir nicht mehr in die Tüte.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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