Von Christian Buß
Pflegenotstand bei den Alten, Zukunftsangst bei den Jungen, Unterversorgung der Armen und die Steuertricks der Reichen. Aber was ist eigentlich bei all dieser Randgruppenfokussierung mit der Mitte der Gesellschaft passiert? Zerknirscht sprach Moderator Frank Plasberg am gestrigen Mittwochabend in die Kamera: "Von den Kastenhubers dieser Welt hört man nichts."
Die Kastenhubers? Das ist eine Art Mittelklasse-Vorzeigefamilie, ein Doppelverdienerhaushalt mit drei Kindern, in dem trotz solider Verhältnisse am Ende des Monats immer Ebbe in der Kasse ist. Des Moderators Klage, man höre von den Kastenhubers nichts, ist allerdings nicht ganz richtig. Immerhin bot er dem weiblichen Familienvorstand Constanze Kastenhuber nun schon zum zweiten Mal ein Forum in seiner Sendung.
Bereits Anfang April hatte Plasberg Frau Kastenhuber zum Thema "Arm durch Arbeit" befragt. Damals hatte die Sozialarbeiterin beschrieben, wie sie und ihr Mann trotz eines gemeinsamen Netto-Einkommens von 3500 Euro nur mühsam über die Runden kämen – und dabei via Internet und Telefonhotline einen Sturm der Entrüstung bei den denjenigen entfacht, die sich mit weniger Geld, aber ebenso vielen Kindern durchschlagen müssen. Am Mittwochabend wurde nun noch einmal in einem Einspieler auf Heller und Cent vorgerechnet, wohin all die Gelder der Kastenhubers fließen. Von Verschwendung konnte tatsächlich keine Rede sein. Am Monatsende bleiben gerade einmal 250 Euro für Extras wie Kleidung oder Urlaub.
Besserverdiener-Forum statt Kinder-Debatte
Nein, damit wollte man den Zuschauer nicht zu Tränen rühren. Vielmehr hatte das "Hart aber fair"-Team wohl vorgehabt, anhand ihres gläsernen Gastes zu dokumentieren, wie auch finanziell gut gestellten Familien aufgrund falscher staatlicher Steuerung das Geld entrinnt. Schließlich sollte über das "Armutsrisiko Kinder" gesprochen werden. Und wenn schon die Mittelklasse wegen ihres Nachwuchses darbt, wie muss es erst den unteren Schichten ergehen?
Doch diese Schlussfolgerung interessierte Plasberg gar nicht. Der Titel suggerierte zwar, dass es um Kinder im Allgemeinen gehen sollte. Doch dann wurde fast ausschließlich aus Sicht besser gestellter Familien diskutiert. Das große Thema war das mögliche Verschwinden der Mittelschicht.
Die Gründe dafür präsentierte Plasberg in einem Einspieler gewohnt knackig: Weil der Staat in den vergangenen Jahren so viel in die Wohlfahrt gesteckt habe (die Ausgaben stiegen von 2004 auf 2007 von jährlich rund 38 auf 44 Milliarden Euro) seien ihm wohl die gesellschaftlichen Leistungsträger aus dem Blickfeld geraten. Eine These, mit der Plasberg am Mittwoch die Vertreter der beiden Volksparteien konfrontierte; Hannelore Kraft, Vorsitzende der nordrhein-westfälischen SPD und CDU-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach mussten sich denn auch gemeinsam und sehr zur Freude von FDP-Frontfrau Silvana Koch-Mehrin die Frage gefallen lassen, ob sie sich zu sehr von der Linkspartei hätten treiben lassen und darüber die Anliegen der gesellschaftlichen Mitte vergessen.
Im Anschluss wurde vom "Hart aber fair"-Team eine umfassende statistische Auswertung präsentiert, die belegen sollte, dass Paare mit Kindern unter der Inflation mehr litten als Kinderlose – und dass sich dadurch das Risiko des gesellschaftlichen Abstiegs gerade für Mittelschichtsfamilien erhöhe.
Erst Kinder kriegen, dann Welt retten
Diese Fokussierung auf die vergleichsweise Wohlhabenden, denen irgendwie der Wohlfühlfaktor abhanden gekommen ist, wirkte allerdings perfide. Wenn eine Schicht gegen die andere ausgespielt wird, wenn eine Interessengruppe ihre Pfründe gegen die andere verteidigen muss, dann gerät die Frage nach der generellen Versorgung des Nachwuchses in den Hintergrund.
Dabei wird ja gerade in Bezug auf die lieben Kleinen am hitzigsten über gesellschaftliche Umverteilungsprozesse gestritten. Gelegentlich werden Eltern zu Rettern des Landes stilisiert, weil ihr Nachwuchs angeblich die aussterbende Nation rettet, während Menschen ohne Kinder oft als Egoisten diffamiert werden.
So wird als gesellschaftlicher Beitrag gewertet, was eigentlich nur eine Frage der individuellen Lebensplanung ist. Man kriegt ja Kinder, weil man Lust darauf hat und nicht deshalb, weil man die Welt, die Nation oder die Rentenkasse retten will.
Wie aber geht man um mit den finanziellen Nachteilen, die einem durch Nachwuchs entstehen? Genau hier sah der "WAZ"-Chefredakteur Ulrich Reitz, der die Fünfer-Runde komplettierte, eine "Gerechtigkeitslücke". Die verläuft seiner Meinung nicht zwischen wohlhabend und arm, sondern zwischen Paaren mit Kindern und solchen ohne. Mit anderen Worten: Die einen gehören staatlich bezuschusst, die anderen belastet – und das erstmal ganz unabhängig von ihrem Einkommen.
Aber macht es wirklich Sinn, dass eine Bäckerei-Angestellte das gleiche Kindergeld bekommt wie ein leitender Angestellter? Leicht verschämt zeigte Plasberg zum Schluss noch am Beispiel einer allein erziehenden Mutter, wie es sich anfühlt, auf Hartz IV zwei Kinder durchzubringen. Am Ende des Monats bleiben da trotz eiserner Sparsamkeit keine 250 Euro, sondern nur Schulden und Aldi-Nudeln mit Ketchup.
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