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12.05.2008
 

Tageskarte Kunst

Glas für Glas

Von Ingeborg Wiensowski

Wieso malt ein Mann 4500-mal das gleiche Glas? Weil er verrückt ist? Falsch. Peter Dreher will mit der Beschränkung auf ein einziges Motiv dem Wesen der Malerei näherkommen. Ob es gelungen ist, zeigen nun 50 Gläsergemälde in der Ulmer Ausstellung "Tag um Tag Guter Tag".

Für die derzeitigen "Kunstsachverständigen", die errechnete acht Minuten in einer Galerie auf Bilder und Skulpturen blicken und trotzdem dank tüchtiger Galeristen, Rankinglisten und Auktionsergebnissen schon vorher wissen, ob der Künstler "was ist", für diese Experten ist diese Ausstellung entweder gar nichts; oder sie könnte eine "Schule des Sehens" sein.

Denn in der Malerei-Ausstellung "Tag um Tag Guter Tag" des Künstlers Peter Dreher im Ulmer Kunstverein ist genaues Hingucken gefragt – auf über fünfzig scheinbar immer gleiche Bilder eines Glases.

Denn Peter Dreher malt seit April 1972 im immer gleichen Format dasselbe einfache Glas, das immer an derselben Stelle auf einem Tisch in seinem Atelier steht. Rund 4500 Mal seitdem. Genial? Einfallslos? Dreher, 76, früher Professor in Freiburg, kennt die Frage und sagt vorsorglich gleich selbst: "Ist das nicht bekloppt?"

Ist es nicht. Das klärt sich schnell, wenn man sich dafür interessiert, wie Dreher dazu kam und was er da eigentlich macht, wenn er malt, und was er mit seiner Arbeit erreichen will. Damals, als Dreher sein erstes Glas malte, also vor rund fünfunddreißig Jahren, haben sich viele Künstler gefragt, wo die Malerei steht und was sie überhaupt noch leisten kann. Schwer angeschlagen war die Malerei damals, nicht nur von Kritik und Konzeptkunst, sondern auch von der Ratlosigkeit der Künstler, was man nach Malewitschs schwarzem Quadrat, nach abstrakt und figurativ, nach Minimalismus, Neoexpressionismus und Realismus überhaupt noch malen kann.

Auch Dreher hat darüber diskutiert und gegrübelt, hat dies und das gemalt – und war unzufrieden. An der Malerei an sich hat er nie gezweifelt, aber wie beweisen, dass sie auch in Zeiten technischer Bildreproduzierbarkeit nicht überflüssig oder am Ende ist? Und ganz plötzlich wusste er, dass der Beweis ganz einfach ist: Wenn er immer wieder dasselbe malen würde, dann wäre das Motiv bedeutungslos, dann käme es auf jeden Strich, jede Farbnuance, auf die Dicke des Farbauftrags und auch auf winzige Abweichungen an – kurz gesagt, auf das Wesen der Malerei.

Und so begann Dreher im April 1972 mit seinen Gläsern. Zuerst malte er nach Sonnenuntergang im künstlichen Licht die "Nachtbilder", später kamen die "Tagbilder" bei Tageslicht dazu, immer auf 20 mal 25 Zentimeter großen Leinwänden. Wenn sie nebeneinander an der Wand hängen, sind die Gläser keine Gläser mehr, sondern der Beweis, dass sich trotz aller Regelmäßigkeit nichts wiederholt – das Licht nicht und nicht die subjektive Stimmung des Malers.

In Ulm sind rund 50 Bilder zu sehen, angeordnet auf zwei im 90-Grad-Winkel stehenden Wänden. Außen Nachtbilder, innen Tagbilder alle aus der Zeit von 1992 bis 2007. "Wie eine nie endende Schleife", sagt die Kuratorin Monika Machnicki, und es ist ja auch eine Art Lebensschleife, denn "Dreher wird mit dieser Malerei nicht aufhören, so lange er lebt".

Und so lange wird er immer gleich vorgehen: Zuerst wird mit einer Schablone das Glas umrissen, damit es auf dem Bild immer mittig an der gleichen Stelle ist. Und dann sieht er genau hin, als habe er sein Motiv vorher noch nie gesehen. "Jeden Tag von vorn anfangen" will er, "die Welt immer wieder neu sehen", mit allem Wissen und aller Erfahrung. Und immer gibt es etwas, das er noch nie vorher bemerkt hat: Das Licht bricht sich anders und verursacht unterschiedliche Reflexe und andere Spiegelungen, das Weiß oder das Grau gleicht nicht dem von gestern, denn die Farben werden täglich neu angemischt.

Beim Malen, sagt Dreher, sei er so konzentriert, dass er alles um sich herum vergisst. Ob seine Arbeit mit Meditation oder Zen Buddhismus zu tun habe, ist er oft gefragt worden. "Überhaupt nicht", sagt er, aber nachdem er sich damit beschäftigt habe, hat er gegen den Vergleich nichts einzuwenden. Auf jeden Fall hat seine Arbeit mit Haltung, Ernsthaftigkeit und Disziplin zu tun und gleichzeitig mit Obsession. Daran dachte wohl auch Drehers ehemaliger Student Anselm Kiefer, für den Dreher "der wichtigste Lehrer" gewesen sei. Immerhin hat Kiefer außerdem auch bei Beuys studiert.


Ausstellung "Tag um Tag Guter Tag". Peter Dreher Malerei. Kunstverein Ulm. Bis 8.6., Tel. 0731/662 58. Die Ausstellung wandert vom 10.8. bis 14.9. in die Kunsthalle Erfurt.

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12.05.2008 von daten-terrier: Danke

Danke für den Tip. Muss ich unbedingt ansehen. Geniale Idee! mehr...

12.05.2008 von fraternemo: Dank & Aber

Lieber Spiegel! Liebe Ingeborg Wiensowski! Erstmal ganz herzlichen DANK für den Artikel! Als vom Kunstbetrieb (nicht der Kunst) Angeödet- und Ekelter bin ich nicht mehr auf dem Laufenden, auf das Sie mich wieder gebracht haben. [...] mehr...

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