Von Jan Freitag
Wie sie die Treppe hinunterschreitet, wie ihr blondes Haar dabei wippt und der holländische Akzent charmant durch den Saal weht – "endlich wieder ein deutscher Applaus", jauchzt Linda de Mol bei ihrem Weg zurück auf hiesige Showbühnen - und die Frühphase des Privatfernsehens ist uns so nah wie lange nicht. "Hach, danke schön", haucht sie am Fuße der bonbonfarbenen Stufen, "ich hätte nie gedacht, dass ich das noch einmal sagen würde: Herzlich Willkommen zum romantischsten Event des Jahres". Die "Traumhochzeit" ist zurück auf hiesigen Bildschirmen und man fragt sich beim Anblick ihrer unverwüstlichen Moderatorin unwillkürlich: War sie je weg?
Sie war, volle acht Jahre. Eine halbe Ewigkeit also fürs schnelllebige Leitmedium, und dies ist offenbar der Grund, warum das ZDF den ersten privaten Blockbuster heimischer Abendunterhaltung nun von RTL übernommen hat. Einerseits sind acht Jahre lang genug, um nostalgische Begehrlichkeiten zu wecken, andererseits sind es noch nicht zu viele, um die Erinnerung verblassen zu lassen an ein Stück TV-Historie, das schon immer anachronistisch und zeitgemäß in einem war. 1992 wie 2008, neu oder gebraucht.
Wenn Daniela und Alex im lustig wackelnden Ehebett Rechenaufgaben lösen müssen, bis sie abgeworfen werden; wenn Angelika und Dietmar beim Kochen für das ZDF-Dreamteam Lafer/Lichter zeigen sollen, dass Liebe durch den Magen geht; wenn Kerstin und Christoph auswendig gelernte Hochzeitsdaten bereits vermählter Paare aufsagen müssen; wenn also alle sechs derart um eine Trauung vor laufender Kamera spielen, dann scheint das Emotainment moderner Prägung zurückgekehrt an seinen Bestimmungsort: Die deutsche Ehe.
Da kann man Klischees noch leben, da darf man rettungslos romantisch sein, da ist Rosamunde Pilchers fiktiver Schmalz soziokulturell verwurzelt. "Des Mannes größter Traum ist natürlich ein richtig dickes Auto", kündigt Linda de Mol einen der Einspielfilme an, wo Christoph im Inbegriff mobiler Dämlichkeit zum Ort von Kerstins Heiratsantrag gelockt wird: einem Stadtpanzer namens "Hummer". So leicht ist der Bräutigam von heute rumzukriegen und man will gar nicht wissen, was er mit den "gleichen verrückten Ideen" meint, die beide verbänden. Etwa ganz spontan zum Shoppen in ein Outlet-Center fahren? Irre!
Perfekt inszeniertes Tränendrüsen-TV
Da spielen also Durchschnittsdeutsche mit Durchschnittskosenamen in Durchschnittsklamotten fünf Runden um das durchschnittlichste aller Familienfeste. Mit allem, was den Mainstream so kennzeichnet: Riesige Herzen als Liebesbeweise (von Kerzen gesäumt), Riesengefühle auf Heimatfilmniveau (Jedes Töpfchen findet sein Deckelchen), Riesenbrimborium mit Kuschelrock (Seal etc.) untermalt. Dazu Zeitlupen, Herzklopfgeräusche und eine Linda de Mol in emotionaler Höchstform, die mit 44 viel siebenundzwanzigjähriger aussieht, als der Immobilienmakler und Formel-1-Fan Alex samt seiner Zukünftigen aus Bayern. Hier weint also die bürgerliche Mitte. Und Linda sowieso. Deshalb hat sie "wasserfeste Wimperntusche" aufgetragen und rät den Zuschauer(inne)n, Taschentücher bereit zu halten.
Kein schlechter Rat. Denn trotz altbackener Spielchen wie dem RTL-bewährten Champagnerpyramidenmikado ist "Traumhochzeit" perfekt inszeniertes Tränendrüsen-TV mit ein paar Längen. Wer keine Gänsehaut bekommt, wenn die Kandidaten ihre Anträge verheulen oder der siegreiche Christoph beim abschließenden Anblick seiner künftigen Gattin in weiß der Unterkiefer ungewollt runterklappt, ist definitiv beim falschen Genre und ganz gewiss beim falschen Sender. Denn außer am Krimifreitag bewegt sich das Zweite in der Primetime nur noch selten abseits von Romanze oder Volksmusik.
Und gerade hier erobern Aufgüsse der frühen neunziger Jahre Programmplatz um Programmplatz. Erst der "Bergdoktor", nun die "Traumhochzeit", bald "Kommissar Rex" – Produkte aus Zeiten, in denen Sat.1 noch Maßstäbe setzte und RTL zumindest Zeichen. Dennoch hat das Revival der erfolgreichen Spielshow heiratswilliger Paare eine weitere Ursache als die der Resteverwertung. Sie heißt John de Mol, ist Lindas milliardenschwerer Bruder und seit dem Neuerwerb seiner Produktionsfirma Endemol zurück auf dem deutschen Markt.
Mit dem Unternehmensgründer im Boot kam auch die "Traumhochzeit" wieder ins Spiel, diesmal öffentlich-rechtlich. Eine spannende Liaison, haben seine Erfindungen von "Nur die Liebe zählt" bis "Big Brother" doch stets für dreierlei gesorgt: Top-Quoten dank ungewohnter Konzepte, Top-Margen dank minimierter Herstellungskosten, Top-Schlagzeilen dank brachialer Ästhetik.
Und alles dank Linda. "Zumindest in Deutschland", sagt er. Als RTL-Chef Helmut Thoma vor bald 20 Jahren das holländische Vorgängermodell "Love Letters" sah, habe er sich gleich verliebt – in die spätere "Traumhochzeit" und ihre Moderatorin. Jetzt hat sich also das Zweite verliebt. Schließlich bedient es sich auch personell gern bei den Privaten: Linda de Mol ist bereits der vierte prominente Neuzugang von RTL in diesem Jahr. Und ob aus ihrer "Traumhochzeit" wie einst eine 92-teilige Reihe mit bis zu elf Millionen Zusehern wird, hängt einzig von der Quote ab. Sie könnte durchaus stimmen: Die Generation 60+ hält treu zum Zweiten.
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Zu spät. Aber da lief das ja noch nicht. Bzw. nicht mehr. Wobei meine Libido gestern Abend zugegebenermaßen durchaus einen Tiefpunkt hatte. Mein armer Liebster! Danke. Der tat gut. :) Wo wir beim Thema sind: warum [...] mehr...
... bekommt wieder einmal (und diesmal sogar GEZahlt!) genau die "Unterhaltung" aus der Zappelkiste, die er verdient; ganz im Sinne von Brot-und-Spiele, oder, aktuell: billiges-Bier, Ein-EURO-Job und holländisch [...] mehr...
das muss bei der ARD aber dann sicher " der Greis ist heiß " heißen ... mehr...
Jetzt seien sie doch nicht so hart zu ihrem Liebsten...;-) Sehen sie es positiv: die Traumhochzeit ist das perfekte Mittel zur Empfängnisverhütung... Im Anschluß an solch eine Sendung hat doch kein Mann der Welt noch Interesse [...] mehr...
... auf einen Relaunch von "Der Preis ist heiß" bei der ARD. Latürnich mit Harry Wijnford! Von der gestrigen "Traumhochzeit" habe ich gottseidank nur das Ende mitbekommen. Bei dem Traum aus Acetatsatäng, den [...] mehr...
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