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16.05.2008
 

Fotorebell Alec Soth

Super Models im Schneematsch

Von Karin Schulze

Schmollmund, Make-up, lange Beine? Das ist nichts für Alec Soth. Der Fotokünstler schert sich nicht um die Regeln der Modebranche - und macht eben deshalb die aufregendsten Fashion-Fotos der Saison: von weißhaarigen Models oder Normalos im Trailerpark.

Es fing nicht gut an. Als Alec Soth nach Paris flog, um für das "Fashion Magazine" der berühmten Fotoagentur Magnum Aufnahmen zu machen, landete das Flugzeug verspätet. Dann war ein Teil seines Gepäcks mit Fotozubehör unauffindbar. Dabei musste Soth direkt zu den Dior-Schauen. Als er dort im Gedränge der hektischen Kollegen mit ihren Digitalkameras seine sperrige, aufwändig zu installierende Großformatkamera zu positionieren versuchte, fühlte er sich komplett deplaziert. Dann flog er auch noch raus: Irgendetwas mit seiner Zugangserlaubnis stimmte nicht.

Dass die Modeexkursion des amerikanischen Fotografen doch noch gut endete, beweist jetzt die Ausstellung "Paris Minnesota" in der privaten Fotoinstitution C/O Berlin. Es ist die erste Ausstellung von Soths "Fashion Magazine", seit es bei einer champagnerseligen Party mit 1500 Gästen im vergangenen Jahr im Pariser Jeu de Paume präsentiert wurde.

Blitzkarriere im Stillen

Dabei ist die Karriere des Alec Soth, 38, noch relativ jung. Erst 2004 war sein erstes Fotobuch erschienen: die große Flusslandschaftselegie "Sleeping by the Mississippi". Schon im selben Jahr wurde er zum Magnum-Mitglied ernannt, und seine ruhigen, sozialdokumentarischen Aufnahmen machten bei der Whitney Biennale und bei Biennale von São Paulo Furore.

Noch im Jahr davor hatte er als Mitarbeiter für fotografische Digitalisierung an einem Museum in Minneapolis gearbeitet. Seine eigenen Aufnahmen machte er nur in der Freizeit. Heute arbeitet er für das "New York Times Magazine", für "Fortune" oder den "New Yorker", und seine freien Arbeiten werden von einem Kunstmarkt-Megaplayer, der Gagosian Gallery, vertreten.

Das "Fashion Magazin" durften vor ihm der britische Fotodrastiker Martin Parr und der amerikanische Street Photographer Bruce Gilden gestalten. Dass Soth seine Version "Paris Minnesota" nannte, hat mit einer weiteren Kalamität zu tun. Der Auftrag musste so schnell realisiert werden, dass er kein schlüssiges Konzept austüfteln konnte: "Ich dachte nicht, ich machte nur Fotos". Er knipste bei den Schauen von Chanel und Paul Smith, in Backstage-Bereichen, machte Porträts von Modedesignern und Fashionistas. Zurück im heimischen Minneapolis, Minnesota, sichtete er die Bilder - und fand sie flach: "Es fehlte ein konzeptionelles Rückgrat."

Weil er vor diesen Shootings noch nie Modeaufnahmen gemacht hatte und für ihn Mode ohnehin "nur die Weise ist, in der sich Menschen der Welt präsentieren", entschied er sich, seine Fremdheit zu akzentuieren. Vor Ort in Minnesota sprach er ganz normale, meistens junge Menschen an, kleidete sie ein mit Schuhen von Dior, einem Kleid von Bottega Veneta oder einem Balenciaga-Cashmere-Jäckchen und fotografierte sie - in der Tür eines schäbigen Trailers, vor einem "Sally Beauty Supply", in Schneematsch und auf vereisten Straßen.

Ein Bild von einem Kreativen

Verglichen mit den Minnesota-Shots erscheinen die Pariser Impressionen nicht weniger ungewöhnlich. Von der Chanel-Schau im Grand Palais zeigt Soth keine Laufsteg-Beauties, sondern den ganzen Raum als monumentale, pathetische Inszenierung.

Ausführlicher als den eigentlichen Modeaufnahmen widmet er sich den Porträts der Kreativen: dem Modemacher Azzedine Alaïa zusammen mit der Concept-Store-Macherin Carla Sozzani ("10 Corso Como" in Mailand), der Strickmoden-Doyenne Sonia Rykiel als Grande Dame im Pelz oder der stets mit Turmfrisur und Mantilla auftretenden Fashion-Bloggerin Diane Pernet. Am ausführlichsten zeigt er ein reifes, weißhaariges Model namens Jane. Warum diese vielen, nicht mehr ganz jungen Frauen? "Für mich", so Soth, "ist Paris eine glamouröse ältere Frau, während Minnesota ein schöner, aber unbeholfener Teenager ist."

Vielleicht ist die Auswahl, die bei C/O Berlin von Soths Ausflug in die Modewelt kündet, nicht optimal. Vielleicht ist die Abfolge der Bilder - der Wechsel von Nah- und Fernsicht, von Panoramen, Interieurs und Porträts, die bei seinen Serien so wichtig ist - nicht perfekt. Trotzdem macht die Schau klar, worum es geht: Mimik interessiert ihn, Make-up nicht. Selbstausdruck durch Kleidung: ja. Mode als Trendgeschehen: nein. Wenn etwas glatt, perfekt, glamourös ist wie etwa die Chanel-Bühnenshow, dann rückt er seine Kamera noch ein wenig weiter weg, überzeichnet so die Coolness.

Models sind "Candy" für ihn, "Süßkram": "Hätte ich 'Fashion Magazine' vor zehn Jahren machen sollen, wäre ich von dieser Phantasiewelt eingesogen worden - von den langen Beinen und den Schmollmündern. Ich musste erst meine eigene Sichtweise und meine eigene Erfahrung entwickeln." So konnte sein langsamer, intensiver Blick durch das hindurchgehen, was prätentiös, bloß repräsentativ oder gewollt ist.

Und so kam es, dass einer, der eigentlich ein Antimodefotograf ist, Modefotos gemacht hat, die die Moden überdauern könnten.


Alec-Soth-Ausstellungen:

"Paris Minnesota. Fashion Photographs”, C/O Berlin, 16. Mai bis 13. Juli

"L’espace entre nous", bis 15. Juni, Jeu de Paume, Paris

"Dog Days, Bogotá ", Galerie Wohnmaschine, Berlin, bis 28. Juni

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insgesamt 7 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
18.05.2008 von N. Kengyel: Alec Soth

Kann ja nicht jeder nen Zugang zu allen Arten eines Ausdrucks haben. Die Hunde in Bogota beispielsweise – zugegeben, auch nicht mein Favourite von Soth. Aber ich mag die Story dahinter: er adoptierte ein Baby und die Hunde stehen [...] mehr...

17.05.2008 von kolloq: Ach, ja

[QUOTE=N. Kengyel;2270868]...hört sich für mich nach einer vorschnellen wie auch vorlauten Aussage an: Bitte beachtet mich. [QUOTE] Man vergleiche einfach mal mit anderen bei Magnum (einschließlich anderer Nominees. [...] mehr...

17.05.2008 von N. Kengyel: Alec Soth

Es ist ein Transfer des gleichen Sujets in verschiedene Welten. Vielleicht fällt es schwer, dies zu verstehen bei der hier auf der Seite gezeigten Bildauswahl. Ein solches Fazit zu ziehen ("fotografischer Analphabet und [...] mehr...

16.05.2008 von doctor manhattan: Entscheidende Momente

Jeder der schon mal versucht hat bei Magnum aufgenomen zu werden wird hier bestimmt schmunzeln… mehr...

16.05.2008 von kolloq: Fotorebell?

Fotorebell? Was ist an dieser Sichtweise rebellisch? Diese Bilder werfen keine Fragen auf. Sie entsprechen thematisch und inhaltlich der Werbefotografie. Damit sind sie allerdings komgruent zum in der Öffentlichkeit dezeit [...] mehr...

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