Von Reinhard Mohr
Manchmal sagen Bilder tatsächlich mehr als Worte. Eine schwarze Limousine passiert eine bedrohlich hohe, nicht enden wollende Gefängnismauer, dazu dräuen dunkle Klänge aus dem Off, und eine bekannt sonore Stimme erzählt, wie "abweisend und kalt" die Atmosphäre ist: "Auch dieses Gefängnis macht mir Angst."
In der Auftaktsendung der neuen, in loser Folge ausgestrahlten Reportagereihe "Friedman schaut hin", die in dieser Nacht auf N24 Premiere hat, geht es um vier junge Männer in der Jugendstrafanstalt Wriezen/Brandenburg.
Aber es geht auch um Michel Friedman selbst, einst stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, erfolgreicher Fernsehmoderator und weithin geachteter, streitbarer Publizist. Auch ihn umgibt inzwischen eine - freilich eher unsichtbare - Mauer, auch er mag als persönliches Gefängnis empfinden, was ihn von "draußen" trennt. Für Friedman ist dies zweifellos die große mediale und politische Öffentlichkeit, die ihm seit seinem moralischen Fehltritt in einer Drogen- und Prostituiertenszenerie weitgehend verwehrt bleibt.
Man muss die Metapher nicht überstrapazieren, doch sie drängt sich auch im Fortgang seines Gefängnisbesuches auf, in dessen Mittelpunkt ein Gespräch mit vier jugendlichen Straftätern steht, die zwischen zwei und fünf Jahren Haftstrafe absitzen müssen. "Was ist schiefgegangen?", will er wissen. Waren die Eltern, die Gesellschaft oder womöglich sie selber schuld?
Schläger statt Schlagabtausch
Unverkennbar tönt hier wieder der intensive, überdeutliche Friedman-Sound mit seiner stets aufgeladenen Moralbatterie. Doch die Fragen klingen merklich zurückhaltender als gewohnt, klar artikuliert und fordernd zwar, aber nicht ultimativ insistierend oder gar aggressiv. Die charakteristische Eitelkeit wirkt gebremst, nicht zuletzt, weil der echte Sparringspartner fehlt, der den begabten Mann zu Höchstleistungen antreiben kann.
Und es ist wahrlich kein Ersatz, von dem krankhaften Neonazi und widerlichen Holocaust-Leugner Horst Mahler zu Beginn eines Interviews für die deutsche "Vanity Fair" mit "Heil Hitler!" begrüßt zu werden. Dann doch lieber ein ehrliches Gespräch im Jugendknast.
Rasch zeigt sich, wie sehr sich die Biografien der jungen Straftäter ähneln: ein prügelnder Vater, die Mutter als hilfloses Opfer, Alkohol, Drogen und Gewalt als Kompensation für fehlende Liebe und Freundschaft, Diebstahls- und Körperverletzungsdelikte schon in frühester Jugend. Keine abgeschlossene Schulausbildung, kein wirkliches Selbstwertgefühl.
Einer hat mit sieben schon geklaut, ein anderer früh Spaß am Prügeln gefunden, einfach so, aus der spontanen Laune heraus und weil er mal wissen wollte, wie das so ist, auf andere einzuschlagen. Und was ist mit Liebe? "Keene Ahnung", sagt der 23-Jährige. "Kann ich nix zu sagen. Ich habe das Gefühl nie kennengelernt. Ich weiß nicht, was das ist."
Abschreckend unerschrocken
Was wie auswendig gelernter Sozialkitsch klingen könnte, ist wahrscheinlich nichts als die traurige Wahrheit. Neu ist sie allerdings nicht, und daran ändern auch die in Sekundenschnelle eingeblendeten, teils optisch verwischten, motivischen Videofetzen nichts, die illustrieren sollen, wovon gerade die Rede ist: Schläge, Flaschen, Joints. Es sieht irgendwie cool aus, dient aber keinesfalls der Wahrheitsfindung.
Interessant immerhin, dass die Häftlinge eine unterdessen häufig geäußerte Vermutung bestätigen: Ein früheres und rigoroseres Eingreifen der Strafverfolgungsorgane gerade bei extrem jungen Straftätern könnte durchaus sinnvoll sein. Auch nach mehreren Diebstahlsdelikten sei "nie was Größeres passiert", sagt einer ganz beiläufig. Die Abschreckungswirkung von "ein paar Arbeitsstunden" oder vier Wochen Jugendarrest war offensichtlich äußerst gering.
Die notwendigen "Grenzen" werden so jedenfalls nicht gesetzt, zumal pädagogisch-psychologische Hilfe fehlt. Was bleibt, ist die Knastordnung, die Ordnung des Knasts, die nach ein paar Jahren schon weniger bedrohlich wirkt als die unkalkulierbare Freiheit draußen.
Michel Friedman ist noch nicht so weit. "Ich habe Angst", sagt er auf dem Weg in die Zelle eines Delinquenten, die vollgestopft ist mit Pin-ups, Herzen und Kreuzen, alten Familienfotos, Rapper-Porträts und einem an die Wand gepinnten Dostojewski-Zitat, das die Ruhe zum Quell aller Kraft erklärt.
Zweite Chance vergeben
Beim abschließenden Gang durch den Gefängnisflur formuliert der Besucher aus dem Fernsehen gewohnt bedeutungsvoll: "Sie brauchen eine zweite Chance. Sie sind noch jung."
Michel Friedman ist 52, ein Mann in den besten Jahren. Und ein Mann in der Warteschleife. "Friedman schaut hin" könnte auch heißen: "Friedman wartet" – auf seine zweite Chance. Doch wie kaum eine andere öffentliche Figur in Deutschland polarisiert und provoziert er. Schon erste Besprechungen seiner neuen Sendung rufen antisemitische Pöbeleien im Internet hervor. Noch so ein Gefängnis.
Doch wäre es nicht sehr reizvoll, sich vorzustellen, wie Michel Friedman SPD-Chef Kurt Beck in die Gesprächszange nehmen würde? Am selben Abend noch wäre die Frage der sozialdemokratischen Kanzlerkandidatur entschieden.
Aber vielleicht kriegen die jungen Strafgefangenen von Wriezen ja auch keine zweite Chance.
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH