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16.05.2008
 

Dalai Lama bei Illner

Gefangen im Reich des Lächelns

Von Florian Gathmann

Er kam, sah und lächelte: Im Interview mit Maybrit Illner entzog sich der Dalai Lama brisanten Fragen durch sture Freundlichkeit. Doch wer nach dem Oberhaupt der Exil-Tibeter zu Wort kommt, sieht zwangsläufig noch schlechter aus. Den Beweis traten alle anderen Gäste an - mit einer Ausnahme.

Hamburg – Wenn der Dalai Lama eine Frage nicht beantworten mag, sagt er einfach nichts. Und lächelt. Oder macht zumindest eine sehr lange Pause, nach der das Oberhaupt der Exil-Tibeter dann Dinge sagt, die mit der Frage nicht mehr ganz so viel zu tun haben. Manchmal lacht der Dalai Lama auch leise meckernd, um schließlich Sätze zu sagen wie: "Wenn ich schlaflos wäre, das wäre ein Problem für mich." Nicht aber dass Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier keinen Grund für ein Treffen mit ihm sieht.

Der Dalai Lama bei Maybrit Illner: Freundlich und vorsichtig
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ZDF

Der Dalai Lama bei Maybrit Illner: Freundlich und vorsichtig

Der Dalai Lama ist mit seinen 72 Jahren nicht nur ein sehr freundlicher älterer Herr, viel freundlicher jedenfalls als die meisten Gäste, die Maybrit lllner sonst in ihrer TV-Runde sitzen hat. Er ist auch ein sehr vorsichtiger Mensch. Für Journalisten ein eher misslicher Zustand - was man Frau Illner dadurch anmerken kann, dass sie während des Gesprächs mehrfach ihre sehr weißen Zähne blitzen lässt. Das passt zwar prima zu ihrem ebenso weißen Hosenanzug, aber den Dalai Lama scheint es wenig zu beeindrucken.

Noch schnell die Hände gefaltet und auf zum nächsten Termin

Dass die ZDF-Vorzeigedame den weiten Weg nach Bochum auf sich nahm, um Seine Heiligkeit exklusiv ins Zweite Deutsche Fernsehen zu bringen - auch mit solchen Opfern kann man den Dalai Lama wohl nicht aus der Reserve locken. Fliegt er doch schon beinahe sein ganzes Leben lang, immer rund um den Globus, immer für die Sache Tibets. Und weil dieser Sache in erster Linie der Gigant China im Wege steht, ist der Kopf der Exil-Tibeter zu einem Meister der rhetorischen Zurückhaltung gereift.

"Wir sind nicht antichinesisch, wir respektieren den Wohlstand der Chinesen", sagt der Dalai Lama beispielsweise in seinem roten Sessel. Oder er sagt: "Als Nation müssen wir China respektieren." China ist groß, China ist mächtig – Tibet dagegen klein und schwach. So lautet das Mantra des Dalai Lama.

Mehr als eine Autonomie unter der Herrschaft Pekings wolle er nicht, die Olympischen Spiele seien eine tolle Sache für China, und dessen Führung meine den Dialog mit seinen Abgesandten ernst – viel mehr kann ihm Illner in rund 25 Minuten nicht entlocken. Dann noch schnell die Hände gefaltet und auf zum nächsten Termin seiner mehrtägigen Deutschlandreise.

"Mut zu kleinen Schritten"

Aber weil Illner das Gespräch aufgezeichnet hat und hinterher rasch wieder nach Berlin zurückgejettet ist, hat sie noch einige Gäste in ihr gewohntes Studio eingeladen, die sich in den restlichen Sendeminuten den großen und kleinen Fragen zu China und Tibet widmen. Das Problem: Nach dem Dalai Lama auftreten zu müssen, ist ziemlich undankbar. Denn was Seine Heiligkeit neben dem freundlichen Wesen und der ganz eigenen Schalkhaftigkeit zu bieten hat, ist vor allem eines: Glaubwürdigkeit.

Also der Reihe nach: Michael Vesper stand lange Jahre in der ersten Reihe von Deutschlands Grünen, zuletzt als Vize-Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens - bis ihn das Generalsekretärsamt des Deutschen Olympischen Sportbundes ereilte. Von der grünen Verve ist so viel geblieben, dass er nun Sätze sagt wie: "Wir brauchen den Mut zu kleinen Schritten." Und: Es gebe doch "Zusagen" Pekings, dass die Journalisten während der Spiele frei berichten könnten. Wenigstens sind für Vesper die Menschenrechte noch ein unverrückbarer Begriff.

Dialog ist das Lieblingswort für Martin Posth

Man muss das nicht so sehen - glaubt jedenfalls sein Gegenüber Martin Posth, der in China vor vielen Jahren das erste VW-Werk hochgezogen hat und dort so etwas ist wie ein deutscher Wirtschaftsmann der ersten Stunde. Man könne Menschenrechte kaum definieren, sagt Posth. Und wenn doch - dann scheint es aus seiner Sicht eher auf eine Pekinger Definition hinauszulaufen. Wo doch inzwischen jeder fünfte Weltbürger Chinese ist. "Dialog" ist Posths Lieblingswort, nur mit dieser Strategie könne man überhaupt etwas für Menschenrechte tun, sagt er ein ums andere Mal. Dialog klingt aus seinem Mund allerdings eher nach ausschließlichem Geldverdienen – was die Realität der deutschen Wirtschaftsinteressen in China wie überall auf der Welt wohl bestens trifft. Was auch sonst?

Umso schwerer vermittelbar muss aus dieser Sicht Nobert Röttgens Position daherkommen. Röttgen, ein enger Vertrauter Angela Merkels, ist parlamentarischer Geschäftsführer der Unions-Fraktion im Bundestag. An diesem Abend erscheint er allerdings eher wie eine Mischung aus Kofi Annan und Mahatma Gandhi. Er argumentiert, als ob die Außenpolitik der westlichen Demokratien, natürlich vor allem Deutschlands, nichts als die Lage der weltweiten Menschenrechte im Auge habe. Und dabei, sagt Röttgen in Anlehnung an keinen geringeren als Luther, "muss man das Wort nutzen". Statt - zack die Ohrfeige für Steinmeier und Ex-Kanzler Schröder - gegenüber Staaten wie China oder Russland zu schweigen.

Jaenicke entkommt der Lächerlichkeitsfalle

Tun oder taten die beiden das denn wirklich? Und wäre Röttgen an diesem Abend auch so aufgetreten, wenn seine Karriere anders verlaufen wäre? Es ist Illners stärkster Moment, als sie den CDU-Politiker, die Sendung ist beinahe vorbei, darauf anspricht: Er habe doch ursprünglich BDI-Hauptgeschäftsführer werden wollen, mithin der Chef-Lobbyist der deutschen Wirtschaft? Ex-VW-Mann Posth muss da wohl grinsen. "Ich würde es von mir erwarten", sagt Röttgen. Und schaut dabei sehr ernst in die Kamera.

Nur einer entkommt an diesem Abend der Lächerlichkeitsfalle: Hannes Jaenicke mag zwar nicht mit allem Recht haben, was er sagt. Aber der deutsche Schauspieler und Unterstützer der "International Campaign für Tibet" sagt immerhin ein ums andere Mal, was Sache ist: Dass die Olympischen Spiele in erster Linie wegen des Reibachs veranstaltet werden (was Sport-Funktionär Vesper aufseufzen lässt), sich die Wirtschaft an China dumm und dämlich verdient (worauf Ex-Manager Posth die Augen verdreht) und die Tibet-Frage in Deutschland zu einem lächerlichen Parteienstreit verkommt (was den CDU-Politiker Röttgen verstimmt). Dabei gehe es ja nicht nur vielen Menschen in Tibet erbärmlich, sagt Jaenicke – sondern nach wie vor Abermillionen Chinesen, besonders auf dem Land. "Das ständige Küssen der chinesischen Hintern" geht Jaenicke deshalb mächtig auf den Geist.

Schade, dass der Dalai Lama das nicht mehr hören konnte. Sicher hätte er wie immer gelächelt. Und vielleicht meckernd gelacht. Ganz leise.

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insgesamt 19 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
17.05.2008 von jtr: Etwas weiter denken

Ich glaube, dem ist mit dem ersten Treffen bereits genüge getan worden. Mal ganz provokant in die Diskussin geworfen: Wir haben dem Friedensnobelpreisträger Arafat ja auch nicht erklärt, wie er am Besten gegen die Israelis [...] mehr...

17.05.2008 von manka: Keine Notwendigkeit für einen kulturellen Genozid

Ganz genau! Es ist klar das die Veränderungen die China durchlaufen muss lange dauern werden, es ist jedoch nicht klar weshalb dies auf dem Rücken einer chinesischen Mehrheit passieren muss, zumal es, wie von Ihnen ausgeführt, [...] mehr...

17.05.2008 von mime: China

....wenn es mittlerweile nichtmal schon so wäre, das wir mehr von "solchen Staaten" abhängen, als uns lieb ist. mehr...

17.05.2008 von taurusbeat: Was soll das?

Welche Diskussion wird eigentlich geführt? Fakt ist doch wohl das China Tibet annektiert hat.Weshalb wird in Deutschland im Umgang mit einem totalitären Staat so rumgeeiert?Von Frau Merkel ist ja wohl nicht mehr zu erwarten mit [...] mehr...

16.05.2008 von khid: Viel Rauch...etwas Öl im Feuer...oberflächlicher SPON!

Auf mehreren Ebenen hier im SPON wird über Tibet, den Dalai Lama und die deutsche Haltung debattiert. Nun ist der Dalai Lama und Tibet im ZDF erneut auf seiner medialen Bühne. Der Artikel hier auf SPON zur Sendung kann nur [...] mehr...

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