Von Henryk M. Broder
Etwa sieben Millionen Menschen leben in Israel, fast 20 Prozent von ihnen sind ethnische Araber – Muslime, Drusen und Christen. Theoretisch sind sie den jüdischen Israelis gleichgestellt, praktisch nicht. Mit Ausnahme der Drusen werden sie nicht zum Militär eingezogen, und weil in Israel vieles an den Militärdienst gebunden ist, werden sie zum Beispiel bei der Vergabe der Jobs im öffentlichen Dienst benachteiligt.
Ensemble von "Avoda Aravit": Inkorrekt, nicht inhuman. Im Gegenteil.
Jedesmal freilich, wenn Wahlen vor der Tür stehen, werden die "Aravim" entdeckt und von den Parteien umworben. Würden sie en bloc abstimmen, könnten sie darüber entscheiden, wer in Israel regiert. Weil sie aber in dieser Beziehung typische Israelis und untereinander uneins sind, bleiben ihre Stimmen politisch ohne Gewicht. Ein arabischer Knesset-Abgeordneter, Ahmed Tibi, war nicht nur mit Arafat eng befreundet, er diente ihm auch als Berater.
Getrennt durch die gemeinsame Geschichte
Offiziell gibt es in Israel zwei Amtssprachen: Hebräisch und Arabisch. Fast alle Straßen- und Verkehrsschilder sind zweisprachig. Ausländische Spielfilme im israelischen Fernsehen werden hebräisch und arabisch untertitelt. Im normalen Alltag geht es weniger ausgewogen zu. Während nur wenige jüdische Israelis Arabisch sprechen - meistens diejenigen, die aus arabischen Ländern gekommen sind -, sprechen fast alle arabischen Israelis Hebräisch, oft besser als ihre jüdischen Mitbürger.
Die Situation ist also ziemlich kompliziert. Und sie wird mit der Zeit nicht einfacher, sondern immer komplizierter, weil es inzwischen drei Gruppen von Palästinensern gibt: die mit israelischen Pässen, die in der von Israel besetzten und von der PLO verwalteten Westbank und die in Gaza unter dem Regime der Hamas.
Das ist der Stoff, aus dem Tragödien geschrieben werden. Oder Komödien - nur hat das noch niemand gewagt, weil die Lage so ernst und so dramatisch ist. Es geht um Täter und Opfer, Leben und Überleben.
Matzen mit Nutella
Doch jetzt wird es komisch. Jetzt kommt Amjad, der Held von "Avoda Aravit", der ersten Sitcom im israelischen Fernsehen, die vom Leben einer arabischen Familie in Israel erzählt. Zu sehen ist die Serie kurzfristig auch hierzulande, beim Jüdischen Filmfestival in Berlin.
Amjad ist palästinensischer Journalist in Israel. Er lebt mit seiner Frau, einer Tochter und seinen Eltern in einem arabischen Dorf, das Abu Gosh oder Umm-al-Fachem heißen könnte. Daheim spricht er Arabisch, draußen Hebräisch. Auch sonst tut Amjad alles, um sich wie ein richtiger Israeli zu benehmen.
Weil er es leid ist, immer wieder kontrolliert zu werden, tauscht er seinen alten Subaru, wie er vor allem von Arabern gefahren wird, gegen einen neuen Rover – und wird an den Checkpoints höflich durchgewunken. Er feiert das Pessach-Fest mit einer jüdischen Familie und freut sich über den Auszug der Israeliten aus Ägypten, als wäre er selbst dabei gewesen. Sogar seine Eltern essen jüdische Matzen-Brotfladen, die sie dick mit Nutella bestreichen.
Menschlich statt ideologisch
So wird der jüdisch-arabische beziehungsweise israelisch-palästinensische Konflikt auf ein menschliches Maß zurückgeführt. Wenn man schon auf engstem Raum mit- oder nebeneinander leben muss, dann soll man das Beste daraus machen. Das ist die Botschaft von "Avoda Aravit".
Wörtlich übersetzt, bedeutet der Titel "Arabische Arbeit" und ist nicht unbedingt positiv besetzt, etwa so wie "Polnische Wirtschaft" im Deutschen. Die jüdischen Israelis schauen fürsorglich bis überheblich auf die arabischen Israelis hinab, die ihrerseits zwischen Anpassung und Abgrenzung hin- und herschwanken. Sie möchten dazugehören, zugleich aber anders sein. "Avoda Aravit" bietet keine Lösung eines komplexen Problems an, dafür aber einen kleinen gemeinsamen Nenner: leben und leben lassen.
In einer Folge träumt Amjad von der Vertreibung der Palästinenser aus ihren Häusern und Dörfern im Jahre 1948. Am folgenden Tag schickt ihn sein Chefredakteur zu einem Israeli namens Menachem Silberstein, der einen neuen Teilungsplan für Palästina entwickelt hat: "Wir hier, ihr dort." Silberstein verkörpert den hässlichen Israeli: arrogant, besserwisserisch und eingebildet.
"Mutter kocht, Vater isst"
Amjad hört sich sein Gerede höflich und geduldig an, danach fragt er sich "Wer bin ich? Was bin ich? Araber? Israeli?" Er geht zu einem Analytiker, der genauso redet und aussieht, wie man sich einen Analytiker vorstellt. Er möchte wissen, wie Amjads Kindheit war und wie seine Eltern so sind. "Ganz normale Leute", sagt Amjad, "Mutter kocht, Vater isst".
Der Analytiker gibt ihm einen Fragebogen mit, den Amjad mit seinen Eltern durchgehen soll. Hat er als Kind oft geweint? Wie lange wurde er von der Mutter gestillt? Amjads heimliche Besuche bei dem Analytiker führen daheim zu allerlei Verirrungen. Seine Frau glaubt, er betrüge sie; sein Vater fürchtet, der Sohn sei schwul geworden und will die Schande mit Blut abwaschen.
In Israel ist die Serie enorm erfolgreich, aber auch heftig umstritten. Sie verharmlose Konflikte, sagen die einen; sie verbreite Vorurteile, klagen die anderen. Dass sie unterhaltsam, schnell und handwerklich perfekt gemacht ist, bestreitet niemand, auch nicht, dass sie mit Ressentiments wie mit Seifenblasen spielt. Und weil in "Avoda Aravit" zu gleichen Teilen Arabisch und Hebräisch gesprochen wird, kann sich keine Seite beschweren, dass sie zu kurz kommt.
So muss Unterhaltung sein, eine Mutprobe für die Macher und eine Provokation für die Zuschauer.
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