Von Daniel Haas
Lange Zeit hieß es: Die Midlife-Crisis gibt es gar nicht. Sie sei eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, namentlich des Psychologen C. G. Jung, der der Theorie seines Konkurrenten Sigmund Freud etwas entgegensetzen wollte. Freud sagte ja immer: Es hat alles mit Sexualität zu tun - der Stress mit den Eltern, der Drang, Romane zu schreiben, die Lust am Kriege-Anzetteln. Jung meinte hingegen, es gebe verschiedene Persönlichkeitsphasen, und die um die 40 sei von einem Konflikt zwischen Jugend und Reife bestimmt.
Freuds Thesen sind zwar cooler - es geht immer irgendwie um Geheimnisse und Sauereien -, aber Jungs Theorie hat den längeren Atem bewiesen. Gerade ergab eine Untersuchung von mehr als zwei Millionen Menschen aus 80 Nationen: Die Midlife-Crisis existiert tatsächlich, und sie kriegt uns alle dran, ob Mann oder Frau, Ostler oder Westler, arm oder reich.
Als Symptome gelten: Nachlassen der Leistungsfähigkeit, Rückgang der sexuellen Lust, Depressionen. Bei Männern lässt vor allem die Sehschärfe nach, weshalb ich, 40, zum Beispiel oft grimmig gucke, auch wenn ich exzellenter Laune bin. Außerdem gehen die Haare aus. George Orwell konnte deshalb schreiben: "Mit 40 hat jeder das Gesicht, das er verdient."
Vierzig verdreht
Diese wunderbare Balance der auf beide Geschlechter verteilten Midlife-Widrigkeiten wird jetzt allerdings empfindlich gestört. Es gibt nämlich eine weitere Studie, durchgeführt vom Gewis-Institut unter Frauen im Alter zwischen 40 und 59 Jahren. Die Hälfte der Befragten gab an, sich besser zu fühlen als mit 20. 74 Prozent freuten sich, ihre Stärken heute besser einschätzen zu können; 69 Prozent sind stolz auf das, was sie geleistet haben.
Das glaube ich sofort, vor allem jetzt, nachdem ich "Sex and the City - der Film" gesehen habe. Die Heldinnen Carrie, Miranda, Samantha und Charlotte haben tolle Jobs, sie schreiben Bücher, bereisen die Welt und genießen das Glück der Freundschaft in vollen Zügen.
Die Männer dagegen sind ziemliche Würstchen: Steve, der Mann von Miranda, hat keinen einzigen Freund. Den ganzen Film hindurch habe ich gewartet, dass er mal Bier trinken geht oder zum Fußball mit einem Kumpel. Man sieht ihn aber immer nur mit dem kleinen Sohn zur Kita hasten oder nach Hause. Und dann ist er so blöd und betrügt seine Frau und gesteht hinterher alles. Sie gibt ihm den Laufpass, dann ist er noch einsamer, wenn das überhaupt geht.
Es geht: Der Mann von Carrie (gespielt von der vollmähnigen Sarah Jessica Parker, die noch nicht mal von atomarem Fallout Haarausfall kriegen würde) heißt Mr. Big; herausragend an ihm ist vor allem seine Isolation. Im Film wohnt er in einem Luxus-Apartment, das genauso aussieht wie das Hotel, in dem er während der Serie eine Zeitlang wohnte. Nie, während insgesamt sieben Staffeln nicht, habe ich ihn mit einem Freund gesehen, nur seine Mutter taucht ab und zu auf. Der Film zeigt ihn mal beim Business-Lunch, aber auch da ist er allein und macht Notizen, vermutlich für seinen Chauffeur, der sein einziger Begleiter ist.
Nein zum Ja
Diese Männer verkörpern die Midlife-Crisis schlechthin. Sie sind desorientiert, verwirrt, bedrückt. Geboren in den frühen und mittleren sechziger Jahren haben sie mit den sozialen Utopien der 68er nichts am Hut. Überhaupt sind ihnen Ideologien fremd, dafür sind sie zu vielen ökonomischen und politischen Unsicherheiten ausgesetzt gewesen. Ich sage nur: Ende des Kalten Krieges, Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme. "Diese Generation ist die erste, die sich von linearen Lebensentwürfen verabschiedet", erklärte deshalb der Soziologe Peter Gross der "Wirtschaftswoche".
Dass so jemand Angst vorm Heiraten hat, ist doch klar. Aber nein, das geht nicht, man muss ihn unbedingt vor den Traualtar schleifen. Im Film bestellt Carrie/Sarah 200 Hochzeitsgäste, mietet eine ganze Stadtbibliothek für die Feierlichkeiten und trägt ein Kleid, gegen das die Hochzeitsrobe von Lady Di aussieht wie ein Jogginganzug. Das setzt den Mann natürlich noch mehr unter Druck, treibt ihn noch tiefer in die Midlife-Crisis-Ängste hinein.
Dabei müssten die Frauen nur warten: Bis wir älter geworden sind. Denn in späteren Jahren hebt sich die Lebenslaune wieder. Auch das haben aktuelle Studien ergeben. Liegt es daran, dass man Zivis schikanieren kann? Oder dass unglückliche Menschen früher sterben und die überlebenden Frohnaturen die Stimmungskurve wieder nach oben ziehen?
Wie dem auch sei: Auf die Carries und Mirandas warten später im Leben die tollsten Typen. Männer wie Gunter Sachs. Mit Sportwagen und teuren Anzügen könne man zwar auf sich aufmerksam machen, sagte Deutschlands prominentester Playboy kürzlich, nachhaltig beeindrucken könne man Frauen aber nicht. "Wichtig ist nicht der große Auftritt, entscheidend sind kleine Gesten und die Gabe, zuhören zu können."
Das ist charakterlich echt big. Aber der Mann ist ja auch 75.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Verstehen Sie Haas? | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH