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31.05.2008
 

Mohrs Deutschlandgefühl

Sommer der Jammerlappen

Hilfe, Deutschland verarmt! Und versinkt in der sozialen Ungerechtigkeit! Das Dauerlamento über die beängstigenden Verhältnisse im Land läuft allen Fakten entgegen - und verhöhnt die wahren Opfer. Höchste Zeit für einen Stimmungskick durch die EM, fordert Reinhard Mohr.

Erinnern Sie sich in diesen sonnigen Tagen noch an die WM 2006, an den Traumsommer mit dem eigentümlich neuen Deutschlandgefühl - fröhlich, ein bisschen stolz, aber ohne falsches Pathos und dumpfe Aufdringlichkeit? Wenn damals im Feuilleton von einem "neuen Patriotismus" die Rede war, dann ging es nicht um einen nationalen Fahnenappell, sondern um die Neuentdeckung des eigenen Landes: Ach so, wir können auch anders. Schwarzrotgold goes Leichtigkeit des Seins.



Eine Weile hielt diese Stimmung an, dann verblasste sie im ganz normalen Alltag. Es blieb die Erinnerung an ein historisches Ereignis, das in der ganzen Welt wahrgenommen wurde. Jetzt sind die alten Reflexe wieder da. Seit Monaten scheint es um nichts anderes zu gehen als um Rentnerelend, Massenarmut, Jugendgewalt, Depression und Altersdemenz.

Geil auf Negativität

Eine Schreckensstatistik jagt die andere. In ihrer medial zugespitzten Verbreitung suggerieren all die Zahlen und Prozente, was viele Deutsche immer wieder gerne hören: Es geht abwärts! Gemeiner Staat, hilf! Selbst steigende Benzin-, Gas- und Heizölpreise, die nun wahrlich ein globales Phänomen sind, nimmt man der Regierung ganz persönlich übel.

Kaum einer würde sich wundern, wenn eine brandaktuelle Studie morgen zum Ergebnis käme: "99,9 Prozent der Deutschen leben ständig mit tödlichem Risiko!" Für die gefühlte Negativeinschätzung kann es jedenfalls nicht genug Prognosen, Studien, Umfragen und Expertenäußerungen geben.

Dabei kommt es gar nicht darauf an, dass bestimmte Erhebungen, wie der jüngste Armutsbericht der Bundesregierung, auf überholten Daten basieren - in diesem Fall aus dem Jahre 2005, dem absoluten Tiefpunkt der Konjunkturkrise. Im damals veröffentlichten Bericht hieß es übrigens, dass das statistische Armutsrisiko in Deutschland das drittgeringste der gesamten Europäischen Union sei.

Dass seitdem 1,4 Millionen Arbeitsplätze geschaffen wurden, was unter anderem die Jugendarbeitslosigkeit praktisch halbiert hat, dass das Wirtschaftswachstum samt Steuereinnahmen kräftig gestiegen ist und Deutschland auch 2008 vor China Exportweltmeister bleiben wird, spielt beim gegenwärtigen Lamento keine Rolle.

Vorsicht, Neoliberale!

Weh dem, der wagt, diesem absurden - und im Blick auf den Rest der Welt tatsächlich zynischen - Zerrbild zu widersprechen. Er wird umgehend selbst als Ideologe des Neoliberalismus gebrandmarkt. Was zählt, ist die eloquenteste Klage und die überzeugendste, also populärste Erzählung vom allgemeinen Unrecht, in der "Hartz IV selbstverständlich als Indiz des inhumanen Kapitalismus" gilt, wie Rainer Hank in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" schrieb - "nicht als Beweis des humanisierenden Sozialstaats".

Niemand beherrscht die Kunst dieser Verelendungsrhetorik besser als der große politische Profiteur des endemischen Gejammers - "Linke"-Chef Oskar Lafontaine, dessen grenzenlose Selbstsucht nur ein Ziel kennt: die SPD endlich in die Knie zu zwingen. Die macht es ihm allerdings ziemlich leicht: Einen so desolaten Haufen wie die gegenwärtige "Führungsriege" der SPD hat es schon lang nicht mehr gegeben.

"Die Rentner-Republik - die Alten übernehmen die Macht", "Kinder als Armutsrisiko", "Gibt es gute Schulen nur für Reiche?", "Wer kann sich das Leben noch leisten?", "Willkommen im Zweiklassen-Land" - ohne es zu wollen, spielen auch die politischen Talkshows, deren innere Quotenlogik von der Skandalisierung gesellschaftlicher Zustände lebt, bei diesem Pingpong von Empörungsmaschinerie und Sensationsgeilheit kräftig mit.

Kinder, rechnet nach!

Die nahezu komplette Ausblendung außen- und weltpolitischer Themen verstärkt noch die Nabelschau: Selbst ein Nettoeinkommen von monatlich 1500 Euro, wie hart auch immer erarbeitet, gilt da als gesellschaftlicher Skandal. Und niemand wagt zu fragen, ob es vielleicht doch noch einen Rest an individueller Selbstverantwortung gibt auch unter jenen, die sich für mehr als zwei oder drei Kinder entschieden haben.

Dass viele Kinder nicht einmal mehr lernen, wie man sich die Zähne putzt - so Unicef-Chef Jürgen Heraeus - hat nichts mit Hartz IV zu tun. Die Veränderungen der Gesellschaft - in Berlin wird fast jedes zweite Kind von nur einem Elternteil erzogen - haben oft mehr mit neuen Lebensmodellen, biographischen Brüchen und persönlichen Entscheidungen zu tun als mit der Höhe staatlicher Transferleistungen.

Dabei ist die Währung dieses schiefen, moralistischen und nicht zuletzt provinziellen Diskurses nichts weiter als das schlechte Gewissen all jener, denen es besser geht. Und gerade weil es der Mehrheit in Deutschland nachweislich besser geht als denen, über die dauernd gesprochen wird, entsteht ein unwiderstehlicher Sog von Schuldgefühl und schlechter Laune, von Unzufriedenheit, Hilflosigkeit und Zukunftsangst.

Spielend die Laune heben

Schon wer dies formuliert, fragt sich gleich selbst: Bin ich jetzt auch ein mieser Reaktionär geworden, ein skrupelloser Verharmloser des gesellschaftlichen Elends, das die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht? Einer, der auch noch andere Zahlen im Kopf hat wie zum Beispiel jene, denen zufolge die obersten zehn Prozent der Gehaltspyramide über 52 Prozent des gesamten Einkommenssteueraufkommens zahlen, während die unteren 50 Prozent knapp mehr als 6 Prozent beisteuern.

Populist Oskar würde dies schnurstracks wieder zum Beleg für seine These von der klaffenden sozialen Ungerechtigkeit nehmen. So beißt sich die deutsche Dauerdebatte ständig selbst in den Schwanz.

Aber wie gut, dass es noch anderes gibt in unserer netten Bionade- und Latte-Macchiato-Republik zwischen Heizpilz und Maisonne. Zum Beispiel die ganz normale Wirklichkeit, in der rücksichtslose Kampfrentner mit Helm und Edel-Bike den beschaulichen Uferweg am Berliner Wannsee unsicher machen. Den fröhlichen Dauerwahlkampf zwischen Horst "Good old Knitterface" Köhler und Gesine "Schnatterinchen" Schwan. Liz Mohns Berliner "Rosenball"-Charity für Schlaganfallpatienten, bei dem die Big Band der Bundeswehr fast ebenso einheizt wie Stargast Lionel Richie, der selbst Joschka Fischer zum Headbanging light veranlasst.

Und schließlich der EM-Club "Tante Käthe" in der Rudi-Völler-Straße im Ostberliner Mauerpark, wo bis Ende Juni das Vaterunser in leicht variierter Form gebetet werden wird: "Michael Ballack, führe uns in Versuchung und erlöse uns von dem Übel, denn Dein ist der Steilpass und die Flanke und der Kopfstoß ins Netz der Ungläubigen. Amen."

Vielleicht gelingt es uns ja noch einmal - wie im Sommer 2006 -, uns am eigenen Schopfe aus dem Dauerelend zu ziehen.

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06.06.2008 von lmxlmx: Hurra ! Wir sind Deutschland !

Dass man über die momentanen Wachstumsraten früher nicht mal gegähnt hätte, das ein Grossteil der in letzter Zeit entstehenden Jobs Zeitarbeit oder ähnlicher Schrott sind, dass ein grosser Teil der Mittelschicht vom Abrutschen [...] mehr...

06.06.2008 von Gaztelupe: Die unlauter verführte Masse

Jedem einzelnen aus den hypnotisierten, dumpfen Massen steht es frei, statt die EM die Vorgänge im Bundestag zu verfolgen und bei der nächsten Wahl die entsprechende Quittung auszustellen oder vielleicht sogar, ohne sich auf die [...] mehr...

06.06.2008 von gaga007: Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!

... die Veränderungen der Gesellschaft haben oft mehr mit neuen Lebensmodellen, biographischen Brüchen und persönlichen Entscheidungen zu tun als mit der Höhe staatlicher Transferleistungen ... [...] mehr...

06.06.2008 von Boone: Held der Arbeit

Wären Sie auch noch froh, wenn es Zwangsarbeit wäre - Sie Held der Arbeit? mehr...

06.06.2008 von Kurt2: #171

Ja, das ist wirklich beklagenswert. Ihre Aussage bedeutet, dass dieser Arbeitsbereich nahezu gesättigt ist, will heißen, ein Milliardenbetrag (der offiziel ungenannt ist) wandert unkontrolliert zu Empfängern von Hilfeleistungen. [...] mehr...

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