Von Thorsten Dörting
Fast könnte man Mitleid bekommen mit Alice Schwarzer. Die große alte Dame des deutschen Feminismus agiert derzeit mit wenig Fortune. Letzte Woche verließ Lisa Ortgies, gerade erst zur Chefredakteurin bestellt, die "Emma" - und zwar nicht im Frieden, wie sich herausstellte, als Schwarzer genauso unprofessionell wie unsolidarisch nachkartete. Am Wochenende veröffentlichte Schwarzer dann in der "FAZ" einen Artikel zur dramatischen Lage in Burma nach dem Zyklon. Der Titel lautete "Warum Burma echte Freunde braucht" - und dazu fand sich ein Text, der Schwarzer dem berechtigten Vorwurf aussetzte, das "Geschäft der Junta" zu betreiben, wie SPIEGEL-Autor Matthias Matussek es auf SPIEGEL ONLINE pointiert zusammenfasste.
Nachdem in dem offenen Brief Matusseks schon von einem "abstoßenden ideologischen Gebräu" und einer "Schande für unseren Berufsstand" die Rede war, legt jetzt Jürgen Wilhelm, Geschäftsführer des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) und damit eine Art oberster Entwicklungshelfer Deutschlands, in einem persönlichen Brief an Alice Schwarzer nach.
Das Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, steckt voller Respekt gegenüber der Person Schwarzers - und voll bitterer Ernüchterung über ihre Position in der Burma-Frage. Von der "intellektuell stets differenziert und meist luzide argumentierenden Alice" schreibt Wilhelm bewundernd, um dann um so enttäuschter zu dem Fazit zu gelangen: "Wir kennen uns schon ein paar Jahre, und haben oft Übereinstimmung in vielen politischen Debatten und Bewertungen festgestellt. Aber mit diesem Artikel hast Du mich schockiert."
"Kolonialherr auf der Lauer"
Wie tief dieser Schock sitzt, zeigt die Kaskade der empörten Fragen, mit denen Wilhelm die Verlegerin und Journalistin in dem zweiseitigen Brief konfrontiert. Besonders empfindlich getroffen hat Wilhelm Schwarzers Polemik gegen seinen ureigenen Bereich, namentlich gegen die westliche Hilfe für das von einer Militärregierung in Knechtschaft gehaltene Land.
Der DED-Chef wirft Schwarzer vor, "pauschale - entschuldige - oberflächliche Kritik an der offiziellen Entwicklungspolitik" zu üben und zu suggerieren, dass alle freiwilligen Helfer, "einen CIA-Vertrag in der Tasche haben, um den Militärs eins auszuwischen oder das System zu destabilisieren".
Tatsächlich hatte Schwarzer in ihrem Artikel für die "FAZ" suggeriert, dass es vielen westlichen Staaten eher um die Destabilisierung der Machthaber geht, als darum, der burmesischen Bevölkerung zu helfen. "Der Kolonialherr liegt schon lange auf der Lauer" schrieb sie etwa, um die Position der britischen Regierung zu charakterisieren, die sich für einen Boykott Burmas einsetzt. Die internationale Gemeinschaft wiederum gebe sich nur mitfühlend - ob sie es tatsächlich sei, ließ Schwarzer dahingestellt. Falsche Freunde, so lautet wohl das implizite Urteil der Alt-Feministin.
Und die protestierenden burmesischen Mönche, niedergeknüppelt von den Schergen der Junta? Davon hätten sich zumindest einige, so insinuiert Schwarzer, auf ein Handbuch einer obskuren US-Organisation gestützt - und die wiederum besorge im Kern das Geschäft der CIA. Ganz so, als entwerte das die Kritik an den Menschenrechtsverletzungen, die täglich in Burma begangen werden.
Entsetzt zeigt sich Entwicklungshelfer Wilhelm zudem darüber, welche Quellen Schwarzer für ihren Artikel verwendet. "Mit wem", fragt Wilhelm, "hast Du eigentlich auf Deinen Reisen gesprochen? Wer hat Dir wirklich gesagt, dass man im schönen Burma lieber arm und krank als frei von Willkür und gesund leben will? Wer hat Dir gesagt, dass er so wie er jetzt leben muss, wirklich glücklich ist? Hast Du die von der Polizei und Militär Anfang des Jahres verprügelten und gefolterten Mönche gesprochen?"
Wilhelm bezieht sich dabei auf Passagen Schwarzers, in denen sie "nie Hunger oder wirkliches Elend gesehen" haben wolle, erst "in den letzten Jahren tauchten erste bettelnde Kinder auf: angefixt von den Kyats und Kugelschreiber verteilenden Touristen." Stattdessen schwärmt Schwarzer im Reisejournalistenton von Menschen, die "goldhäutig und heiter" sind und von "Frauen in Palmendörfern, die Hirse in Steinmörsern stampfen".
Wilhelms Brief endet mit dem Satz: "Mit dieser verantwortungslosen Polemik spielst Du den Zynikern und Hardlinern in Burma in die Hände."
Alice Schwarzer ließ diesen massiven Vorwurf des DED-Chefs bisher zumindest öffentlich unerwidert. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, wie die Verlegerin und Journalistin auf dessen Kritik zu reagieren gedenke, teilte eine Sprecherin mit, Alice Schwarzer könne sich derzeit nicht äußern - sie befinde sich im Urlaub.
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Dass Frau (nicht sexistisch gemeint) Schwarzer bei der Auswahl ihrer Argumente mehr ihrer subjektiven und extremistischen Ideologie als den Regeln von Vernunft und Logik folgt, war ja eigentlich schon immer bekannt. Mit [...] mehr...
thanthanwin Vielen Dank für den netten und wieder inspirierenden Beitrag, es wäre schön, wenn das weitergeführt werden könnte. Vielleicht nicht hier und auf eine Art und Weise, die über eine abstrakte Diskussion hinausgeht... [...] mehr...
Der Link zu dem Artikel wurde nachträglich am Anfang des thread angegeben - außerdem war es kinderleicht, diesen durchs Googeln selbst in Erfahrung zu bringen. Natürlich sollte man den Artikel lesen, wenn man mit diskutiert. Und [...] mehr...
Danke für die Blumen! Ich muss Ihnen auch ein Kompliment machen: Ihre Beiträge heben sich mit ihrem sachlichen Stil und ihrer durchdachten Argumentation wohltuend von so manchen anderen ab. Bezüglich Demokratie: Einverstanden [...] mehr...
Stimmt, sie fährt lieber in den „Urlaub“ (da Myanmar als Ziel flach fällt könnte sie ja mal Nord Korea besuchen, soll ja auch ein wunderschönes Land mit einer herrlich unberührten Natur sein *SCNR*). Ein Umstand der verwirrend [...] mehr...
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