Moskau/Hamburg - Die großen Fernsehsender Russlands üben rigorose Selbstzensur aus: Laut "New York Times" führen sie eine Liste über unerwünschte Gäste, interviewen wenige Oppositionelle - und schneiden Kritiker nachträglich aus ihren Sendungen.
So wurde der Leiter des Moskauer Instituts für Globalisierungsprobleme, Michail Deljagin, im letzten Herbst sogar aus einer Talkshow des staatlich kontrollierten "TVZ" digital ausradiert - er hatte den damaligen Präsidenten Wladimir Putin kritisiert. Doch die Techniker gingen schlampig vor: In einer Aufnahme kann man laut "New York Times" noch die Beine des Politikwissenschaftlers sehen.
Einem anderen streitbaren Talkshowgast erging es ähnlich: Der Duma-Abgeordnete Wladimir Ryschkow durfte zwar letztes Jahr seine Meinung bei "TVZ" äußern - aber die Episode wurde nie ausgestrahlt. Ironischerweise heißt die Sendung, in der die beiden Oppositionellen erst eingeladen und dann ins mediale Abseits befördert wurden: "Die Leute wollen es wissen".
"Sie fürchten, ihre Jobs zu verlieren"
Der Moderatorin der Polit-Talkshow sind diese Vorfälle peinlich. Kira Proschutinskaja sagte der "New York Times", dass "TVZ" sich aus Angst vor dem Kreml selbst zensiere. "Die Entscheidungsträger unserer Sender gehen immer zu weit, weil sie fürchten, ihre Jobs zu verlieren", erklärte sie.
Kreml-Vertreter streiten ab, dass sie dem staatlichen Fernsehen die Regeln diktieren. Die Kritiker, kommentierte der amtierende Präsident Dmitri Medwedew im April, "sagen unser Fernsehen ist regierungsfreundlich und zu sehr an den staatlichen Institutionen orientiert". Er hingegen sei von der Qualität überzeugt: "Ich glaube, unser Fernsehen ist eines der besten weltweit."
Alle großen Fernsehanstalten sind in der Hand des Kreml oder seiner Verbündeten. Wie stark Medwedew und sein Mentor Putin das Fernsehen zur Zementierung ihrer Macht benutzen, beweist laut "New York Times" eine "Stopp-Liste" der staatlichen Sender.
Gäste ausgesiebt
Die Liste - deren Existenz Regierungsbeamte bestreiten - verzeichnet angeblich die Namen von Freunden und Feinden des Kreml.
So berichtet der Moderator Wladimir Pozner, dass seine Vorgesetzten Oppositionspolitiker wie Garry Kasparow als Talkshow-Gäste schon im Vorweg aussortieren. "Seit den Wahlen ist der Kreml beinahe paranoid, wer im Fernsehen auftritt", zitierte die "New York Times" den Polit-Talker, der für den größten Sender "Erster Kanal" arbeitet und Präsident der russischen Akademie für Fernsehen ist. Pozners bitteres Resümee: "Wir haben keine Pressefreiheit, wenn es ums Fernsehen geht."
Waleri Komissarow, Chef des Duma-Kommitees für Informationspolitik, wehrt sich gegen den Vorwurf der Zensur. "Diese Leute sind einfach nicht interessant für unsere Gesellschaft oder für Journalisten", sagte der ehemalige Moderator laut "New York Times". Er wirft oppositionellen Politikern vor, sie suchten nur nach einem Sündenbock. "Vielleicht wollen sie ihre Einfallslosigkeit und ihren politischen Misserfolg dadurch erklären, dass sie verfolgt werden."
pha
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