Von Dominik Baur
Ikarus lebt. Das ist die gute Nachricht. Der kanadische Sonnenzirkus hat die griechische Mythologie Lügen gestraft. Der Jüngling im selbstgebastelten Federkleid gerät zwar aus Übermut zu nah an die Sonne, doch statt in den Tod stürzt er in "Varekai", der neuen Show des Cirque du Soleil, mit dem Fallschirm in einen magischen Wald - auf der Bühne dargestellt durch ein Spalier goldener Stangen. In dieser Märchenwelt nun erlebt Ikarus seine Abenteuer, ist aus der Pressemappe zu "Varekai" zu erfahren. Das ist gut zu wissen, denn welche genau, das wird sich dem Zuschauer während der zweieinhalbstündigen Vorstellung nicht erschließen. Doch darum geht es eigentlich auch gar nicht.
Szene aus dem Cirque-de-Soleil-Programm "Varekai": Pompöse Verpackung - leicht konsumierbarer Inhalt
Allenfalls solide Akrobatik ist es, was hier geboten wird. Auch mit fünf Keulen gleichzeitig zu jonglieren ist eine Leistung, angesichts derer kaum ein Jongleurskollege bleich werden dürfte. Etwas mehr hätte man schon erwartet unter dem weißen Zeltdach des Unternehmens, das im Titel einer seiner ersten Shows für sich in Anspruch nahm, den Zirkus neu erfunden zu haben.
Wild und bunt kostümierte Wesen - anzusiedeln irgendwo zwischen Punks, Spinnen, Luftballons, Blättern und Schlümpfen - treten auf und turnen ab. Drei wollbemützte Kinder aus China vollführen Seilkunststücke - eigentlich hätten sie um diese Uhrzeit längst ins Bett gehört. Zwischendrin kullert auch mal ein aufgeblähter Seestern durchs Bild. Und dann gibt es noch diesen Mann mit der Glühbirne auf dem Kopf. Den Sicherheitsabstand zum Kitsch, den etwa der Circus Roncalli - Dank der Wienerischen Selbstironie seines Schöpfers Bernhard Paul - zu halten vermag, ignoriert der Cirque du Soleil souverän.
Hawaiianische Rituale, sphärische Klänge
Und Clowns, ja, Clowns gibt es auch. "Ach, was wäre der Zirkus ohne seine Clowns?" fragte bei der Londoner "Varekai"-Premiere der "Observer" und gab sich prompt die Antwort selbst: "Auf jeden Fall besser." Ein hartes Urteil - und ein gerechtfertigtes. Wer dem Treiben von Steven Bishop und Mooky Cornish zusieht, wer Bishop dabei beobachtet, wie er ein vermeintliches Schwert verschluckt und ihm dabei die Hose runterrutscht, oder wie er einen Zuschauer dazu anstiftet, seine liebestolle Partnerin in die Luft zu sprengen, wird kein milderes finden.
Dabei darf man nicht vergessen, dass der "Cirque du Soleil" Anfang der Neunziger mit einem Ausnahme-Clown wie David Shiner Riesen-Erfolge feierte. Der hat sich inzwischen übrigens die jüngste der sechs Tour-Shows ausgedacht: "Kooza". Die kommt in ein paar Jahren bestimmt auch nach Europa. Es darf also gehofft werden.
So richtig glücklich macht unter all diesen Wesen eigentlich nur das Wuslon, das zu Beginn der Show durchs abgedunkelte Zelt wuselt und säuselt, dass das Rauchen im Zelt verboten sei.
Der Cirque du Soleil kann nur laut. Die Musik für "Varekai" wurde - wie bei allen Wanderschauen des kanadischen Unternehmens - eigens für das Programm komponiert. Eine fröhliche Melange aus New Age, hawaiianischer Ritualmusik, armenischen Volksweisen und etwas "König der Löwen", das Ganze unterlegt mit sphärischen Klängen und kräftigen Beats, kam dabei heraus - genau die Musik also, die man sich auf gar keinen Fall zu Hause auflegen würde.
Zäher Showbrei
Der einzelne Artist tritt beim Cirque du Soleil stets hinter das Kollektiv zurück. Was die Shows ausmacht, worauf ihre Macher stolz sind, ist, dass sie mehr bieten als eine Abfolge guter Nummern. Cirque du Soleil ist Konzeptzirkus. Weniger charmant formuliert: Einige akrobatische Glanzpunkte der Show - wie etwa der Auftritt der orangefarbenen Igel-Irokesen auf der Russischen Schaukel - werden in einem zähen Showbrei zu einem großen Ganzen verrührt, das zwar leicht konsumierbar ist, aber keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Bei so viel pompöser Verpackung gehen einzelne artistische Leistungen gerne mal unter.
Stellt sich die Frage, ob das, was sich in diesem Zelt abspielt, irgendetwas zu tun hat mit Philip Astley, dem britischen Veteranen, der in den 1770er Jahren mit seinem Pferd Gibraltar eine Wanderschau ins Leben rief, die als erster Zirkus gilt. Ob es etwas zu tun hat mit den deutschen Zirkus-Giganten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, mit den Renzens und Buschs, mit den Krones und Sarassanis? Hat es überhaupt irgendwas zu tun mit Sägemehl, Tigern und Bratwurst?
Nein. Cirque du Soleil ist kein Zirkus, sondern ein riesiger Unterhaltungskonzern. Im internationalen Headquarter in Montreal werden Märchen und Träume, wie sie Zirkusse aller Couleur schon seit Artistengedenken versprachen, am Fließband produziert und in die ganze Welt exportiert. Cirque du Soleil hat die Superlative auf seiner Seite: 3800 Mitarbeiter hat das Unternehmen, darunter 1000 Artisten. Schon 70 Millionen Menschen haben eines der Cirque-du-Soleil-Spektakel gesehen, und 20 Kilometer Stoff werden jedes Jahr zu Kostümen für die diversen Shows verarbeitet. Eine halbe Milliarde Dollar setzt der Konzern mittlerweile jährlich um. Die "Zeit" spricht von einem "Global Player der Unterhaltungsindustrie".
Theater der kleinen Leute - das war einmal
Einen Zirkusdirektor sucht man beim Cirque du Soleil vergebens. Stattdessen gibt es Autoren, Regisseure, Choreographen, Bühnenbildner. Und es gibt Guy Laliberté. Der Zampano der Gaukler, der das Unternehmen 1984 mit anderen gegründet hat, nennt sich heute CEO. Auf der "Forbes"-Liste der reichsten Menschen steht der 48-jährige Milliardär auf Platz 664.
Gegen einen wie ihn, gegen Hollywood im Zelt, haben klassische Zirkusse, die sich ohnehin schon seit Jahren in Agonie befinden, auf kurz oder lang wohl keine Chance. Einzelne werden in geschützten Biotopen wie der Schweiz überleben oder werden wie Roncalli einen Weg finden, Moderne und Klassik zu vereinen. Der Rest läuft Gefahr, auf der Strecke zu bleiben.
Angesagt sind heute neben dem Kanada-Import bunte Shows wie FlicFlac, die diversen kulinarischen Zirkusse, die Cuisine (mal mehr, mal weniger haute) mit zirzensischen Einsprengseln kombinieren, chinesische Akrobatengruppen, die meist unter dem Namen Staatscircus präsentiert werden, und alles, was André Heller so einfällt.
Das Theater der kleinen Leute ist der Zirkus längst nicht mehr. Die Tickets des Cirque du Soleil kosten 45 bis 95 Euro. Einen Ausflug mit der ganzen Familie in den Zirkus überlegt man sich da zweimal. Der Zirkus wird zunehmend ein Treffpunkt der oberen Zehntausend - und nähert sich so zumindest in einer Hinsicht wieder dem antiken Circus an. Bei der "Varekai"-Premiere durften Olivia Jones, Yvonne Catterfeld und Co. über den roten Teppich ins Zelt schreiten, vorbei an Fotografen, die schreiend um Posen betteln. Man geht nicht nur hin, um zu sehen, sondern vor allem, um gesehen zu werden
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Ich mach's mir einfach und schließe mich dem hier an. Inhalt und Ton des Artikels sind für mich schwer nachvollziehbar. Er wirkt regelrecht gefrustet, was wohl für keinen journalistischen Text besonders vorteilhaft ist. Eine [...] mehr...
Hallo, vor 14 Tagen war ich in München in der Aufführung von Varekai. Da ich an diesem Tage Geburtstag hatte, war ich natürlich voller Freude. Ich kenne Saltimbanco und habe auch schon einiges im Fernsehen gesehen. Das hat mir [...] mehr...
Hallo an alle, bin gerade durch Zufall auf dieses Forum gestossen und muß meiner Meinung einfach mal Luft machen: ich bin seit Jahren ein großer Fan des CdS, habe Quidam, Saltimbanco, Dralion und Varekai live gesehen und einige [...] mehr...
Ich komme gerade aus Oberhausen, wo ich mir den "Varekai" angetan habe. Die frenetischen Begeisterungsstürme des Publikums haben mich schon etwas ratlos gemacht, fast traut man seinem eigenen Urteilsvermögen nicht mehr. [...] mehr...
Habe schon einige Shows gesehen und das Konzept ist aus meiner Sicht stimmig. Tolle Kostüme, originelle Musik und gute Artisten, für ein paar Stunden vergisst man die Zeit. Einziger Minuspunkt aus meiner Sicht sind die sehr hohen [...] mehr...
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