Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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07.06.2008
 

Stefan Raabs Autoball-EM

Schrottlauben-Schlacht als EM-Ersatzbefriedigung

Von Sebastian Wieschowski, Köln

Deutschland ist Europameister, obwohl die EM in Österreich und der Schweiz noch gar nicht angepfiffen wurde. Schuld daran ist mal wieder Stefan Raab. Die neueste Idee der Ein-Mann-Eventagentur: Autofahren und Fußball - die Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen vereint in einer Sportart.

Die Erde bebt noch lang im Weltmeister-Wunderland. Und wer genau hinschaut, sieht ihn noch zittern, den kölschen Boden. Es sind die Nachwirkungen des Sommermärchens 2006, als im Deutzer Hafen, auf dem Heumarkt, vor dem Kölner Dom hunderttausende Menschen in das schwarz-rot-güldene Heimspiel hineinhüpften, kreischten und jubelten.

Stefan Raab: Ein-Mann-Eventagentur
DDP

Stefan Raab: Ein-Mann-Eventagentur

Zwei Jahre später trampeln und trommeln die Teilzeit-Nationalstolzen wieder auf den Tribünen am Rhein. Sie haben billige Irokesenperücken aufgesetzt und sich ausgeblichene Hawaiikettchen um den Hals gelegt. Sie grölen krumm und schief und wer sich nicht gern verbal artikuliert, drückt rhythmisch auf die mitgebrachte Tröte. Grund für den kollektiven "Balla-Balla"-Dachschaden in der Domstadt ist allerdings nicht die Fußballeuropameisterschaft, sondern eine Ein-Mann-Eventagentur: Stefan Raab.

Der Präsident des Welt-Wok-Verbandes hat den "Eurovision Song Contest" aufgemischt, sich im Frauenboxen versucht und nun die EM einen Tag vor den offiziellen Eröffnungsspielen gestartet. Mit seinem jüngsten Showstreich trifft Raab mitten ins deutsche Herz: Autofahren und Fußball - es sind die erklärten Leidenschaften der Deutschen, die der Metzgersohn aus Köln zur hippen EM-Ersatzbefriedigung für Sesselliberos der Generation "Jackass" auserkoren hat. Deshalb sind die Regeln des Blechschaden-Battles denkbar einfach: Kleinwagen gegen Kleinwagen, das Runde muss in das Eckige, und grobe Fouls sind eher kontraproduktiv - schon allein, weil danach meist Kühlwasser ausläuft, das Getriebe kaputt ist oder ein Reifen geplättet wird.

"Hass gehört nicht ins Stadion"

Ansonsten ist alles erlaubt, was kräftig kracht - dazu gehören auch verbale Auffahrunfälle: "Hass gehört nicht ins Stadion", bekennt Moderator Oliver Welke gleich zur Einstimmung mit fieser Note. Die Masse hat verstanden: Feinde wie die blöden Polen oder die bösen Italiener müssen schnell zu Schrott gefahren werden. "Wie macht ihr Italiener das mit den Schwalben im Auto?", fragt "Field Reporter" Matthias Opdenhövel den italienischstämmigen Schwaben Giovanni Zarella - und der beweist, dass eine Schwalbe auch beim Autoball möglich ist: Man täusche einen Getriebeschaden vor, um ein paar Sekunden Zeit zu schinden.

Zur munteren Ausfahrt auf den grünen Rasen hat sich in der Köln-Arena eine Auswahl der Lenkradgestalten versammelt, denen man besser nicht auf der Autobahn begegnen will: Sänger Patrick Nuo, der die Fahrerlaubnis erst seit einem Jahr besitzt, macht auf Crashkid - es sind keine 13 Sekunden gespielt, da raucht sein Vehikel bereits verdächtig nach einem Frontalcrash mit dem nicht weniger sportlich steuernden türkischstämmigen Comedian Bülent Ceylan, dessen Sportgerät nach dem Stoßstangenkuss defekt ist. Doch zum Glück gibt es einen Ersatzwagen - den Ceylan zwei Minuten später mit weiteren Fahrmanövern der Kategorie "völlig blind" ähnlich schrottreif gefahren hat.

Für den Schweizer Autoneuling und den Gegenverkehr aus der Türkei ist das Turnier vorerst zu Ende. Ihr einziger Verdienst: Die Verkehrsunfallstatistik, nach der sich in Deutschland alle vier bis fünf Minuten ein schwerwiegender Unfall mit Sachschaden ereignet, haben Nuo und Ceylan mit drei Totalschäden in zwei Minuten deutlich übertroffen. Wie die Kleinwagen-Killer diese Meisterleistung bei der - für wiederholt auffällige Punktesünder obligatorischen - medizinisch-psychologischen Untersuchung (auch "Idiotentest" genannt) erklären wollen, bleibt jedoch ihr Geheimnis.

In einem weiteren Leichtlohngruppengefährt sitzt Joey Kelly. Der verbissene Supersportler starrt wie ein Geisterfahrer übers Lenkrad hinweg. Und er fährt dementsprechend - im autoballerischen Nahkampf geht ein Außenspiegel verloren? Die Motorhaube ist eingedellt? Die Frontverkleidung abgerissen? Alles kein Problem für den bleifüßigen Irren, äh, Iren. Dass unflätige Bedrohungsgesten wie eine erhobene Faust im Straßenverkehr mit einem Strafgeld in Höhe eines halben Monatsgehaltes geahndet werden können, ist Kelly egal. Und die Menge freut's - denn sie bekommt neben einer testosterongeschwängerten Schlacht der Schrottlauben vor allem spektakuläre Dribblings, Torwartparaden und Kopf- beziehungsweise Autodachbälle zu sehen.

Übrig bleibt eine Gebrauchtwagenpalette - schrottreif

Trotzdem, um die deutsche Fußballnation zurück in Turnierform zu bringen, bedarf es keiner ausgefeilten Dramaturgie: Zwischendurch beschallen Shaggy (mit dem offiziellen EM-Song) und Raabs Kicherkumpane Elton (mit seinem eigenen Fußballgebrüll nach dem Strickmuster "besser geschüttelt als geröhrt") die geschundene Fußballseele. Und der Verlauf des Autoballturniers ist eine Steilvorlage für die bevorstehende Fußball-EM: Im letztem Gruppenspiel schubst "das deutsche Team" in Person von Stefan Raab das österreichische Vehikel aus dem Spiel, danach wird Italien auf den Schrottplatz befördert, und im Finale rammt sich Stefan Raab nach mehreren Frontalzusammenstößen zum Pokal - "Deutschland ist Europameister" und "Sieg im eigenen Land" darf der Schrottlauben-Schlachter nun in die Kameras prusten, obwohl die Europameisterschaft erst in wenigen Stunden beginnt.

Was von dem Autoball-Abend übrig bleibt? Eine umfangreiche und topmoderne Gebrauchtwagenpalette, viele Trendfarben verfügbar, nur ein Vorbesitzer, scheckheftgepflegt, wenige Kilometer gefahren - aber leider schrottreif. Und auf den Straßen von Köln sind Szenen zu sehen wie einst im Sommer 2006: Autokorsos mit deutschen Fahnen flitzen durch die Stadt, grölende Bierbäuche in viel zu engen Fußballtrikots liegen sich in den Armen, besingen das Nichtvorhandensein von Briten und Holländern und drücken auf ihre Tröten. Dank Stefan Raab zittert er wieder, der kölsche Boden. Die Erde bebt noch lang im Europameisterwunderland.

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