Von Reinhard Mohr
Ein ungnädiges Schicksal waltet offenkundig über Anne Will und ihrer sonntäglichen Talkshow. Die Kritik an den wöchentlichen TV-Gesprächen zwischen Schalensessel und Betroffenensofa will nicht verstummen, die Moderatorin gerät zunehmend ins Abseits.
Unter Druck macht man Fehler schon beim Spielaufbau, das weiß jeder Fußballfan, und so war es auch gestern Abend wieder. Eine groteske Programmplanung hatte die Polit-Talkshow im Ersten exakt gegen die zweite und entscheidende Halbzeit des Europameisterschaftsspiels Deutschland – Polen gesetzt, das im ZDF live übertragen wurde.
Nicht genug damit. "Job-Macher statt Spitzelbande – Deutsche Manager besser als ihr Ruf" lautete das Thema, das selbst an einem grauen Novemberabend kaum jemanden von Tätigkeiten im Haushalt weggelockt hätte, von der schrägen Formulierung mal ganz abgesehen.
Schlimmer noch: Die eingeladenen Gäste, besser: das, was an diesem heißen Fußballabend noch irgendwie aufzutreiben und ins Fernsehstudio nach Berlin-Adlershof zu verfrachten war, befanden sich überwiegend im Vorruhestand: Ursula Engelen-Kefer, Ex-Vize des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Martin Kannegießer, Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall und Helmut Thoma, einst Geschäftsführer von RTL.
Das Schlimmste aber: Anne Will musste sich erst einmal "in eigener Sache" an die Zuschauer wenden und ihren Fehler aus der letzten Sendung korrigieren. Man habe die Verschuldung des Stadtstaates Berlin "fehlerhaft dargestellt" sagte sie. Anders als behauptet habe der rot-rote Senat unter Klaus Wowereit nicht 60 Milliarden Euro Schulden von der CDU-Vorgängerregierung übernommen – unter seiner eigenen Ägide sei der Schuldenstand von zuvor rund 40 auf 60 Milliarden gestiegen. "Wir bedauern diesen Fehler und wollen dies gerne zu Beginn noch einmal klarstellen", sagte Anne Will und lächelte.
Durchlächeln und aussitzen. Leider hat nicht jeder Helmut Kohls Fortune, und das Fernsehen ist ein ebenso schnelles wie unbarmherziges Medium. Trotz aller Dementis der ARD-Oberen: Die Will-Sendung steckt in der Krise. Dringend bräuchte sie einen Talkshow-Klinsi, einen großen Motivator. Von einem strategisch-taktischen Denker wie Jogi Löw zu schweigen.
Denn auch in der Talkshow gilt die alte Fußballweisheit: "Entscheidend is’ auf’m Platz!" Pardon: Im Studio. Und da ging es am Sonntagabend wieder einmal besonders öde zu, selbst wenn man berücksichtigt, dass der Kontrast zum aufregenden 2:0-Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft die Wahrnehmung des stets gleichen Talkshow-Geplappers noch verschärfte.
Um es geradeheraus zu sagen: Man will das alles einfach nicht mehr hören – diese gestanzten, in jedem Fall vorhersehbaren Phrasen über die brave "mittelständische Wirtschaft" im Gegensatz zu den bösen Konzernen (Engelen-Kefer), über "einzelne schwarze Schafe" in den Vorständen (Thoma) und die soziale Ungerechtigkeit zwischen hohen Managergehältern und niedrigen Löhnen, die der saarländische CDU-Ministerpräsident Peter Müller anprangerte, Oskar Lafontaine im Nacken.
1000 Mal gehört
Apropos und immerhin: Müller übernahm eine weitere Korrektur, die die Sendung der vergangenen Woche betraf. Darin hatte Trickser Lafontaine frech behauptet, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe einst als "Jungkommunistin" in Moskau studiert. Nichts als erlogen auch diese Behauptung, die natürlich nur eine Funktion hatte: Von den nur zu berechtigten Stasi-Vorwürfen gegen Gregor Gysi, den anderen famosen Matador der Linken, abzulenken.
Auch an diesem Punkt zeigt sich: Anne Will ist weder links noch rechts, weder "neoliberal" noch "linkssozial" – sie hat überhaupt keine identifizierbare Haltung, die sich in der grassierenden medialen Beliebigkeit von Themenwahl und politischer Zuspitzung bemerkbar machen würde. Mehr Urteilsfähigkeit wäre gefordert. So war ja auch der wegen seiner falschen Zahlen monierte Einspielfilm über den rot-roten Senat insgesamt ein einziger Werbetrailer für die Zusammenarbeit von SPD und Linkspartei gewesen – was nicht nur der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" auffiel.
Während also die deutsche Mannschaft stürmte und Lukas Podolski seine zwei Tore schoss, ging es bei Anne Will in ermüdenden Wiederholungsschleifen um die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft, soziale Fehlentwicklungen und "Pauschalurteile" über Manager, die den Politikern durchaus zupass kämen, könnten sie doch so von eigenen Versäumnissen ablenken.
Selbst wenn Richtiges gesagt wurde, schien es schon beinah wieder falsch – zu oft und von zu vielen ist all dies schon geäußert worden. Und just als der geplagte Telekom-Mitarbeiter Lutz Paege auf dem weißen Betroffenensofa noch einmal bekräftigte, dass "die Telekom mein Leben ist", derweil Martin Kannegießer zugestand: "Das Festnetz ist in einer schwierigen Situation", fiel das umjubelte 2:0 für Deutschland.
"O wie ist das schön!" klang es durch alle Bildschirme und Fensterscheiben, auf den Straßen und Plätzen der Republik, nur drinnen, im klimatisierten Studio, herrschte wie immer jene Tristesse Royale, die einen Einspielfilm nach dem nächsten inspiriert, einer wie der andere. Einer begann mit den Worten: "Deutschland im Überwachungswahn..."
Da war die Gesprächsschau längst in ihre Einzelteile zerfallen. Worum genau es nun ging – um die Qualität deutscher Manager, um die Qualität deutscher Abhörtechnik oder die steuerliche Abzugsfähigkeit von überhöhten Unternehmensabfindungen – wusste am Ende niemand mehr. Aber es ist wohl auch egal.
Peter Müller machte sich einfach seinen eigenen Reim darauf und sagte noch schnell den Satz, der auf alles passt: "Es kann nicht immer nur um den Gewinn gehen. Es muss um die Menschen gehen."
Da ist was dran. Aber den Spruch können wir uns auch an die Küchenwand pinnen. Anne Will aber sollte dringend ins Trainingslager. Mit der ganzen Mannschaft.
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Das ist die Selbstreferentialität des Mediensystems. Das System produziert das, was es zur Existenz braucht - nämlich Nachrichten, Meldungen und Informationen oder was man dafür hält - aus sich selber heraus. Fast schon ein [...] mehr...
Ein klassicher Denkfehler: Demokratie und Elite sind mitnichten Widersprueche. Bestes Beispiel: Frankreich. Dort wurde ja die Demokratie auf europaeischem Boden erstmals eingefuehrt. Seine gesellschaftlichen Eliten hat sich [...] mehr...
Sagen Sie mal, wo leben Sie? Natürlich leben wir in einer Zweiklassen Gesellschaft, abzulesen am Bildungssystem, in der Arbeitswelt und im Gesundheitswesen und die Eliten schotten sich hermetisch vom sonstigen Pöbel ab. mehr...
Interessanter Gesichtspunkt! Sie hat sich doch nicht einmal dazu geäußert, nicht wahr? Wie beredt doch ein Schweigen sein kann...danke für diesen Hinweis. mehr...
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