Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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11.06.2008
 

Das kleine Schweizgefühl

Äs bitzeli Träne

Mieses Wetter, mieser EM-Auftakt und jetzt droht das Aus gegen die Türkei. Egal, findet Bruno Ziauddin. Der Schweizer lässt sich seine Laune nicht verderben - hochemotional ist er ja eh nicht. Für so was hat er schließlich seine Ausländer.

Die Schweiz am 7. Juni 2008. Nieselregen im ganzen Land, Temperaturen wie auf den Färöer-Inseln. Im Eröffnungsspiel der Fußball-EM in Basel ist noch keine Halbzeit vorbei, als Alexander Frei, Kapitän und einziger ernstzunehmender Stürmer des Gastgebers, mit kaputtem Knie vom Platz humpelt. Nach dem Seitenwechsel versieben die Schweizer zwei gigantische Chancen, der Schiedsrichter verwehrt ihnen einen Elfmeter, während der unterlegene Gegner aus Tschechien ein doofes Tor schießt und gewinnt.

Die Schweiz am 8. Juni 2008. Immer noch Nieselregen, immer noch Erkältungstemperaturen. Alexander Frei, so wird bekannt, hat sich in Basel so schwer verletzt, dass er erst lange nach der EM wieder auf einem Fußballplatz stehen wird. Auch sein baumlanger Sturmpartner Marco Streller, drei Klassen schlechter, aber faute de mieux Fixstarter, droht die nächste und entscheidende Partie gegen die Türkei verletzt zu verpassen. Die Wetterprognose: In der zweiten Wochenhälfte sorgt arktische Meeresluft für noch kühlere und noch nassere Witterung.

"Vom Schicksal geohrfeigt"

Ausgerechnet in diesen düsteren Tagen erreicht einen eine E-Mail aus Hamburg mit der Bitte, ein Stück zur Stimmung im Land zu schreiben. In einem Land, das, wie es ein Kommentator des Zürcher "Tages-Anzeigers" formulierte, soeben "vom Schicksal geohrfeigt" wurde. Nur: Während in Deutschland bereits ein verpatztes Vorbereitungsspiel für Gezeter im Bundestag sorgt, und ein bisschen Sonne im Verlauf eines Turniers jede Menge Feuilletonpathos hervorzubringen vermag, braucht es etwas mehr, bis der Schweizer Seelenhaushalt aus dem Lot gerät.

Überhaupt dünkt einen die Frage nach der Laune des Landes, dem emotionalen Zustand der Nation, dem Schweizgefühl ziemlich deutsch. Wir mögen es kleiner, pragmatischer, lokaler, reden selten über Gott, die Welt und Vaterland, dafür häufiger über den Steuersatz im Wohnkanton, die Ersatzwahl eines Mitglieds der Schulpflege oder die Reorganisation der freiwilligen Feuerwehr, der man nach dem Umzug in eine ländliche Vorortsgemeinde beigetreten ist. Die großen Würfe und Visionen, die überlässt der Schweizer den anderen. Dafür funktionieren Grünabfuhr und Arbeitsmarkt (die Erwerbslosenquote liegt bei 2,4 Prozent, das ist der tiefste Stand seit sechs Jahren).

ZUR PERSON

Rohwolt
Bruno Ziauddin ist Autor der Schweizer "Weltwoche". Der Sohn eines indischen Ingenieurs und einer Schweizer Krankpflegerin wurde 2007 mit dem renommierten Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet - bereits zum zweiten Mal. Bei Rowohlt erschien gerade sein Buch "Grüezi Gummihälse"; ein süffisanter Essay, der zu erklären versucht, warum die vielen deutschen Gastarbeiter in der Schweiz den Einheimischen so richtig auf die Nerven gehen. Ziauddin ist leidenschaftlicher Fußball- Fan.
Es ist nicht so, dass wir gänzlich frei sind von Sehnsüchten oder immun sind gegen ein bitzeli (bisschen) Emotion. Als der sonst so grimmige Alexander Frei schluchzend zur Spielerbank hinkt, bekommt die Fernsehnation feuchte Augen und vergoss äs bitzeli Träne (weinte ein wenig). Im Stadion sind selbst die bärbeißigsten Sportreporter geschockt und aufgewühlt. Trotzdem befindet der Kolumnist der englischen "Financial Times" später, er habe sich "so gar nicht an einem Fußballspiel gewähnt", die Atmosphäre sei "sympathisch unaufgeregt gewesen". Es fällt dem Ausland bisweilen schwer, des Schweizers Gemütsäußerungen richtig zu lesen.

Am Morgen nach der fatalen Niederlage gegen Tschechien verfolgen 5000 Anhänger das Auslaufen der Nati (sprich: "Natzi"), wie hier die Nationalelf arglos genannt wird. Die Mannschaft wird mit tosendem Applaus empfangen. Schließlich hat sie ihr Bestes gegeben, sich nicht blamiert und viel besseren Fußball gezeigt, als es die Vorbereitung befürchten ließ. "Ehrenvolle Niederlage" nennt man das bei uns. Ob es diesen Begriff in Deutschland überhaupt gibt?

Das verkrampft-unaufrichtig-Hinterhältige

Der Fanatismus des Gewinnenwollens ist hierzulande weniger ausgeprägt als anderswo. Im Sport ist das oft ein Nachteil. Im richtigen Leben schafft der Hang zu Ausgleich, Harmonie und Höflichkeit ein Klima, an das sich auch Ausländer gerne gewöhnen. In Schweizer Krankenhäusern, staunte ein aus Deutschland eingewanderter Pfleger im Fernsehen, sage man sich im Aufzug "Grüezi", duze die Vorgesetzten und werde vom Chefarzt nicht angeschnauzt: "Das tut meiner Seele gut."

Dieses behutsam-bedächtig-Zurückhaltende, das manchmal ins verkrampft-unaufrichtig-Hinterhältige kippt (der Schriftsteller Robert Walser prägte hierfür den Begriff heimlifeiss), diese Art, man weiß es, findet auch in der konsensorientierten Schweizer Politik ihren Niederschlag. Seit einigen Jahren jedoch stört eine rechte Partei, die ironischerweise wie die französische Höflichkeitsfloskel S’il-vous-plaît mit SVP abgekürzt wird, die helvetische Harmonie mit rüpelhaftem Auftreten und einer Nase für unappetitliche Themen und real existierende Ängste des Normalschweizers (Kriminalität, Einwanderungspolitik, EU-Skepsis).

Bis vor ein paar Monaten, so könnte man sagen, hatten knapp 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung gute und 70 Prozent schlechte Laune. Die Gutgelaunten waren jene, die bei den letzten Wahlen mit ihrer Stimme die SVP zu der mit Abstand stärksten Kraft im Parlament gemacht hatten. Mittlerweile haben diese 30 Prozent eher schlechte, dafür die anderen 70 umso bessere Laune. Zuerst wurde SVP-Bundesrat Christoph Blocher (wohl der einzige lebende Schweizer Politiker, der im Ausland über ein gewisses Maß an Bekanntheit verfügt) von einer Koalition der Wahlverlierer aus der Regierung abgewählt und durch eine handzahmere Politikerin ersetzt. Der Coup war derart heimlifeiss, dass selbst Niccolò Machiavelli gelächelt hätte.

Dann vor zehn Tagen die Monumentalblamage der SVP bei der Volksabstimmung zur sogenannten Einbürgerungsinitiative. In der Zeit dazwischen, als sich die Spaltung der Partei abzuzeichnen begann, war im Land viel von Stil, Anstand und Mäßigung die Rede. Es ist just die Vernachlässigung solcher Volkstugenden, welche die sich gern aufs Volk berufende SVP in die Bredouille geraten ließ.

Kleingeistig? Ausländerfeindlich? Falsch, falsch

Die Kampagne für besagte Initiative, bei der es um eine Einschränkung der Rechte einbürgerungswilliger Ausländer ging, wurde mit viel Geld und unter Zuhilfenahme diverser Schauerbeispiele von Kriminellen, die sich den schönen roten Schweizer Pass ergattert haben, geführt. Dass der Neinstimmenanteil trotzdem über 60, in einzelnen Kantonen gar 80 und mehr Prozent betrug, legt den Schluss nahe: Das in jüngster Zeit von internationalen Medien kolportierte Geschwätz von einer kleingeistigen, weltfremden und ausländerfeindlichen Schweiz ist falsch, falsch, falsch.

In Zürich, der größten Schweizer Stadt, leben Menschen aus 167 Nationen, der Ausländeranteil beträgt 30,6 Prozent (Berlin: 13,9 Prozent). Alles in allem ist die Art und Weise, wie mit den daraus erwachsenden Spannungen und Schwierigkeiten umgegangen wird, von bemerkenswerter Zivilität.

Gut möglich, dass diese Internationalität dem Fußball-Kleinstaat während der nächsten zweieinhalb EM-Wochen zugute kommt. Selbst wenn die Schweiz bereits nach der Vorrunde ausscheidet: Irgendeine hier ansässige Volksgruppe hat immer einen Anlass zum Feiern.

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