Von Daniel Steinvorth, Istanbul
"Jeder Türke wird als Soldat geboren" lautet ein geflügeltes Wort in der Türkei. Kein Wunder also, dass die Türken so eine martialische Sprache pflegen. "Den Panzer werden wir zerquetschen!" heißt es heute in der Sportzeitung "Fotomac", einen Tag vor dem alles entscheidenden Sieg, mit dem das Land Fußballgeschichte schreiben will.
"Der Panzer", damit sind - wie könnte es anders sein? - die Deutschen gemeint. Stürmer Semih Sentürk und Abwehrspieler Gökhan Zan sind sich jedenfalls sicher, den Teutonen eine Panzerwürdige Materialschlacht zu liefern. "Dass Deutschland als Favorit gehandelt wird, gibt uns Extramotivation. Wir sind die bessere Mannschaft und werden sie 1:0 besiegen. Wir sind mutig und haben keine Angst!", wird Semih in der Zeitung zitiert.
Friedlicher gibt sich das bekannte Fußballblatt "Fanatik". "Die Freundschaft soll siegen" heißt es auf Seite 1 in einem Interview mit Jogi Löw. Die Reporter legen allerdings Wert darauf, dass der deutsche Trainer selber auf diese Überschrift gedrängt habe. "Hodscha" (Türkisch, respektvoll, für "Lehrer", "Meister") Löw plaudert über die Menschlichkeit der Türken ("Sogar arme Menschen haben mir ein Essen spendiert"), über den Istanbuler Fußballclub Fenerbahce ("Dort habe ich gelernt, wie man ein großes Team führt") und die Qualitäten von Nationaltrainer Fatih Terim ("Ich bin ein großer Fan. Er gibt den Spielern wahnsinnig viel Passion"). Auf Seite sechs ist dann allerdings auch für "Fanatik" Schluss mit Lustig: "Die Panzer haben Erfahrung, aber sie sollten uns nicht auf die leichte Schulter nehmen ..."
Weitaus spiritueller geht es bei "FotoGol" zu, der auflagenschwächsten türkischen Fußballzeitung. "Ein Wunder für die Türkei", schwärmt das Blatt. Und weiter: "Die Nationalverletzten gesunden, einer nach dem Anderen!" Emre, Servet, Tümer, Mehmet Topal, Semih und Hakan Balta: Alle wieder so gut wie hergestellt. Der Sieg scheint da schon zum Greifen nahe: "Nichts ist unmöglich! Wenn man Ballack stoppt, bremst man das Team aus!"
Für diesen Fall appelliert die regierungsnahe Tageszeitung "Zaman" an die Vernunft der Fans, die bekanntlich wild und temperamentvoll feiern: "Schießen Sie nicht zur nationalen Freude!" Das mag absurder klingen, als es ist, denn immerhin wurden in den vergangenen zehn Jahren 30 Leute durch Schüsse bei Freudenfeiern getötet, Hunderte körperlich versehrt. Also: Am besten gleich die Polizei anrufen und die Schützen anzeigen, rät "Zaman". Oder gleich eine "Kampagne gegen Freudenschüsse" ins Leben rufen, wie Emine Erdogan, die Frau des derzeit selbst schwer unter politischem Beschuss stehenden Premierministers. Frau Erdogan rief zuletzt den Vater des kleinen Duygu Kader Öztürk an, der nach dem Spiel gegen Kroatien verletzt wurde.
Apropos Erdogan: Wie die Presse berichtet, wird der Regierungschef, der in seiner Jugend selber fast Profifußballer geworden wäre, bei diesem Spiel definitiv dabei sein. Beim EM-Auftaktspiel seiner Mannschaft gegen die Schweiz fehlte er noch. Da hatte das türkische Verfassungsgericht gerade Erdogans Kopftuchreformen annulliert und alle AKP-Spitzen mussten zur Krisensitzung nach Ankara gepfiffen werden. Diesmal hat die Politik Besseres zu tun. Wie "Fanatik" berichtet, will das Parlament vor dem Deutschlandspiel das Team eigens mit einer Medaille beschenken, um es zu motivieren.
Wie sehr Fußball Balsam für die gebeutelte Volksseele sein kann, weiß auch "Radikal" ("Jeder denkt nur an das Deutschlandspiel"). Das Hausblatt des kemalistischen Bildungsbürgertums doziert über die gesellschaftliche Heilkraft des Sports. Ob Kopftuchdebatte, Verbotsklage gegen die AKP oder Putschpläne des Militärs... Hauptsache Torwart Tolga darf auch im Mittelfeld spielen! Also, auf "zur Eroberung Wiens", wie "Milliyet" schon vergangene Woche verkündete - diesmal aber richtig.
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Machen Sie mir keinen Schiss:))) mehr...
Dieser Artikel zeigt wieder mal, dass SPON nicht mehr weit von den so verhassten Boulevardblättern entfernt ist (zumindest in der Politik der Überschriften). Ganz abgesehen davon, dass in dem Artikel nur über einzelne Vorfälle [...] mehr...
Es nervt schon, dass dieses Spiel für viele Türken als Aufputschmittel herhalten muss. Ich hoffe, dass nichts Schlimmes passiert, vor allem dann, wenn die Türken ausscheiden sollten. Gerade, wenn es dann noch irgend eine [...] mehr...
...man kann so etwas auch herbei reden. Dass dieses Spiel in der Presse aufgebauscht wird und als Symbol für vermeintlich nationale Stärken und Schwächen herhalten muss, halte ich für Nonsense. Ich vertraue darauf, dass Türken [...] mehr...
... denn nach dem Spiel Kroatien gegen die Tuerkei wurde im Vorarlberg (Oesterreich) und der Schweiz - also in beiden Gastgeberlaendern auch scharf geschossen und je eine Person verletzt. Zum Glueck wurden dabei "nur" [...] mehr...
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