Von Ferda Ataman
Die Türken und die Deutschen - das sind zwei Völker mit einem ganz besonderen Verhältnis. Nicht zu vergleichen mit dem deutsch-polnischen oder dem deutsch-österreichischen Verhältnis, nein, die deutsch-türkischen Befindlichkeiten sind brisanter und impulsiver. 47 Jahre nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei haben es die Ex-Anatolier zur Migrantengemeinde Nummer eins in Deutschland gebracht. Deshalb werden überall ihre Befindlichkeiten diskutiert, seit feststeht, dass die Türkei und Deutschland im Halbfinale der Europameisterschaft gegeneinander antreten.
So geschehen auch in der Nacht vor dem hochemotionalen Spiel beim N24-Talk "Links-Rechts". Die Moderatoren Hajo Schumacher und Hans-Hermann Tiedje hatten passend dazu Serdar Somuncu eingeladen, den türkischstämmigen Kabarettisten, der bei Auftritten gerne aus Hitlers "Mein Kampf" und der Sportpalastrede von Joseph Goebbels liest. Und Somuncu schert sich auch bei N24 nicht um Political Correctness: Gut, dass die Holländer raus sind, "das schwuchtelige orangefarbene Leibchen ist doch peinlich".
Auch sonst ist das rasante Streitgespräch ungewöhnlich fürs Talkshow-Business: Eine üppige Blondine schenkt Rotwein nach (was die Anwesenden ablenkt), und Tiedje qualmt eine Kippe nach der anderen.
Somuncus Tipp für das Spiel am Mittwoch erstmal: bloß 3:0 für die Türkei. Der Ex-Türke mit dem deutschen Pass lässt dann noch die Floskel fallen, die man derzeit von vielen fairen Mitbürgern hört: "Es gewinnt in jedem Fall der Bessere." Allerdings will der Kabarettist richtig verstanden werden: Natürlich wolle jeder, dass seine Mannschaft gewinne, "ist doch eklig, dieses gönnerhafte Getue". Also korrigiert er sich: 10:0. Die türkischen Kicker hätten einfach viel mehr Spaß gemacht als die deutschen.
Ob er die türkische Fahne am Auto oder Fahrrad hängen habe? Nö, mit nationalistischem Gehabe könne er wenig anfangen, "Fahnen kotzen mich an". Außerdem hänge die Türkei ja auch nicht die Somuncu-Fahne auf. Aber dass viele Autos mit türkischen und deutschen Fahnen herumfahren, das sei doch ein gutes Zeichen, findet Tiedje. "Wenn Sie meinen", kontert Somuncu trocken.
Ausgehend vom Fußballspiel geht es dann - wie derzeit überall in der Republik - um die deutsch-türkischen Belange in Almanya. Das wird der Sendung allerdings zum Verhängnis. Innerhalb von nur 30 Minuten hechelt die mehr oder minder humorig gestartete Plauderrunde viel zu viele Themen durch: Integration, Jugendgewalt, den Einbürgerungstest, Fremdenfeindlichkeit, den EU-Beitritt - und die Identität der Türkei.
"Wer sind denn nun die Türken, für die die türkische Nationalelf spielt", fragt Tiedje, als könne man diese Frage mit einem Satz beantworten. Somuncu versucht es: "Die Mannschaft repräsentiert eine Türkei in Aufbruchstimmung", sagt er, das Land gehe auf Europa zu. "Es schwankt also zwischen Kopftuch und Arschgeweih", fragt einer der Moderatoren, worauf Somuncu beide Kultursymbole mit einem "Bäh" bedeckt.
Auch die Frage aller Fragen bleibt nicht aus: "Warum ist das mit der Integration der Türken in Deutschland so schwer?" Hajo Schumacher freut sich, dass mit seiner Frage kurz Ruhe in die Diskussion einkehrt. Dennoch eine leichte Übung für den Kabarettisten, der sich selbst das "Goldene Edmund-Stoiber-Siegel für angepasste Kanaken" verliehen hat. Die Antwort führe zurück in die siebziger und achtziger Jahre, sagt Somuncu: "Die Generation meiner Eltern kam integrationswillig her, aber die Deutschen haben es ihnen schwer gemacht."
Warum er dann so gut integriert sei? Somuncu grinst. "Sind Sie sicher, dass Sie wollen, dass alle so werden wie ich?" Er rappe schließlich bei seinen Tourneen gerne mal über den Führer. Aber im Ernst: Integration sei eben eine Frage des Bildungsgrads. Somuncu selbst hat Schauspiel, Regie und Musiker studiert. Und wie zum Beweis seines Bildungsstands zählt er deutsche Mittelgebirge auf, die ja demnächst im Einbürgerungstest abgefragt werden können.
Doch zurück zum Fußball. Tiedje provoziert seinen Gast mit einem historischen Abriss der Türkenkriege: "Unter Süleyman I. begannen die Türken 1526 ihren Angriff auf Zentraleuropa und scheiterten vor Wien, 1683 verloren sie die Schlacht erneut unter Kara Mustafa Pascha - scheitern die Türken dieses Mal vor den Toren von Basel mit Fatih Terim?"
Da lacht Somuncu. "Sie alter Besserwisser!" Wie gesagt: 10:0 für die Türkei, das sei sein Tipp. Und überhaupt - die deutschen Fußballer werben für Haselnusscreme, "das sagt doch schon alles".
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Vielleicht liegt es ja auch daran, dass der Moderator Hajo Schumacher auf Spiegel-Online unter Pseudonym eine Jogging-Kolumne schreibt? Denn sonst wäre die Sendung wirklich so viel Aufmerksamkeit nicht wert. mehr...
Genauso habe ich die Sendung auch wahrgenommen. Und wenn die Herren mal nicht gleichzeitig eine Frage stellten quatschten sie während Somuncu´s Antwort miteinander. mehr...
Diese in der Tat themenüberfrachtete Diskussionsrunde war sehr viel qualitätvoller, als es im Spiegel-Online-Artikel dargestellt wird. Serdar Somuncu hat viel tiefsinnigere Dinge gesagt als "schwuchtelige Leibchen" oder [...] mehr...
Wenn dieser brillante Rhetoriker und der deutschen, türkischen und englischen Sprache äußerst mächtige Serdar Somuncu einen seiner Auftritte zelebriert, bleibt einem schon `mal bei der Zusammenfassung eines solchen die Spucke [...] mehr...
Hi SPIEGEL, man muss nicht zu jedem TV-Furz einen Thread aufmachen. mehr...
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