• Drucken
  • Senden
  • Feedback
25.06.2008
 

Deutschland-Türkei

Der Podolski-Patriotismus

Von Reinhard Mohr

Kein Fußball-Krieg, nirgends: Wenn Fatih Terims Mannen gegen die deutsche Elf spielen, werden sich viele Türken in Deutschland doppelt patriotisch fühlen. Da greift das Podolski-Prinzip: Mit dem einen Land treffen - und mit dem anderen trauern. Oder umgekehrt.

Fußball ist die schönste Nebensache der Welt, sagt der Volksmund. Aber wir wissen auch: Er ist zugleich Ersatzkrieg und Ersatzreligion. Das zeigt sich schon jeden Samstag im Normalbetrieb der Bundesliga. Erst recht gilt das für Welt- oder Europameisterschaften, wo immer wieder archaische, nationalistisch gefärbte Gefühlswelten aufbrechen.

Die Metaphorik ist entsprechend: Von deutschen "Panzern" schreiben türkische Zeitungen vor dem heutigen Halbfinalspiel Deutschland-Türkei, während die andere Seite prophezeit, die Türken würden heute, wie anno 1683 vor den Toren Wiens, dem Austragungsort des EM-Finales, gestoppt werden. Wird es also doch "echten" Krieg geben heute Abend? Unsinn.

Erinnern Sie sich noch an die widerwärtige Propaganda einiger polnischer Boulevardblätter, an das Bild mit den abgeschnittenen Köpfen von Löw und Ballack? Oder an den Versuch der Österreicher, mit der legendären "Schmach von Cordoba" Angst und Schrecken zu verbreiten? In beiden Fällen wurde das chauvinistische Kampfgeschrei zum Bumerang – vor allem auf dem grünen Rasen. Kein Krieg, nirgends. Stattdessen 1:0, 2:0. Und ab unter die Dusche.

So wird es auch heute sein. Nur wer die Nerven behält und den besseren Fußball spielt, wird gewinnen. Wer sich vom national(istisch)en Fieber anstecken lässt, geht als Verlierer vom Platz. Dass ausgerechnet ein Intellektueller die schlimmste Entgleisung produziert hat, ist da fast schon wieder ein Trost. Kein Fußballfan, ob deutsch, türkisch oder deutschtürkisch, käme auf die abwegige Idee, die gut fünf Millionen Türken in der EU als "die neuen Juden Europas" zu bezeichnen – wie es Faruk Sen, der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen getan hat.

Freilich gibt es auch Irrläufer ohne akademische Ausbildung, die, wie in Berlin-Kreuzberg, die Reifen von Autos mit türkischer Flagge zerstochen haben. Dabei ist Kreuzberg, jener Stadtteil Berlins, in dem mehr Türken leben als in vielen Städten hinterm Bosporus, in Wahrheit schon jetzt Gewinner des Halbfinalspiels: Wie auch immer das Spiel ausgehen wird, die Kreuzberger können in jedem Fall singen: "So seh'n Sieger aus, Schalallallüüllüü!" Eine passende deutsch-türkische Hymne kursiert schon im Internet.

Nicht wenige haben vorsorglich gleich doppelt geflaggt, türkisch und deutsch in allen Variationen und Kombinationen. Schon vor zwei Jahren, während der WM 2006, an der die Türkei gar nicht teilnahm, flatterten an vielen Kebab-Läden und Dönerbuden schwarzrotgoldene Fähnchen. Vom Sommer 1990 gar nicht zu reden, als türkische Jugendliche den Finalsieg der deutschen Nationalmannschaft auf dem Kurfürstendamm feierten. Und auch heute schlagen in mancher Brust, ob in Frankfurt oder Köln, Duisburg oder München, gleich zwei Herzen – für Deutschland und für die Türkei. Wie bei Hamit Altintop, gebürtiger Gelsenkirchener, der sogar bekennt, er verdanke "alles" Deutschland. Wer von uns eingeborenen Deutschländern würde das wohl sagen?

"Menetekel für diese Republik"

"Unsere Türken" lautet denn auch die hoffnungsfrohe, fast schon besitzanzeigende Überschrift des Leitartikels der konservativen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" – am Ende aber erscheint "der türkische Fahnenwald" doch wieder nur als "ein Menetekel für diese Republik", als unheilschwangeres Zeichen also.

Warum eigentlich? Gilt das auch für italienische, spanische oder französische Fahnenwälder? Es ist genau diese Sprache der Angstmacherei, die irrationale Reaktionen und Gefühle fördert und politisch in die Irre führt. Denn gerade das schwarzrotgoldene "Sommermärchen" von 2006 hat gezeigt, dass Heiterkeit und Selbstbewusstsein keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen.

Der viel beschworene neue deutsche Patriotismus ist daher das komplette Gegenteil eines ängstlichen, verdruckst-aggressiven Nationalchauvinismus, der sich ständig von fremden Mächten umzingelt fühlt. Die fröhliche Selbstverständlichkeit, mit der landauf, landab die Deutschlandfähnchen flattern, wird genauso von den türkischstämmigen Bürgern in Anspruch genommen, die ihren rot unterlegten Halbmond ans Taxi oder aus dem Fenster hängen.

Mehr noch: Aylin Selcuk, Gründerin des Vereins "Die Deukische Generation", erzählte vor zwei Tagen auf einer Veranstaltung in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Berlin, beim Viertelfinalspiel gegen Portugal habe sie ein schwarzrotgoldenes T-Shirt getragen. Warum wohl? Weil die Neunzehnjährige, die im zweiten Semester Zahnmedizin studiert und perfekt Deutsch spricht, zwar türkische Eltern hat, aber in Deutschland geboren wurde. Wie viele andere ihrer Generation hat sie es satt, immer wieder als Fremde im eigenen Land wahrgenommen zu werden, auch wenn sie zum "Integrationsgipfel" bei der Bundeskanzlerin eingeladen wurde.

Dennoch will sie ihre Herkunft und die ihrer Eltern und Großeltern nicht verleugnen. Ganz einfach: Es handelt sich um das Phänomen eines gleichsam doppelten Patriotismus. Eine Art deutsch-türkischer Podolskismus: Für das eine Land treffen und mit dem anderen Land trauern. Und umgekehrt.

Dass diese zwiespältigen, gespaltenen und ambivalenten Identitäten immer mehr Teil der europäischen, also auch deutschen Gesellschaft sein werden, ist unübersehbar und wird nur von denen bestritten, die gar nicht wissen, wer sie sind und deshalb um sich schlagen.

Wenn die türkische Mannschaft heute wider Erwarten schwächeln oder gar verlieren sollte, dann kann das nur einen Grund haben. Günter Wallraff enthüllt: "Ich war Hakan." Im Übrigen gilt der berühmte Satz des Alten Fritz: "Dann jubelt mal schön. Voll krass!"

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 11 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
26.06.2008 von Born to Boogie: Geht dieser Multikultiwahn schon wieder los ? ? ?

Wie bei Hamit Altintop, gebürtiger Gelsenkirchener, der sogar bekennt, er verdanke "alles" Deutschland. Wer von uns eingeborenen Deutschländern würde das wohl sagen? Ich z.B. Aber,wenn meine Eltern vor zig Jahren [...] mehr...

26.06.2008 von T.Rödel: Na und?

Sie sind eben nicht Bi (national) ;-) mehr...

26.06.2008 von Jos Fritz: Ein Mohr mehr...

...und wieder nix Neues. Der Mann bekommt einfach nicht mit, was läuft. Wie wäre es zum Beispiel mal mit einer Thematisierung der Frage, warum so viele "Türken" heute abend in den deutschen Autokorsos Fahne [...] mehr...

25.06.2008 von Michael KaiRo: Von Krieg zu sprechen ist total Banane !!!!

Das tollste Spiel der EM ist kaum rum und schon quaken die Leute hier rum? Diesmal haben wir Deutschen "den Türken" gemacht ;-) wir haben die türkischen Fußballer erst mal ein Tor schießen lassen. Sie mit ihrem [...] mehr...

25.06.2008 von dilmen:

Toll geschrieben. Nur, den meisten eingeborenen Lesern sind solche Gedankengänge fremd. Sie brauchen in Sachen Migration Nachhilfe. Dazu gehört u.a. die Scheuklappen abzulegen. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP