Von Reinhard Mohr
Ganz ohne Tränen ging es erwartungsgemäß nicht ab, als sich nach dem Halbfinalspiel Deutschland-Türkei Johannes B. Kerner von Jürgen "Kloppo" Klopp und Klopp von Kerner und beide von Urs Meier verabschiedeten. Nach 50 Jahren Gleichberechtigung dürfen ja jetzt auch die Männer öffentlich weinen, und wir werden noch sehen, wie feucht Oliver Kahn als Kloppos Nachfolger in der Rolle des Co-Moderators fürs ZDF agieren wird. Sicher wird er "was zurückgeben" wollen aus all den Jahren als Titan im Tor von Bayern München. Auch emotional und so.
Die Abschiedsszene vom Mittwochabend war symptomatisch für das aktuelle Verhältnis von Fußball und Fernsehen: Es menschelt, was das Zeug hält. Nichts bleibt dem Zufall überlassen.
Alles, fast alles wird vorsorglich – und nachträglich – inszeniert, aufbereitet und mundfertig gemacht. Keine Frage bleibt unbeantwortet, kein Blickwinkel unausgeleuchtet. Für jede Gefühlsregung gibt es eine ambulante Gesprächstherapie live aus dem Studio oder von der Seebühne in Bregenz, für jede Enttäuschung ein buntes Trostpflaster.
Das Fernsehen als Vademekum, Kölnisch Wasser und Klosterfrau Melissengeist in einem. Aufputschmittel und Beruhigungspille zugleich.
Man ist für alle Fälle gerüstet, ob es sich um dramatische Tore in letzter Sekunde handelt, um ein rätselhaft schwaches Auftreten der deutschen Mannschaft oder um ungeplanten Platzregen. Nur bei der Uefa in Wien war man auf ein Gewitter mit darauf folgender weltweiter Bildstörung absolut nicht eingestellt. Es war im Regelwerk des bürokratischen Monsters, das sich lieber um die millimetergenaue Einhaltung der "Coaching Zone" kümmert, einfach nicht vorgesehen.
Die Fernsehberichterstattung von ARD und ZDF ist, bei allen Unterschieden von Personen und Details, letztlich eine Art nationale Truppenbetreuung respektive modern formuliert: ein gigantisches Wellness-Programm.
Die insgesamt jeweils weit mehr als 30 Millionen Zuschauer sollen nicht vorrangig informiert werden, soweit es um schlichte Tatsachen und harte Informationen geht. Viel wichtiger ist das Einhüllen in einen unendlichen Teppich aus Stimmung und Atmosphäre – in die Nebel von Avalon, jene goldschimmernden Gefilde, in denen noch heute die Fußballgötter hausen.
Public is private and private is public
Fast schon bewundernswert ist, wie viele Schleifen den Programmverantwortlichen einfallen, um das 90-minütige Spielgeschehen massenpsychologisch aufzubereiten, einzupacken und als virtuelles Geschenk durch den Flachbildschirm weiterzureichen. Immer folgt auf die Schalte nach Ascona noch ein Expertengespräch, auf die Pressekonferenz noch ein Blick auf den letzten oder womöglich übernächsten Gegner, auf diesen Seitenaspekt noch jene Berühmtheit vergangener Zeiten. Dazwischen all die EURO-2008-Werbetrailer und Sponsorenspots, die durch die Straßen der Republik klingen wie Donnerhall, von Christina Stürmers "Fieber" umweht.
Public is private and private is public – alles vermischt sich in diesen Tagen auf schwer zu entwirrende Weise. Drei Wochen lang bestimmte dieses Hin und Her zwischen Büro und Biergarten, Wohnzimmer und Stammkneipe das Leben von Millionen.
Ein Ausnahmezustand, dem vor allem das Fernsehen eine Art postmoderner Gemeinschaftlichkeit verleiht. Ein kollektives Erleben, das in der fortgeschrittenen Single-Gesellschaft selten geworden ist. Auch hier nimmt das Fernsehen eine Art Ersatzfunktion wahr – denn ohne Glotze kein Public Viewing. Das gemeinsame, trotz aller Flaggenparaden und geschminkten Bäckchen weniger patriotisch oder gar national zu verstehende Zittern, Jubeln und Feiern hat eben auch kathartische Wirkungen.
Im Auf und Ab von Aufregung und Entspannung, Angst und Freude lösen sich alltägliche Verkrampfungen, und für einige Augenblicke des gefühlten Glücks wird hinter all dem Gebrüll, Gezappel und Getröte die ewige Sehnsucht spürbar: "Alle Menschen werden Brüder!"
Was wohl Friedrich Schiller in Waldis EM-Club dazu sagen würde?
The Winner is – Günter!
Apropos: Natürlich gibt es ihn immer noch, den Kampf der Systeme. Er verläuft quer durch Wohnzimmer, Straßen und Plätze:
Wahrscheinlich haben auch hier die Uefa-Beobachter akribisch ihre Strichlisten geführt. Der subjektive Eindruck sagt: The Winner is – Günter!
Vergessen wir die Frisur, vergessen wir manche Behäbigkeit und Umständlichkeit oder falsche Prognose – das Fachgespräch des Duos Delling/Netzer ist im Vergleich zum restlichen EURO-Bohei eine kleine Oase von Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit, ein ruhender Pol im ratternden Schaltgetriebe, das Auge des Orkans.
Patriotische Überschwänglichkeit ist den beiden so fremd wie Schönrednerei, und irgendwie kriegen sie immer wieder die Kurve, wenn Missmut oder männerbündische Neckerei überhandzunehmen drohen.
Der gerade aufgelöste Pas-de-deux von Kerner und Klopp (mit dem Schweizer Sancho Pansa, Ex-Schiedsrichter Urs Meier) wirkt dagegen wie eine Seifenoper, die weder Punkt noch Komma kennt. Trotz aller Bemühungen des Ex-Mainzer und Neu-Dortmunder Fußballtrainers Klopp, mit dem virtuellen Stift am Computerbildschirm wenigstens nachträglich Ordnung ins deutsche Spiel zu bringen, wirkte das Ganze eher als Schmiermittel, weniger als Analyse des Geschehens. Allzu alert und daueraufgeräumt, eitel und wortverliebt präsentierte man sich im ZDF.
Die vermeintlich komödiantische Krönung in Gestalt des ständig wechselnden Witzfigurenkabinetts bei Ingolf Lücks "Nachgetreten" konnte da auch nichts mehr retten. Die Show war so schal wie das letzte abgestandene Bier nach dem Abpfiff.
Dann doch lieber Waldis Wiener Herrenclub, der sich ganz offen als Amateurfernsehen in der Kategorie Senioren-Trash präsentiert. Da freut man sich sogar, Fritz und Elmar Wepper wieder einmal zusammen fachsimpeln zu sehen. Echte Handarbeit eben.
Béla Réthy aber ist der Titel "Radioreporter der EURO 2008" nicht mehr zu nehmen.
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...die Abseitsregel, die Sie natürlich sofort parat hatten und im Fernsehen ohne Rückfrage auch allen Zuschauern so vermitteln gekonnt hätten... Jetzt aber mal die Kirche im Dorf lassen, der Herr Netzer und der Herr Klopp sind [...] mehr...
yo. und bei der wm 2010 in südafrika werden wir weltmeister. weil klopper weiß, wer wo im bus sitzen muß, welches shampoo beim duschen... und... is kla, finger weg von der nutella *lol* mehr...
Wie schon gesagt: Beide, ARD und ZDF liegen gemeinsam vorn. Beide bekommen von mir die Bestnote, also kann keiner zurückliegen. Weit zurück liegt bei mir nur das DSF mit "Experten" wie Loddar Matthäus. Bei ARD und ZDF [...] mehr...
Kerner, Klopp und Meier machen die bessere vorbesprechung, in Sachen Komentatoren hat die ARD dank Bela Rethi die Nase weit vorn... mehr...
Leider werde ich hier immer wieder zensiert. Das ist sehr nervend und sehr anstregend. Ich sehe und höre bei ARD und ZDF hochprofessionelle Expertenteams. Netzer und Delling bei der ARD bekommen dabei von mir ebenso die [...] mehr...
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