Von Ferda Ataman
Diesen Sonntag war es also der demokratiemüde Deutsche, der Anne Will zu ihrer wöchentlichen Sprechstunde "Politiker analysieren, was das Volk bewegt" inspirierte. Wie fast jedes Mal waren die, um die es geht, nicht da: Nicht mal auf dem Betroffenensofa nahm ein deutscher Meckermeister Platz. Zur Einstimmung auf das Thema wurde lediglich ein Film abgespielt, in dem Prototypen-Deutsche in das ARD-Mikrofon plakative Sätze raunzten, wie zum Beispiel: "Das System ist für'n Arsch".
Mit Hilfe solcher Verdruss-O-Töne sollten die Ergebnisse einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung illustriert werden, wonach jeder dritte Deutsche findet, die Demokratie funktioniere "weniger gut". Außerdem, so die Untersuchung, sei die kritische Haltung zum System vor allem in Ostdeutschland spürbar: Mehr als die Hälfte der ehemaligen DDR-Bürger hege eine große Distanz zur Demokratie.
Anne Wills Konzept für die Sendung - sofern sie eins hatte – war anfangs also leicht durchschaubar: Sie wollte Jörg Schönbohm (CDU) dazu bringen, dass er die Aussage macht, die Demokratieskepsis der Ostdeutschen sei mit ihrer Sozialisation im totalitären DDR-Regime zu erklären.
Doch den Gefallen tat ihr der Brandenburger Innenminister nicht. Die Erinnerung an dessen letzte Ossi-Kritik war offenbar zu frisch: 2005 kostete Schönbohm seine Partei eine Menge Wählerstimmen in den neuen Bundesländern, weil er den Ostdeutschen Spätfolgen einer "erzwungenen Proletarisierung" konstatiert hatte. Weich gespült formulierte er daher diesmal: "Wir haben noch nicht genug Bürger im Osten davon überzeugt, dass es sich lohnt, mitzumachen." Moderatorin Will fand das offenbar wenig spannend und wendete sich ab.
Vier Politiker saßen da zusammen mit der Autorin Monika Maron in der Runde, auf dem Sofa wurde eine Lehrerin aus dem ostdeutschen Haldensleben plaziert. Ohne ersichtlichen Grund bezeichnete Anne Will ihren Talk erst einmal als "selbstverständlich gut gelaunte Sendung". Ein gut gelauntes Gespräch über schlecht gelaunte Bürger, warum nicht?
Doch nach Schönbohms Weigerung, etwas Skandalöses über ostdeutsche Demokratieunfähigkeit zu sagen, wurde es nur einmal noch richtig spannend: Dagmar Enkelmann, ehemaliges SED-Mitglied, heute Abgeordnete der Linkspartei, wurde gefragt, wie sie denn bei der Demokratie-Umfrage geantwortet hätte. "Auch ich finde, diese Demokratie löst die Probleme der Menschen nicht", sagte die parlamentarische Geschäftsführerin der Linken Bundestagsfraktion. Aha.
Ein interessanter Befund für eine Sendung über Bürger, die es leid sind, den Souverän zu geben: Eine Bundespolitikerin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zweifelt die deutsche Demokratie an! Doch Anne Will hakte nur kurz bei Enkelmann nach und drehte sich nach einer seichten Antwort zur Schriftstellerin Monika Maron um: "Wie finden Sie die Umfrageergebnisse?"
Die Autorin sagte einen klugen Satz: "Demokratie muss eingeübt werden." Man könne nicht erwarten, dass man den Leuten einmal erkläre, wie es geht und dann klappe das. "Übrigens im Westen auch nicht." Das sollte leider alles sein, was Maron in der Runde an Verständlichem sagte. Ohne dass Will sie nur einmal unterbrochen hätte, gab die Schriftstellerin im folgenden eher Kryptisches von sich.
Maron wurde offenbar gecastet, weil sie keine Politikerin, aber Ostdeutsche ist. Denn das deutsche Demokratieproblem wurde fälschlicherweise als Phänomen der neuen Bundesländer gehandelt. Zumindest in jenen ersten Minuten, in denen überhaupt über "Demokratie, nein danke" gesprochen wurde.
Demokratieschädliche Linkspartei
Denn es dominierte sehr schnell ein anderes Thema. Die Anwesenheit von Hannelore Kraft, Chefin der nordrhein-westfälischen SPD, und der Ex-SED-Frau Enkelmann führte zur Gretchenfrage des Fünfparteien-Systems: SPD und Linkspartei, kommen sie zusammen? Oder nicht?
"Nein, wir werden auf der Bundesebene nicht mit der Linkspartei koalieren", sagte Kraft ihr wenig überraschendes Sprüchlein auf. Immerhin könnte man der SPD-Frau den Ehrenwimpel als feinsinnigste Diskutantin des Abends verleihen, denn sie verknüpfte ihre Profilierungsversuche wenigstens mit dem Thema: An die Adresse der Linkspartei gerichtet, sagte sie etwa, sie sei demokratieschädlich und fange die Ängste der Menschen auf, indem sie ihnen verspricht, was sie hören wollen.
Ach, und dann war da ja noch einer - der junge Philipp Rösler, Chef der niedersächsischen FDP. Warum der 35-Jährige eingeladen wurde, blieb bis zum Ende unklar. Hannelore Kraft lächelte dem smarten Jungpolitiker stets aufmunternd zu, wenn der seine Phrasen einschob, man war fast versucht, da geweckte Mutterinstinkte zu vermuten. Bei Anne Will weckte Rösler hingegen nichts - sie kümmerte sich schlicht nicht um ihn.
Ein Gutes hatte die Zusammensetzung dennoch: Es ging bei Anne Will endlich mal wieder richtig zur Sache. Der ehemalige Artillerie-General Schönbohm ließ sich auf einen verbalen Zwei-Fronten-Krieg gegen Enkelmann und Kraft ein. Die SPD mit der Beckschen Laviererei sei ebenso Schuld an der Demokratieverdrossenheit der Bürger wie die Linkspartei, da sie populistischen Nonsens verspreche.
Fast alles, was darauf folgte, war nicht mehr zu verstehen. Außer dem eher zivilisierten Rösler redeten alle durcheinander. Moderatorin Will, die sich die Kontrolle nicht nehmen lassen wollte, rief schließlich immer wieder in eine zunehmend verwirrt umherschwenkende Kamera.
Wenn man bedenkt, dass die Hauptkritik an dem Will-Talk - neben der oft eher langweiligen Gästeauswahl - vor allem die einschläfernd gesittete Gesprächskultur betrifft, könnte man dieses Chaos mit einem gewissen Sarkasmus sogar als Erfolg verbuchen. Andererseits: Man will ja auch was verstehen. Und bei Will hat man nichts verstanden - oder begriffen.
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Sie haben gewählt, und zwar diejenigen, die sie am meisten verabscheut haben, wer immer es gewesen ist, ganz einfach, weil ihre Gegenstimme gefehlt hat, Ihren Lieblings- und Hassgegner zu neutralisieren. Und das gilt für die [...] mehr...
so könnte man den Verlauf der Sendung beschreiben. Mit dem politisch ungebildeten Jugendlichen waren die Schuldigen für die Politikverdrossenheit schnell ausgemacht. Über die Mehrzahl, nämlich die politikerfahrenen Wähler, wurde [...] mehr...
Mit den "Erben von Sudel-Ede" ist das ungefähr so, wie wenn Herr Broder von der gegenwärtigen deutschen Justiz als den "Erben von Freisler" spricht... Haben Sie das ND eigentlich nach 1990 irgendwann mal [...] mehr...
Diesen Eindruck hatte ich auch. Und: Anne Will sollte Stimmbildungs- und Sprechübungen machen. Ihre Stimme war blechern wie die einer Amateurin in einer Dokusoap. Ihre Mimik war auch nichzt besser. z.B. Vertrauliche Grimassen zu [...] mehr...
Diesen Eindruck hatte ich auch. Und: Anne Will sollte Stimmbildungs- und Sprechübungen machen. Ihre Stimme war blechern wie die einer Amateurin in einer Dokusoap. Ihre Mimik war auch nichzt besser. z.B. Vertrauliche Grimassen zu [...] mehr...
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