Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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18.07.2008
 

Sozialer Städtebau

Wie Reiche die Armen aus den Städten verdrängen

Du kommst hier nicht rein! Deutschlands Metropolen droht die soziale Spaltung in schöne Viertel nur für Reiche - und Vorstädte für Arme. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Stadtforscher Hartmut Häußermann, wie dieser Riss zu kitten ist - und warum Busse dafür wichtiger sind als Beton.

SPIEGEL ONLINE: Wer Geld hat, darf bleiben - und wer keins hat, muss aufs Land. Sie vertreten die These, dass bald nur noch Reiche die Innenstädte bevölkern und Einkommensschwache ins Umland verdrängen. Magern Deutschlands Speckgürtel wirklich ab?

Häußermann: Ja, abgesehen vom Sonderfall Berlin, wo Ärmere an den City-Rand gedrängt werden, passiert genau das in Städten wie München, Köln oder Hamburg.

SPIEGEL ONLINE: Woher rührt diese Entwicklung?

Häußermann: Kaum jemand kann sich einen Chauffeur oder ein Kindermädchen leisten.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Häußermann: Das meine ich nur halb im Scherz. Früher zogen junge Paare ins Umland und bauten ein Eigenheim. Das tun sie nicht mehr. Warum nicht? Weil dieses Eigenheimmodell ein Hausfrauenmodell war. Heute haben in jüngeren Haushalten oft beide studiert, der Akademikeranteil bei Frauen ist rasant gestiegen - und die wollen ihre Qualifikationen auch einsetzen. Also fahren zwei Leute ins Büro. Kommen Kinder dazu, wird die Logistik komplizierter: Die Kleinen müssen zur Schule, dann zur Nachhilfe oder zum Ballett. Wenn kein Personal da ist, das das organisiert, ist die Innenstadt der Wohnort der Wahl - deshalb entstehen überall diese familienfreundlichen Townhouses.

SPIEGEL ONLINE: Die Einkommensschwachen sammeln sich also künftig in den Vorstädten. Und wo liegt das Problem?

ZUR PERSON

Humboldt- Universität
Der Soziologe Hartmut Häußermann, 65, gehört zu den profiliertesten deutschen Stadtforschern und konnte sich auch international einen Namen machen. Nach Stationen in Kassel und Bremen lehrt und forscht er seit 1993 als Professor für Regional- und Stadtsoziologie an der Berliner Humboldt- Universität. Er lebt im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg.
Häußermann: Bisher noch in innerstädtischen Altbaugebieten, aber zukünftig in den Randgebieten formiert sich eine Unterklasse, die weder Geld noch Kontakte in andere Stadtteile hat und sich zudem zu einem Gutteil aus ethnischen Minderheiten rekrutiert. Das ist besonders für Kinder und Jugendliche hart, weil die oft keinen mehr kennen, der überhaupt arbeiten geht. Um sie herum beziehen alle Hilfeleistungen, den Freunden in der Schule geht es ähnlich. Wer oder was soll die noch für Schule oder Lehrstellensuche motivieren?

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Endstation Vorstadt.

Häußermann: Plakativ gesprochen, ja. Die räumliche Konzentration von sozialen Problemen schafft neue Probleme. Wenn in einer Straße nur ein Alkoholiker lebt, ist das okay. Wenn Sie aber 20 haben, die auf der Parkbank rumsitzen oder auf dem Spielplatz rumlungern, sorgt das für Ärger.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie dagegen tun?

Häußermann: Erstens: Die Bildungssitutation in den ausgegrenzten Quartieren muss sich verbessern. Zweitens: Wer dort wegziehen will, muss die Möglichkeit dazu haben.

SPIEGEL ONLINE: Solche Menschen mit Wohnraum zu versorgen, ist die klassische Aufgabe des sozialen Wohnungsbaus. Der ist in Deutschland aber politisch tot.

Häußermann: Leider. Dabei war er das einzige Instrument, das Leuten Zugang zu Quartieren schaffen konnte, die ihnen verwehrt bleiben - sei es, weil sie kein Geld haben oder als Mitglied einer Minderheit diskriminiert werden. Der stets propagierte freie Markt korrigiert soziale Unterschiede nicht. Vermieter wollen homogene Quartiere. Die werben ja sogar damit, dass eine bestimmte Klientel nicht bei ihnen wohnt. Für Makler und Property Developer sind sogenannte segregierte, also sozial entmischte Viertel gutes Geld wert.

SPIEGEL ONLINE: Der soziale Wohnungsbau hat einen miesen Ruf. Ist er angesichts ghettoartiger Stadtteile wie Köln-Chorweiler oder Hamburg-Steilshoop nicht zu Recht beerdigt worden?

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