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Sozialer Städtebau Wie Reiche die Armen aus den Städten verdrängen

2. Teil: "Architekten sind nur Knechte"

Häußermann: Die Blocksiedlungen dort waren ein Irrweg. Viele Städte haben diese Klötze geballt an einen Ort gestellt und mit Menschen aufgefüllt, die große soziale Probleme haben; etwa wenn neue Zuwanderungswellen kamen - Flüchtlinge, Aussiedler. Geplant war das nicht, dort sollten ja breite Bevölkerungsschichten wohnen. Wegen mangelnder architektonischer Qualität, schlechter Verwaltung, und weil dort kein Raum für urbanes Leben war, hat sich das aber in der Regel entmischt.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich wurden die Siedlungen der Berliner Moderne, Klassiker des sozialen Wohnungsbaus, zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Hat man in den zwanziger Jahren mehr davon verstanden?

Häußermann: Ich denke nicht. Die Siedlungen sind zwar sehr unterschiedlich - zum Teil Siedlerhäuschen, zum Teil klassische Blockbebauung wie etwa die Siemensstadt. Letztlich sind das jedoch auch reine Wohn- und Schlaforte, die allein wegen ihrer ästhetischen Qualitäten gewürdigt worden sind.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte der soziale Wohnungsbau denn heute tun?

Häußermann: Städtische Baulücken auffüllen. Wo es die Chance gibt, sollte kleinteilig gebaut werden - und zwar von möglichst vielen unterschiedlichen Trägern mit Gemeinwohlorientierung, um einen guten Bewohnermix hinzubekommen.

SPIEGEL ONLINE: Mehr nicht? Baulücken zu füllen, ist ein eher unambitioniertes Konzept.

Häußermann: Man muss ja nicht nur bauen. Die Städte sollten vereinzelte Belegungsrechte von Privatvermietern kaufen, etwa in "besseren" Vierteln, in die sie dann benachteiligte Haushalte einquartieren könnten. Das würde für eine bessere soziale Mischung sorgen. Man kann sich diese Strategie ein bisschen wie Akupunktur vorstellen. Man verteilt kleine Nadelstiche, um das Ganze zu heilen.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Bauhaus-Stiftung kümmert sich jetzt um die soziale Frage, ihr letzter Architektur-Wettbewerb lief unter dem Motto "Die Wohnung für das Existenzminimum". Was halten Sie davon?

Häußermann: Der soziale Wohnungsbau verfolgt eine simple Idee: Arme Leute sollen gut wohnen. Das Bauhaus-Motto sagt dagegen: Wir passen die Häuser der Armut an. Das ist, freundlich formuliert, ein fragwürdiger Gedanke.

SPIEGEL ONLINE: Haben Architekten überhaupt einen sozialen Auftrag?

Häußermann: Architekten sind nur Knechte ihrer Auftraggeber, sie tun, was ihnen gesagt wird. Sie können aber gute Architektur bauen - oder schlechte. Und sie können ihren Bauherren etwas einreden, etwa: Wir brauchen ein höheres Ausstattungsniveau oder bessere Baumaterialien.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Berliner Unseco-Siedlungen sind von sozial engagierten Architekten entworfen worden.

Häußermann: Die haben Sozialismus gesagt, aber das gemeint, was die Soziologie heute als Fordismus bezeichnet; dem liegt der Glauben zugrunde, dass durch die technische Rationalisierung der Produktion der Konsum derart steigt, dass die großen sozialen Unterschiede verschwinden. Lenin hat daran geglaubt, Hitler auch. Der hat Henry Ford, dem Erfinder der Massenproduktion, sogar eine Medaille verliehen. Zum Teil erwies sich dieser Glaube ja als richtig. Das Proletariat, eine kulturell fremde und ökonomisch ausgegrenzte Gruppe, wurde im 20. Jahrhundert wortwörtlich eingebürgert. Der deutsche Soziologe Helmut Schelsky sah uns in den Fünfzigern auf dem Weg in die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft". Heute aber erodiert die Mitte, und die Pole verstärken sich.

SPIEGEL ONLINE: Was auch die Städte polarisiert?

Häußermann: Klar. Tatsächlich dürften sie sozial gemischtere Quartiere heute nur hinkriegen, wenn sie auch Wohnungen für höhere Einkommen staatlich fördern. Viele schreien dann: Fehlsubventionen! Aber die soziale Mischung ist ein Wert an sich. Man soll also ruhig Mittelschichtshaushalte mit subventioniertem Wohnraum in Quartiere locken, die an überdurchschnittlich vielen sozialen Problemen kranken.

SPIEGEL ONLINE: Und das Geld dafür fällt vom Himmel.

Häußermann: Geld ist genug da. Aber eigentlich rate ich gar nicht zu großen Programmen dieser Art. Entscheidend ist, ob benachteiligte Kinder die Chance haben, auf gemischte Schulen zu gehen, Ganztagsschulen zumal, die Schutz bieten und in denen sie mit Kindern aus anderen Schichten lernen und ihre Freizeit verbringen. Dabei ist egal, wo das Schulhaus steht. Man muss sie vielleicht in Bussen herumfahren. Kinder, die auf Privatinstitute gehen, genießen dieses Privileg ja auch.

SPIEGEL ONLINE: Sie reden wie ein Bildungspolitiker im Klassenkampf, nicht wie ein Stadtforscher.

Häußermann: Bildungspolitiker verlangen mehr Lehrer. Das ist okay, reicht aber nicht. Um mit einer amerikanischen Kollegin zu sprechen: Die Kinder sollen nicht nur wie die Mittelschicht lernen, sondern mit der Mittelschicht lernen. Peer groups, also gleichaltrige Freunde, sind entscheidende Lerninstanzen - wenn die nicht sozial durchmischt sind, verbaut das Lebenschancen.

SPIEGEL ONLINE: Sie verzichten auf Beton und setzen auf Busse. Ist das nicht eine Bankrotterklärung für Stadtplaner?

Häußermann: Busse statt Beton zu fordern, ist keine Bankrotterklärung, sondern speist sich aus der Erkenntnis begrenzter Möglichkeiten. Wer gemeinsam in einem Viertel wohnt, hat deswegen nicht unbedingt miteinander etwas zu tun - räumliche Nähe schafft noch keine soziale Nähe. Man trifft sich in der Kneipe nur, wenn man das will. In der Schule ist man dagegen gezwungen, zusammen zu sein, das ist ein Zwangskontakt.

SPIEGEL ONLINE: Für jemanden, der sich mit Stadtplanung beschäftigt, klingt das dennoch bescheiden.

Häußermann: Zum Glück. Früher haben die Planer ihre Sozialsiedlungen wolkig als Vorboten einer neuen Gesellschaft beworben. Pustekuchen! Ein deutscher Soziologe hat in der Regel mit dem türkischen Hartz-IV-Empfänger nichts zu tun, wenn er nicht gerade Sozialarbeiter ist.

Das Interview führte Thorsten Dörting.

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insgesamt 92 Beiträge
gutmensch666 18.07.2008
Ausnahmslos alle Gated Communities (Beispiel Polen) sind im Laufe der Menschheitsgeschichte blutig aufgelöst. Es wird wohl nicht die falschen getroffen haben.
Ausnahmslos alle Gated Communities (Beispiel Polen) sind im Laufe der Menschheitsgeschichte blutig aufgelöst. Es wird wohl nicht die falschen getroffen haben.
gaga007 18.07.2008
Es war schon immer so, dass sich die sozialen Schichten " ihre Viertel " suchten ... Niemand ist bereit, sich mit sozialen Randgruppen und deren Problemen auseinanderzusetzen. Es gibt nun einmal Bevölkerungsschichten, [...]
Es war schon immer so, dass sich die sozialen Schichten " ihre Viertel " suchten ... Niemand ist bereit, sich mit sozialen Randgruppen und deren Problemen auseinanderzusetzen. Es gibt nun einmal Bevölkerungsschichten, denen sind Eigentumsrechte und gesellschaftliche Umgangsformen fremd. Gerade die Bevölkerungsanteile, die durch eigene Leistung einen gewissen Wohlstand aufgebaut und Werte geschaffen haben, möchten ihre Freizeit nicht damit verbringen, dass sie diese Dinge verteidigen müssen. Es ist durchaus wünschenswert, dass sich die gesellschaftlichen Gruppen abgrenzen ! Es gibt sehr positive Beispiele von abgesicherten Wohnvierteln in den USA ...
Muffin Man 18.07.2008
Das Gespräch selbst ist nichtig; Häußermann plaudert Erkenntnisse aus, die Pierre Bourdieu schon Anfang der 1980er empiristisch zu belegen versuchte, und die man - wenngleich noch nicht als gesamtgesellschaftliche [...]
Zitat von Theodor W.Adorno"Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt."
Das Gespräch selbst ist nichtig; Häußermann plaudert Erkenntnisse aus, die Pierre Bourdieu schon Anfang der 1980er empiristisch zu belegen versuchte, und die man - wenngleich noch nicht als gesamtgesellschaftliche Bewegungsrichtung - bereits bei Hans Sedlmayr ("Verlust der Mitte") diagnostiziert sah. Es ist die "innere Zerrissenheit" des Menschen, die sich in seinem Wohnumfeld als soziale Spaltung in größerem Maßstabe wiederholt, mag jene auch weniger einer psychologischen Ursache folgen, als vielmehr lediglich ökonomischen. Unsere Städte sind von Fluktuation geprägt; das Wohnumfeld generiert keine Bindungen, ebensowenig wie die Lohnabhängigkeit noch ein lebenslanges Arbeitsverhältnis bedingt. Der Mensch, der sich in einer Stadt niederläßt, tut dies nicht, um am Wohnort heimisch zu sein oder zu werden, sondern um der Konvention, einen eigenen Haushalt zu führen, zu folgen. Er läßt sich nicht nieder, er bleibt, bis ihn neue Pflichten fortrufen. Deswegen ist auch Häußermanns Idee einer "Akupunktur" gewachsener oder intakter Sozialstrukturen mit Leuten, [deren Zugang zu bestimmten Quartieren] verwehrt [war] - sei es weil sie kein Geld haben oder als Mitglied einer Minderheit diskriminiert werden. nur kontraproduktiv: Eine solche Praxis würde die Tendenz zu gates Areas für Besserverdienende nur verstärken - und entsprechende Migrationsbewegungen nach sich ziehen. Am ehrlichsten ist noch sein Schlußsatz: Daß seine LEHRE keine soziale Utopie mehr zu transportieren sucht.
newliberal 18.07.2008
Oha, da wird jemand aber sehr, sehr mutig. Wer Busse fordert um dem amerikanischen bussing der 70er in Deutschland zu einem revival zu verhelfen, lebt politisch sehr gefährlich. Natürlich wäre bussing die ideale Möglichkeit der [...]
Oha, da wird jemand aber sehr, sehr mutig. Wer Busse fordert um dem amerikanischen bussing der 70er in Deutschland zu einem revival zu verhelfen, lebt politisch sehr gefährlich. Natürlich wäre bussing die ideale Möglichkeit der "sozialen" Durchmischung. Hier sollte man Kinder aus besonders "sozial segregierten " Vierteln in Schulen in bürgerliche Viertel transportieren und vice-versa. Zu Beginn sollte man hier besonders auf gutbürgerliche Viertel mit hohem Anteil an grüner Wählerschaft zielen, da hier natürlich hohe Sensibilität und Solidarität angesichts der sozialen Problematik vermutet werden darf. Gleichzeitig sollten an Walldorf- und Montessorischulen 30% aller Plätze kostenlos für sozial benachteiligte Kinder freigehalten werden. Die Kosten sollten auf die übrigen zahlenden Eltern umgelegt werden- als Sozialsolidarbeitrag. So könnten Jannik, Philipp, Louise und Laura bereits in Kindertagen zur sozialen Integration von Murat, Kevin, Aische und Cheyenne beitragen. Die sozial eingestellten Eltern, viele von Ihnen ohnehin im sozialen Bereich tätig, werden dies sicherlich begrüssen !
Atlantic Bridge 18.07.2008
Es ist richtig, daß es Bevölkerungsschichten gibt, denen Eigentumsrechte und gesellschaftliche Umgangsformen völlig fremd sind und mit denen anders geartete Menschen aus guten Gründen eben gar nichts zu tun haben wollen. [...]
Zitat von gaga007Es war schon immer so, dass sich die sozialen Schichten " ihre Viertel " suchten ... Niemand ist bereit, sich mit sozialen Randgruppen und deren Problemen auseinanderzusetzen. Es gibt nun einmal Bevölkerungsschichten, denen sind Eigentumsrechte und gesellschaftliche Umgangsformen fremd. Gerade die Bevölkerungsanteile, die durch eigene Leistung einen gewissen Wohlstand aufgebaut und Werte geschaffen haben, möchten ihre Freizeit nicht damit verbringen, dass sie diese Dinge verteidigen müssen. Es ist durchaus wünschenswert, dass sich die gesellschaftlichen Gruppen abgrenzen ! Es gibt sehr positive Beispiele von abgesicherten Wohnvierteln in den USA ...
Es ist richtig, daß es Bevölkerungsschichten gibt, denen Eigentumsrechte und gesellschaftliche Umgangsformen völlig fremd sind und mit denen anders geartete Menschen aus guten Gründen eben gar nichts zu tun haben wollen. Trotzdem können wir es uns bei dem anhaltenden Gebärstreik der Frauen nicht leisten, daß begabte Kinder aus Unterschichtfamilien von vornherein durch das Raster fallen, weil sie aufgrund dummer gesellschaftlicher Barrieren nur mit anderen Underdogs in Berührung kommen. Elend kann sich potenzieren. Wir brauchen daher wieder mehr Durchlässigkeit der Schulsysteme und eventuell auch gezielt Hilfe für diejenigen, die der leistungslosen Konsumwelt des Hartz 4 entkommen wollen. Insbesondere für Kinder, die ja nicht selbstverschuldet in diese Lage gekommen sind, sollte dies möglich sein. Abgrenzung ist schon okay, aber man kann und sollte sie durchaus mit der Hilfe zu erkennbarer Selbsthilfe und der Perspektive auf Aufstieg koppeln, sofern es sich um gut- und leistungswillige Leute handelt.
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