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11.07.2008
 

Atomdebatte bei Illner

Geladen in der Hochspannungs-Show

Von Henryk M. Broder

Atomstrom-Befürworter und -Gegner diskutieren bei Maybrit Illner unter Hochspannung, wie die Stromkrise zu überwinden ist - und bleiben erstaunlich saft- und kraftlos. Nicht mal die einfachsten Fragen werden geklärt: Was kostet's, wohin soll der Müll, und was, wenn ein Flugzeug aufs Kraftwerk stürzt?

Würde man einen Pastor und einen Priester, einen Rabbi und einen Mullah, einen buddhistischen Mönch und einen Freidenker in ein Fernsehstudio setzen und sie über das Leben nach dem Tode diskutieren lassen, wüssten die Zuschauer am Ende der Vorstellung, was der Protestant und der Katholik, der Jude und der Moslem, der Buddhist und der Atheist über das Leben nach dem Tode denken.

Aber nicht, ob es ein Leben nach dem Tode gibt.

Trittin, Eppler bei "Maybrit Illner": "Ausstieg niet- und nagelfest machen"
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ZDF

Trittin, Eppler bei "Maybrit Illner": "Ausstieg niet- und nagelfest machen"

So war es auch gestern bei Maybrit Illner. Eingeladen waren fünf Experten, um über die Renaissance der Kernkraft zu diskutieren, die inzwischen nicht mehr so bedingungslos verdammt wird wie noch vor fünf Jahren, als der Liter Super gerade einen Euro kostete.

Seitdem ist der Preis um über 50 Prozent gestiegen; auch die Gebühren für Gas und Strom haben die Schmerzgrenze überschritten, rund 800.000 Haushalte in der Bundesrepublik können sich die Energieversorgung nicht mehr leisten und wurden vom Netz abgeschnitten.

"Atomkraftgegner überwintern/mit Kerzen/und mit kalten Hintern" – witzelten früher die Freunde der Kernkraft, als jede zweite Wohnküche von ihren Bewohnern voller Stolz zu einer "atomwaffenfreien Zone" erklärt wurde. Mittlerweile aber gilt ein kalter Hintern nicht als Beleg für das richtige Öko-Bewusstsein sondern als Indiz für eine verfehlte Energiepolitik.

Hatte sich die rot-grüne Regierung auf einen "Einstieg in den Ausstieg" aus der Kernkraft verständigt, so wird heute über einen "Ausstieg aus dem Einstieg in den Ausstieg" geredet. Kernkraft ist zwar "billig", aber auch "gefährlich" - und zwischen eben diesen Positionen gilt es, die richtige Balance zu finden.

Als Warmduscher, der auf den Eisschrank, die Waschmaschine, den Toaster, den Fön, den Wasserkocher, die Mikrowelle, den Elektroherd und den Ventilator nicht verzichten will, möchte man gerne wissen, wie man die Welt vor dem Klimakollaps retten und den CO2-Ausstoß reduzieren könnte, ohne auf alle diese wunderbaren Erfindungen verzichten zu müssen. Reicht es, auf "sauberen Strom" umzusteigen? Oder sollte man, statt übers Wochenende auf die Malediven zu düsen, lieber in die Sächsische Schweiz fahren, natürlich nur mit einem Toyota Prius?

Statements wie aus der Augsburger Puppenkiste

Aber statt Antworten auf solche existenziellen Fragen gab es auch bei Illner nur die üblichen Statements, die so absehbar waren wie die Rollenverteilung bei der Augsburger Puppenkiste. Walter Hohlefelder vom Deutschen Atomforum nannte die Atomwirtschaft einen "Beitrag zum Klima- und Umweltschutz". Der Grüne Jürgen Trittin, Umweltminister unter Schröder, gab bekannt, der Anteil der Atomenergie gehe seit Jahren zurück, während immer mehr Strom aus erneuerbarer Energie gewonnen werde, inzwischen 15 Prozent, weit mehr als vorgesehen.

Erhard Eppler, seit über 50 Jahren "SPD-Vordenker", wollte den "Ausstieg niet- und nagelfest machen und das als Signal an die Welt geben", denn bei der Vorstellung, das Plutonium könnte "in die falschen Hände gelangen", werde es ihm "Angst und Bange". Damit meine er nicht den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, sondern "atomaren Terrorismus".

Um solchen Gefahren vorzubeugen, wollte Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) "Schurkenstaaten" vom Technologietransfer ausschließen und nur mit entwickelten Industriestaaten kooperieren. Eine richtige Überlegung, die nur daran krankt, dass Pakistan die Bombe schon lange hat und Iran sie möglicherweise bald haben wird. Und dann war da noch eine resolute Hausfrau aus dem Schwarzwald, die zusammen mit ihrem Mann ein privates Kraftwerk betreibt, Ökostrom verkauft "und alle glücklich macht" (Illner).

Sie rechnete nach, dass Atomstrom teurer ist als Öko-Strom, wenn man alle Neben- und Folgekosten mitrechnet, worauf Minister Glos sich mit einer Gegenrechnung bedankte: Es gebe "Wohlstandsbürger", die sich den teuren Ökostrom leisten könnten, man müsse aber auch an den "Industriearbeiter" denken, der Angst um seinen Arbeitsplatz habe, wenn die Energiekosten weiter steigen. Er, der Minister, habe jedenfalls "alles getan", um die Strompreise stabilzuhalten und Wettbewerb zu garantieren. "Unsinn!", konterte da Trittin, "Sie vertreten die Interessen von vier Konzernen!"

Da fiel es dem offiziellen Vertreter der Atomwirtschaft leicht, Kernkraft mit menschlichem Antlitz zu demonstrieren. Er versicherte: "Ich liebe nicht die Kernenergie, ich liebe meine Frau!" und: "Klimaschutz geht uns alle an!" Aber dann überlegte er es sich anders. Das Thema sei "viel zu ernst", um es im Wahlkampf zu verheizen.

Kamerad Ohnemichel will sauber bleiben

Es gibt derzeit 17 AKWs in der Bundesrepublik, die rund 22 Prozent der Energie liefern. Sogar dann, wenn alle abgeschaltet würden, käme immer noch Atomstrom aus der Steckdose, nämlich der, den die Versorger im Ausland dazukaufen, um die Nachfrage zu befriedigen. Die Situation ist ähnlich absurd wie bei der Stammzellenforschung: Kamerad Ohnemichel will unbedingt sauber bleiben und lässt andere die Drecksarbeit erledigen.

Von solchen Phänomenen der Arbeitsteilung abgesehen scheint es in der Atomdebatte noch nicht einmal möglich, sich auf ein paar überschaubare Fakten zu einigen. Ist Kernkraft nun teurer oder billiger als konventionell hergestellte Energie? Was ist mit der Entsorgung? Und was passiert, wenn ein Flugzeug auf ein Kernkraftwerk stürzt, das für einen solchen Fall nicht ausgelegt wurde?

Als Laie, dem es eigentlich wurscht ist, wie der Strom erzeugt wird, möchte man doch Antworten auf solche Fragen bekommen. Oder wenigstens eine Orientierungshilfe. Am besten von Experten, die in der Materie zu Hause sind. Aber die sind dazu offenbar am allerwenigsten in der Lage. Im Prinzip läuft die Diskussion über Atomkraft und die möglichen Alternativen so wie der alte Streit zwischen den Befürwortern von Butter und von Margarine. Mal haben die einen die Nase vorn, mal die anderen, je nachdem, ob gerade die Milch oder der Raps auf dem Markt billiger zu haben ist.

Am Ende der streckenweise heftig geführten Diskussion sagte Maybrit Illner: "Man hat das Gefühl, es hätte noch eine Stunde weitergehen können."

Das stimmt, aber auch danach wäre man nicht schlauer gewesen.

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insgesamt 180 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
14.07.2008 von Papa_Oystein: keine Quellen

Seien Sie nicht albern - durch Quellen zu belegen war die Behauptung, dass die Existenz von Herrn Trittin und seiner Partei auf Lobbyismus für die Solarindustrie beruhe - das klingt für mich nicht nur nach Geld, sondern nach [...] mehr...

12.07.2008 von Michael KaiRo: Quellen en masse

hier einen ganze Haufen: http://www.google.de/search?hl=de&q=J%C3%BCrgen+Trittin+solarindustrie&start=10&sa=N Lobbyist bedeutet ja nicht zwangsläufig auch Kohle damit zu machen. Tatsache ist, dass die [...] mehr...

12.07.2008 von Papa_Oystein: keine Argumente

Sie merken also, wohin Ihr Diskussionsstil führt? Gut. Dann habe ich mein Ziel ja erreicht. Welchen Leuten laufen die Wähler weg? Und wo laufen die Wähler hin? Was sagen diese Wählerbewegungen über das vorliegende Thema? [...] mehr...

12.07.2008 von Papa_Oystein: Globalisierung

Ja, die Speichrung ist ein (zu lösendes und lösbares) Problem. Das habe ich vor einigen Seiten ja schon als vordringliche Aufgabe geschildert. Wenn das Problem, Solarenergie in sichere und leicht zu transportierende [...] mehr...

12.07.2008 von Graubi: Interessant!

ja ja --- wowowo sehr interessant -- wenn die Argument nicht mehr reichen, kommt aus bestimmten Ecken immer der Vorwurf von Kauflichkeit/ Bestechlichkeit. Wer sich hier unglaubwürdig macht, überlasse ich anderen -- aber die [...] mehr...

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