Von Reinhard Mohr
Es gibt noch Aha-Erlebnisse im Fernsehen. Momente, in denen sich die Verhältnisse wie im Blitzlicht zeigen. "Das System is' für'n Arsch!", hatte ein Passant bei "Anne Will" in einer jener Straßenumfragen getrötet, die wieder so beliebt sind als Stimmungsbarometer. Im Fernsehstudio wurde dann Volkes Stimme nur zu gern aufgenommen: "Auch ich finde, diese Demokratie löst die Probleme der Menschen nicht." Diesen bemerkenswerten Satz sagte Dagmar Enkelmann, Parlamentarische Geschäftsführerin der Linken im Bundestag.
Politiker Steinmeier: Geste der Ratlosigkeit
Eine offen demokratiefeindliche, ja antidemokratische Äußerung einer Frau, die einst SED-Mitglied war und Karriere in genau jenem System gemacht hat, das sie nun verwirft.
Gab es einen Aufstand der Demokraten, Empörung über so viel Heuchelei und billigen Populismus? Gab es wenigstens eine Nachfrage, welche "andere" Demokratie bitteschön die Probleme der Menschen lösen würde?
Natürlich nicht. Bedrohlich war damit letztlich nicht die Haltung einer bedenkenlos schnatternden Altkommunistin, sondern das Schweigen der Anderen. Zwar widersprach man hier und da der Propaganda der Linken, aber die ungelenken Beiträge des CDU-Politikers Jörg Schönbohm und der Schriftstellerin Monika Maron verstärkten den Eindruck: Die Demokratie wird skandalös schlecht verteidigt.
Unseliges Zusammenspiel von Politik und Medien
Die Darstellung der Demokratie durch die sogenannte politische Klasse wirkt oft defensiv bis zur Gleichgültigkeit, politisch entkernt, rhetorisch schwach. Außer der Fähigkeit, Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen, mangelt es an der Leidenschaft zum offenen Streit mit Opportunisten am rechten oder linken Rand, die zynisch auf Politikverdrossenheit und Unbildung der Bürger bauen.
Dabei kommt es zum unseligen Zusammenspiel von Politik und Medien, was gerade besonders grell bei Kurt Beck zu sehen ist. Die Medien machen sich über den unglückseligen SPD-Chef lustig, dieser schimpft auf den "Rudeltrieb" der Medien. Im ständigen Handgemenge wird gegenseitige Verunglimpfung zum Sport.
Jede Seite mag hier Spaß und auf ihre Weise recht haben. Doch der Blick aufs Ganze geht verloren. Abstand und Überblick kommen abhanden, die Verhältnismäßigkeit der Mittel - jene Urteilsfähigkeit, die ohne Loslösung vom täglichen Kampf um Mehrheiten und Quoten nicht zu haben ist.
Längst hat sich der Streit ums bessere Argument auf die Ebene gefühlter Gewissheiten verlagert, ins Reich von Ängsten und Verschwörungstheorien, Ressentiments und dumpfer Abwehrhaltung gegen jede neue Herausforderung.
Auch Journalisten tragen dafür Verantwortung. Statt um Information und Aufklärung geht es ihnen eher um die "Konstruktion von Plausibilität" - so nannte es der Hamburger Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Krug kürzlich bei einem Seminar für Hauptstadtjournalisten der Bundeszentrale für Politische Bildung in Berlin.
Viel Fiktion, wenig Fakten
Man mag sich fragen, was gegen eine plausible, also einleuchtende Vermittlung von Fakten zu sagen ist. Doch wenn man Begriffe wie Wahrheit und Wirklichkeit dagegen hält, erscheint Plausibilität vor allem als Simulation von Realität. Als Teil einer medialen Weltdarstellung, die auf Hochrechnung und Spekulation, Prognose und Inszenierung, Verdichtung und Pointierung beruht.
Von "gemachter Plausibilität" spricht Dagobert Lindlau, Reporter-Urgestein der ARD. So entsteht, was Germanisten ein "Narrativ" nennen, eine nachvollziehbare, glaubhafte Erzählung, die mit der Realität nur bedingt zu tun hat. Viel Fiktion, wenig Fakten.
"Infotainment" und "Politainment", zwei populäre Begriffe aus der Medienwissenschaft, kommen da in den Sinn. Selbst das Ereignis ist nicht mehr nur das Geschehen an sich, sondern bedarf der Inszenierung und wird schon während der Berichterstattung voller Selbstbezogenheit reflektiert. Ein Spiegelkabinett.
Ob Parteitage oder Greenpeace-Aktionen, Society-Events oder Demonstrationen, Feuilletondebatten oder Katastrophenszenarios - immer häufiger geht es um Außenwirkung, weniger um tatsächliche Bedeutung für den Lauf der Welt.
Und sehr, sehr viele machen mit. Wenn Greenpeace-Boote auf hoher See einen japanischen Walfänger umkreisen, verhindern die Aktionisten keine einzige Schlachtung der Meeressäuger. Es geht allein um die spektakulären Fernsehbilder, die später in den Nachrichtensendungen eine Idee transportieren, aber keine Wahrheit. Ähnliches gilt für Angela Merkels Posieren am Nordpol: Dem Klima hilft es nicht, der Kanzlerin schon eher.
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Wenn Sie etwas intellektuell nicht nachvollziehen können, muss das nicht unbedingt am Anlass Ihrer Meinungsäußerung liegen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass sich Artgenossen unter bestimmten Umständen erkennen. Sie, Herr [...] mehr...
Blumenstrauss hat vollkommen recht. Den Kommentar von "RETMAR" kann ich nicht nachvollziehen. By the way RETMAR, Sie sind zynisch! Sehr sogar. Wenn Sie sich das nach Ihrem letzten Eintrag nicht eingestehen koennen, dann [...] mehr...
Ähem.... Also, Michael Glos ist der personifizierte Gegenentwurf zum Neoliberalismus. Und zwar zu beiden Seiten. mehr...
Sie meinen es ernst. Sie erwarten also Alternativen. Wer sind Sie denn, dass Sie etwas von Anderen erwarten? Ihr Ton zeugt allerdings von Übung und Gewohnheit. Kenne ich alles. Es fehlt nur noch, mit der Faust auf den [...] mehr...
Interessanter Thread. Ich habe gerade einen Beitrag zu diesem Thema geschrieben, den ich aufgrund seiner Länge nicht hier reinkopieren möchte. Wen's interessiert: [...] mehr...
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