Von Reinhard Mohr
Der Idealfall medial vermittelter Aufmerksamkeit - Sensation und Skandalisierung in einem - ist die Katastrophe. Hier kommt alles zusammen: Die "Angstlust" der vom Unheil verschonten Konsumenten weitab vom schrecklichen Geschehen und die emotionalisierende "Angstkommunikation" in den Medien, die alle in Bann schlägt.
Diese virtuellen Tsunamis liefern allerdings ihre eigenen Heilkräfte gleich mit. Sie wirken kathartisch. Wer diese Hungersnöte, Kriege oder Überschwemmungen überlebt, hat eigentlich schon gewonnen, lautet die frohe Botschaft.
Spätestens die "Tagesschau" bringt alles wieder in Ordnung, wenn dort das Kleinklein um Pendlerpauschale oder Gesundheitsreform viel wichtiger scheint als das blutrünstige Wüten des Diktators Robert Mugabe in Simbabwe.
"Redundanz schafft emotionale Sicherheit", sagt Medientheoretiker Norbert Bolz über diesen Mechanismus: Solange um die Pendlerpauschale gestritten wird, ist die Welt in Ordnung. Massenmedien halten die ewige Wellenbewegung zwischen Auf- und Abregung im Lot. Nach der Katastrophe ist vor Kerner.
Politisch prekär wird es aber, wenn diese Mischung aus Alarmismus und Massenunterhaltung eine realistische Selbst- und Welteinschätzung unter sich begräbt. Dann werden Desinteresse, Unwissen und Abstumpfung befördert
Das Böse fest im Blick
Wenn Sensationalismus zur vorherrschenden Form gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung wird, werden komplexe Strukturen auf kleinste Nenner reduziert. Moralisierung tritt dann an die Stelle der Information - und mit ihr schlichtes Schwarz-Weiß-Denken: Wer ist schuld? Wer hat's verbrochen?
Klar, die Heuschrecken des globalen Kapitals ("Nie wieder Nokia!") und die Zumwinkels dieser Welt.
Der Fernsehzuschauer, kopfschüttelnd ob all des Bösen in der Welt, flaniert dann durch die Fußgängerzone, bis er dem nächsten Kamerateam vors Mikro läuft: "Wie stehen Sie zum demografischen Rentenfaktor? Was halten Sie von Sterbehilfe? Wer sollte Kanzlerkandidat der SPD werden?"
Da muss der Bürger erst mal tief Luft holen.
"Wir haben von fast allem keine Ahnung", sagt Medientheoretiker Bolz. Und so zählt schließlich nur noch das Gefühl, etwas zu wissen oder zu meinen. So wie im Fernsehen der Auftritt wichtiger ist als das Argument, ist beim Bürger die Stimmung wichtiger als jede Sachkenntnis.
Die "Sinnstiftung durch Dramatisierung" hat inzwischen eine übermächtige Sogwirkung, sagt der frühere SWR-Intendant Peter Voß. Der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Hans Matthias Kepplinger kritisiert, dass jedes theoretische Risiko zur gefühlten Gefahr mutiert, weil in der Flut verfügbaren Wissens einfachste Basisinformationen fehlen. Immer wird erst mal vom Schlimmstmöglichen ausgegangen, ob bei Rinderwahn, Waldsterben oder Klimawandel.
Durch all das Geraune und Gedröhne macht man sich selber kirre. Negativismus, Obskurantismus und Paranoia werden zur profanen Ersatzreligion einer Gesellschaft, die sich mit sich selbst nicht mehr auskennt.
Am Ende weiß keiner mehr, was Demokratie ist und Freiheit bedeutet. Das ist dann wieder Mittelalter, als die Erde noch eine Scheibe war.
Aber das war, frei nach Dagmar Enkelmann, ja auch keine Lösung.
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Wenn Sie etwas intellektuell nicht nachvollziehen können, muss das nicht unbedingt am Anlass Ihrer Meinungsäußerung liegen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass sich Artgenossen unter bestimmten Umständen erkennen. Sie, Herr [...] mehr...
Blumenstrauss hat vollkommen recht. Den Kommentar von "RETMAR" kann ich nicht nachvollziehen. By the way RETMAR, Sie sind zynisch! Sehr sogar. Wenn Sie sich das nach Ihrem letzten Eintrag nicht eingestehen koennen, dann [...] mehr...
Ähem.... Also, Michael Glos ist der personifizierte Gegenentwurf zum Neoliberalismus. Und zwar zu beiden Seiten. mehr...
Sie meinen es ernst. Sie erwarten also Alternativen. Wer sind Sie denn, dass Sie etwas von Anderen erwarten? Ihr Ton zeugt allerdings von Übung und Gewohnheit. Kenne ich alles. Es fehlt nur noch, mit der Faust auf den [...] mehr...
Interessanter Thread. Ich habe gerade einen Beitrag zu diesem Thema geschrieben, den ich aufgrund seiner Länge nicht hier reinkopieren möchte. Wen's interessiert: [...] mehr...
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