Von Reinhard Mohr
Wir können alles, wir machen alles. Eben noch kritisierte die Frauenbewegung die präpotenten Machos, deren Selbstbewusstsein tendenziell den Kosmos sprengt, all die Vorstadtstrizzis mit Bierbauch und Schlüsselanhänger, die glauben, ihnen gehöre die Welt (oder wenigstens der Bürgersteig). Nicht zu vergessen jene Bataillone von Führungskräften aus Wirtschaft und Politik, deren ganzer Habitus signalisiert: Wir sind die Masters of the Universe. Wir können nicht nur alles, wir wollen alles – frei nach der alten Spontiparole: "Wir wollen kein Stück Kuchen, wir kaufen die ganze Konditorei!" Wenn nicht gleich die ganze Kette.
Und nun das. "Kanzler trau ich mir nicht zu", bekennt Christian Wulff, Ministerpräsident von Niedersachsen und stellvertretender CDU-Vorsitzender im neuen, morgen erscheinenden "Stern" – ein unerhörtes Geständnis, das nicht einmal Kurt Beck zuzutrauen wäre, der sich immerhin zutraut, SPD-Vorsitzender zu sein, womöglich gar Kanzlerkandidat seiner Schrumpf-Partei.
Ihm aber, Wulff, Mutter aller Schwiegersöhne zwischen Peine und Lehrte, fehle nach eigener Aussage "der unbedingte Wille zur Macht". Anders als Roland Koch und Angela Merkel, als deren potentieller Nachfolger er vielen politischen Beobachtern bis gestern galt, sei er halt "kein Alphatier".
Fast sanftmütig und Mitleid heischend fügt er hinzu: "Auf mich wartet in Berlin niemand." Tröstend und brüderlich könnten wir natürlich zurückgeben: Auf uns wartet in Berlin auch niemand, jedenfalls nicht zu Hause.
Aber das wäre nicht tief genug gedacht.
Haben über 30 Jahre feministische Kritik am Manne also doch ihre Spuren hinterlassen? Sind die alten Gewissheiten der Burschen, die stets Lokomotivführer, Kanzler oder Präsident, mindestens aber Bahnchef werden wollten, plötzlich dahin? Sollen die "Ärzte" nun ihren zehn Jahre alten Hit "Männer sind Schweine" endgültig aus dem Repertoire nehmen und stattdessen Songs von Carla Bruni covern?
Geht es jetzt nur noch um Wellness?
"Was bleibt übrig vom Mann?" titelte unlängst der SPIEGEL. Müssen wir also fragen: Was bleibt übrig vom Wulff? Kommt da noch was? Oder ist mit 49 schon Ende der Fahnenstange?
Wahrscheinlich weiß es Wulff, typisch neuer Mann, selbst nicht. Höchstens ein Stück weit, gewissermaßen, irgendwie. Hin und her gerissen zwischen "mehr Eigenverantwortung" im Gesundheitswesen und "Lustgewinnen auf anderen Feldern" sucht der verunsicherte Mann um die 50 nach neuer Orientierung. Frei nach Kant: Was muss ich wissen, was darf ich hoffen?
"Neue Sensibilität" nannte das schon Marcuse
Ganz ungeschützt berichtet der niedersächsische Ministerpräsident, der mit seiner zweiten, deutlich jüngeren Frau seit Mai ein gemeinsames Kind hat, auch noch superehrlich und supersympathisch von "Selbstzweifeln" und offenbart seinen recht bescheidenen Zukunftstraum, der gut nach Hannover und Umgebung passt: "Ich fände es schön, wenn ich eine ganze Weile Ministerpräsident bleiben dürfte und meine Kinder mir Freude machen" ("machten" müsste es grammatikalisch richtig heißen, was aber die Freude nicht trüben soll).
Mehr nicht? War's das? Und: Finden wir das eigentlich gut?
Christian Wulff ist nicht allein. Auch Bundespräsident Horst Köhler zeigte sich jüngst im ZDF-Sommerinterview von der weichen, fast weiblichen Seite jenseits patriarchalischer Anmaßung und männlicher Größenphantasien: Ja, auch ihm mache das Amt "große Freude" und er wolle es gern noch eine Weile, also eine weitere Amtsperiode ausfüllen. Wie schön.
Selbst der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama strahlt bei aller zukunftsschwangeren Entschlossenheit eine eigentümlich feminine Weichheit jenseits harter Rationalitätsansprüche und technokratischer Sachzwänge aus.
"Neue Sensibilität" nannte das weit blickend schon vor 40 Jahren der Philosoph Herbert Marcuse.
Kanzlerkandidaten-Elternjahr?
Im grellen Kontrast zu dieser neuen Männlichkeit milder Sorte, die ihre alte Selbstgewissheit verloren zu haben scheint, wirken die neuen starken Frauen, deren Wille zur Macht äußerst ausgeprägt ist. Das gilt nicht nur für Angela Merkel, die im Augenblick niemanden mehr fürchten muss aus der christdemokratischen Truppe des Andenpakts, schon gar nicht Roland Koch. Auch Gesine "Schnatterinchen" Schwan, die sich praktisch im Alleingang auf die Abschussrampe Richtung Schloss Bellevue gesetzt und in die Umlaufbahn geschossen hat, erwischte mit ihrer persönlichen Force de Femme sogar altgediente Haudegen wie SPD-Fraktionschef Peter Struck auf dem falschen Fuß.
Ist die Erotik der Macht, das stolze, geheimnisvolle und uralte Besitztum der Männer, nun also auf die Frauen übergegangen? Sind wir Zeugen eines historischen Paradigmenwechsels? Ist die schwelende Führungskrise der SPD womöglich auch Folge dieser Entwicklung, kurz und grob: Will denn kein Schwein mehr Kanzler werden?
Oder ist das alles nur ein ausgefuchster Softie-Trick? Ein überschlauer Schachzug? Nimmt sich Christian Wulff, taktisch geschickt und strategisch klug, einfach nur ein Kanzlerkandidaten-Elternjahr, lässt Angela Merkel, derzeit sowieso unschlagbar, einfach weiter machen und wartet ab?
In ein paar Jahren ist er immer noch "um die Fünfzig", und wenn es dann darauf ankäme, würde er auf bohrende Nachfragen ("Aber Sie haben doch damals gesagt, Sie trauen es sich nicht zu!") antworten: "Jetzt traue ich es mir zu. Ich bin eben ein Stück reifer geworden."
Es wäre ihm fast zuzutrauen, dem neuen alten Mann.
Zum Alphatierchen reicht es allemal.
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Von ihrer Selbstbeschreibung her sind Sie vor allem eines: langweilig. Von solchen gibt es aber schon genug Regierende (Sarkozy, Blair). Irgendwelche inhaltlichen vorstellungen statt nur Machtdurst? mehr...
Das wäre auch irrational, wenn es sich denn so verhielte. Es geht aber um die ständige Bevorzugung von Frauen in Gesellschaft und Politik, die durch eine Art "neuen Chauvinismus" allerdings auch gerade von Männern [...] mehr...
Achso. Man könnte auch sagen: Entsprechend dem Satz: nur eine wirtschaftliche starke Gesellschaft (o.ä.) kann sich eine Demokratie als Staatsform leisten; nur eine gut funktionierende Demokratie kann sich eine Frau als Kanzlerin [...] mehr...
Gut zu wissen.;) Ich würde Sie trotzdem nicht wählen. Falls man denkt, man habe es als Bundeskanzler nötig, sich von den Problemen in der Eu zermürben zu lassen. Ich würde eher jemand wählen, der seine Macht dazu nutzen würde, [...] mehr...
Aha, deswegen gibt es auch so viele Nichtwähler...;) mehr...
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